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Auktionshaus Nagel Musik im Jugendstil-Ambiente

Möbel des Jugendstilentwerfers Paul Haustein waren bislang nicht bekannt. Jetzt kommt bei Nagel gleich ein ganzes Musikzimmer unter den Hammer. Unter den Top-Losen findet sich auch eine Skulptur von Riemenschneider.
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Eine historische Aufnahme des Musiksalons der Villa Commerell in Höfen im Schwarzwald, deren Interieur um 1904/06 entworfen wurde. Quelle: Nagel Auktionen
Paul Haustein

Eine historische Aufnahme des Musiksalons der Villa Commerell in Höfen im Schwarzwald, deren Interieur um 1904/06 entworfen wurde.

(Foto: Nagel Auktionen)

StuttgartAn einer Hand abzuzählen sind die gotischen Skulpturen von Tilman Riemenschneider, die in den letzten zehn Jahren auf den Auktionsmarkt gelangten. So gut wie nichts von diesem Bildhauer aus Würzburg, der neben Veit Stoss zu den großen Meistern des späten 15. Jahrhunderts zählt, gelangt auf den Markt. Mit einer reliefartigen „Beweinung Christi“ des mainfränkischen Künstlers setzt deswegen das Auktionshaus Nagel einen Höhepunkt in seiner kommenden Auktion „Kunst & Antiquitäten“ (27./28. Februar 2019).

An Marktfrische fehlt es auf keinen Fall. Seit 200 Jahren befindet sich das Vesperbild in Familienbesitz. Mit einer Taxe von 45.000 Euro aber lässt Nagel keine vorschnellen Träume in den Himmel wachsen und schiebt das Werk ganz offensichtlich nicht in die oberste Liga im Riemenschneider-Ranking. Spitzenpreis bleibt nach wie vor die Summe von umgerechnet 4,5 Millionen Euro (inkl. Aufgeld), die der amerikanische Hochglanz-Künstler Jeff Koons 2008 bei Sotheby´s für eine „Heilige Katharina“ bezahlte.

Seltener Gast auf Auktionen

Weder von dieser Güte noch von dieser Preisklasse gelangten in den letzten Jahren Werke auf Auktionen. Bei der angebotenen Szene handelt es sich um ein kleineres Werk, das sich wahrscheinlich einmal in der Predella, dem Sockelteil eines Altars, befand. Das schmerzvolle Gesicht Marias und der verzerrte Leib Jesus' sind auch an anderen Werken Riemenschneiders erkennbar, so Albrecht Miller in seinem Gutachten. Doch wie überall sollte ein Käufer auch das Kleingedruckte lesen. Das Fazit des Skulpturenexperten lautet, „dass es sich um eine Arbeit Riemenschneiders mit starker Beteiligung seiner Werkstatt handelt“.

Glanzpunkt der Auktion: das reliefartige Vesperbild
Tilman Riemenschneider und Werkstatt

Glanzpunkt der Auktion: das reliefartige Vesperbild "Beweinung Christie", das um 1520 aus Lindenholz geschnitzt wurde. Der Schätzpreis liegt bei 45.000 Euro.

(Foto: Nagel Auktionen)

Rudolf Pressler, Senior-Spezialist und für die Akquise im Hause Nagel zuständig, nennt die Riemenschneider-Arbeit im Gespräch mit dem Handelsblatt ein Referenzstück dafür, „dass Nagel in Deutschland eine der wichtigen Adressen für gotische und barocke Skulpturen ist.“

Zum Aufruf kommen darüber hinaus das um 1490 feinsinnig und sensibel gearbeitete Paar „Trauernde Maria und Johannes“ aus dem bayerisch-schwäbischen Raum (Schätzpreis 5.500 Euro) sowie ein ganz weltlich als römischer Krieger dargestellter Heiliger Mauritius von 1650. Die frühbarocke Altarfigur des österreichischen Bildhauers Erasmus Kern ist auf 15.000 Euro taxiert.

Wer die Diskussionen um das neue Kulturschutzgesetz noch nicht vergessen hat, wird sich über eine durch Haltung und Gewand dramatisch bewegte Figur eines bärtigen Mannes mit Turban wundern. Die beeindruckende, auf 18.000 Euro geschätzte Holzskulptur des venezianischen Bildhauers Giacomo Piazzetta weist keinerlei Provenienz auf. Durch die italienischen Ausfuhrpapiere erfülle man aber alle gesetzlichen Forderungen, so Rudolf Pressler.

Diese Bestandteile des Musikzimmers aus der Villa Commerell werden bei Nagel versteigert. Quelle: Nagel Auktionen
Paul Haustein

Diese Bestandteile des Musikzimmers aus der Villa Commerell werden bei Nagel versteigert.

(Foto: Nagel Auktionen)

Mit einem außergewöhnlichen Musik-Zimmer-Ensemble von 1904/06 wird Nagel die Jugendstil-Sparte eröffnen. Nie zuvor sind Möbel des vorwiegend als Entwerfer für Keramik, Metallwaren und Lampen bekannten Paul Haustein bekannt geworden. Haustein gehörte in dieser Zeit zu den Mitstreitern der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Seine Möbel verraten, wie tief er den Geist der Moderne verinnerlicht hatte.

Elegant und konstruktiv wie die Wiener Möbel dieser Zeit erinnern die Stücke an die Arbeiten Josef Olbrichs und Josef Hoffmanns. Schwarz poliert und mit dezent arrangierten Perlmutt-Ornament-Einlagen wirken sie wie eine Vorwegnahme des Art Deco. Konzipiert waren sie für die Villa Commerell in Höfen im Schwarzwald. Selten, dass Möbel bis auf ihre Entwürfe zurückgeführt werden können. Herzstück der Gruppe ist eine mit quadratischen Formaten spielende Vitrine. Mindestens 5.000 Euro erwartet Nagel für das Stück. Die Taxen der anderen Teile liegen darunter.

Den Bedeutungsradius dieses Haustein-Entwurfs sieht Rudolf Pressler weit über den Stuttgarter Raum hinaus. „Das New York Yearbook hat damals das Zimmer als das modernste seiner Zeit gewürdigt“, so Nagels Möbelexperte.

Reliefartige, perspektivische Architekturdarstellungen täuschen das Auge. Entworfen wurde das über zwei Meter hohe Möbelstück um 1560/70. (Taxe: 8.000 Euro)
Fassadenschrank

Reliefartige, perspektivische Architekturdarstellungen täuschen das Auge. Entworfen wurde das über zwei Meter hohe Möbelstück um 1560/70. (Taxe: 8.000 Euro)

Während sich das Angebot an Barock- und Klassizismusmobiliar im Niedrigpreissegment bewegt, spricht Nagel den Möbel-Connaisseur mit einem französischen Kunstkammerschrank von 1560/70 an. Er ist nicht nur ein Prachtmöbel. Er ist zugleich Ausdruck einer geistigen Haltung. Architektur und Fragen der Perspektive bewegten im 15. und 16. Jahrhundert die Gemüter. Ihren Niederschlag konnte der Zeitgeist in augentäuschenden Flachreliefs von Türfüllungen finden, die den Blick in einen meterlangen Säulengang glauben machen. Das Möbel von musealer Qualität ist auf 8 000 Euro geschätzt.

Insgesamt ruft der Stuttgarter Versteigerer fast 1.000 Lose auf. Bei den Gemälden sticht unter anderem ein Paar Gemälde zweier Schwestern von Frédéric Dubois hervor. Nur noch selten kommen die direkten, unvermittelten Porträts aus der Revolutionszeit auf den Markt. Der avisierte Preis von 22.000 Euro ist nicht verlockend, aber marktgerecht.

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