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Auktion mit Handzeichnungen Raus mit den schrägen Blättern

Ein Sammlerpaar trennt sich von seiner kleinen Kollektion ungewöhnlicher Altmeisterzeichnungen. Das Konvolut kommt in Paris bei Christie's unter den Hammer.
18.02.2021 - 10:45 Uhr Kommentieren
Für die 16 x 10,7 cm große Zeichnung „Büste eines schreienden Mannes“ werden 60.000 bis 80.000 Euro erwartet (Ausschnitt). Quelle: Christie's Images Ltd.
Camillo Procaccini

Für die 16 x 10,7 cm große Zeichnung „Büste eines schreienden Mannes“ werden 60.000 bis 80.000 Euro erwartet (Ausschnitt).

(Foto: Christie's Images Ltd.)

Paris Ohne falsche Bescheidenheit betitelt Christie’s die Pariser Auktion einer Privatsammlung aus nur 25 Zeichnungen Alter Meister mit „Ausnahme-Gestalten“. Dieser Bezeichnung entspricht aber nur knapp ein Drittel der gerahmten Blätter, die das Auktionshaus am 24. März vor der üblichen Versteigerung von Handzeichnungen anbietet. Denn trotz der Verschiebung der Zeichnungsmesse „Salon du Dessin“ in die Zeit von 9. bis 12. Juni hält das Haus im Besitz der Familie Pinault an seinem angestammten Auktionstermin fest.

Ein anonymes Sammlerpaar erwarb die Zeichnungen italienischer Meister des 16. und des 17. Jahrhunderts in den Jahren 1988 bis 2010, vorwiegend in New York, wo sie einige Jahre lang lebten, sowie in Londoner Galerien. Einige Sujets sind spektakulär, „merkwürdig und unüblich“, wie der Pariser Handzeichnungsexperte Nicolas Joly bemerkt. „Sie entsprechen dem aktuellen Trend. Denn sie schildern genau das, was die Käufer im Moment suchen. Zeitgenossen-Sammler könnten ebenfalls Interesse zeigen“.

Dieser Charakterisierung entspricht besonders das Blatt mit zwei Skelett-Darstellungen des Venezianers Giovanni-Battista Franco, genannt Semolei, das bereits 1995 bei Sotheby’s in Monaco einen guten Preis erzielte und nun auf 200.000 bis 300.000 Euro taxiert ist.

Ähnlich unakademisch sind die Aktstudien zwei Männer von Baccio Bandinelli mit einer Schätzung von 150.000 bis 200.000 Euro. Dem Geschmack für Außergewöhnliches entspricht auch die „Büste eines schreienden Mannes“ des ideenreichen Camillo Procaccini. Sie soll 60.000 bis 80.000 Euro kosten. Grausam manieristisch ist das große Blatt des Franzosen François Quesnel, „Die Zeit besiegt die Jugend“, auf dem ein nackter Muskelprotz ein Kind erwürgt.

Eine Zeichnung von Hendrick Goltzius für die Kupferstich-Illustrationen von Ovids „Metamorphosen“, angesetzt auf 200.000 bis 300.000 Euro, zählt ferner zu den erwähnenswerten Ankäufen des Ehepaars, das sich von Charles Ryskamp, dem mondänen Direktor der Pierpont Morgan Library in New York, beraten ließ.

Das Blatt erzielte bereits bei Sotheby's 1995 einen guten Preis und ist nun auf 200.000 bis 300.000 Euro taxiert (Ausschnitt). Quelle: Christie's Images Ltd.
Giovanni-Battista Franco, genannt Semolei

Das Blatt erzielte bereits bei Sotheby's 1995 einen guten Preis und ist nun auf 200.000 bis 300.000 Euro taxiert (Ausschnitt).

(Foto: Christie's Images Ltd.)

Ansonsten verließen sich die damals jungen Käufer auf ihren Instinkt, oder auf Galeristen, die ihnen „verkauften, was sie wollten“, wie der anonyme Sammler später abschätzig in einem Zeitungsinterview bemerkte. Die ersten Ankäufe waren noch dekorativ und koloriert, wie die Vogeldarstellungen von Vincenzo Leonardi. Ihnen folgten christliche und mythologische Themen, sowie Herrscherporträts der Medici von Tintoretto und Stefano della Bella.

Das Gros der Blätter zählt eher zur zweiten Kategorie, was der Spezialist von Christie’s, Stijn Alsteens, mit „es sind nicht unbedingt große Namen, aber große Themen“ beschönigend umschreibt. Alsteens versichert überdies, die Zeichnungen hätten noch kürzlich in einem der Häuser des Paares gehangen. Trotzdem drängt sich der Verdacht auf, es handle sich um die Restbestände einer Kollektion, von der man sich definitiv abwendet und trennt.

Das Ehepaar wird als „Power Couple“ beschreiben. Seine Identität wäre leicht zu ermitteln, weil es über eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst verfügt, die seit zwei Jahren in einem Katalog erfasst ist. Für Kunden und Mitarbeiter sichtbar wird die zeitgenössische Kunst am Firmensitz ausgestellt.

Die Sammler sind großzügige Leihgeber. Der Ehemann ist ein klarsichtiger Bankier mit einer auf Vermögensverwaltung spezialisierten Privatbank, die Gattin eine fantasievolle Designerin.

Als er in den 1980er-Jahren in New York an der Wallstreet arbeitete, begannen die beiden zu sammeln; nach dem Prinzip, nur vielversprechende Anfänger anzukaufen. „Junge Künstler sind der Spiegel unserer Zeit“, meint der Sammler. Dennoch beauftragte er den nicht mehr jungen Andy Warhol, seine schöne Frau mit ihrem Sohn zu porträtieren.

Wie viele unerschrockene Zeitgenossen erwarb das Paar Bilder des noch kaum bekannten Jean-Michel Basquiat, die damals 2500 Dollar kosteten, dazu Francesco Clemente, Julian Schnabel und Jeff Koons.

Zurück in ihrer europäischen Heimat erweiterten sie ihren Ankaufsradius auf Fotografie und Videos von Cindy Sherman, Fischli und Weiss, Pipilotti Rist und Sylvie Fleury. Sie erwarben aber auch Arbeiten von Rosemarie Trockel, Isa Genzken, Paul McCarthy und sogar eine aufblasbare Megaskulptur des Briten Mark Leckey. Inzwischen kümmert sich ein eigener Kurator um die Sammlung, was wohl auch den Verkauf der Altmeister-Zeichnungen erklärt.

Mehr: Kunstmarkt in der Pandemie: Renaissance für übersehene Sammelgebiete

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