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Ausstellung 30 Jahre Mauerfall: Über die hautnahe Erfahrung von Ausweglosigkeit

Das 30-jährige Jubiläum des Berliner Mauerfalls ist der Anlass, einmal grundsätzlich über Grenzen nachzudenken. Ein Rundgang durch die Schau im Gropius Bau.
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Michael Kviums lakonisches Gemälde
Ankunft im Urlaubsparadies

Michael Kviums lakonisches Gemälde "Beach of Plenty" (2017) thematisiert die Ankunft der Flüchtlinge.

(Foto: Anders Sune Berg, Courtesy: der Künstler & Nils Stærk Gallery)

Berlin Auch wenn kurz nach 1989 entstandene Fotos von Sibylle Bergmann den Rahmen der Schau im Gropius Bau bilden, ist nicht der Berliner Mauerfall das zentrale Thema der Ausstellung. Es geht um Trennung und Spaltung, um die Mauer im Kopf, um das Ertragen und Überwinden von Grenzen, um Mauern, die durch Raum und Gesellschaft gehen. Die Kunst ist hier das Medium, emotionale Denkströme freizusetzen, hautnah die Erfahrung von Raumnot, Ausweglosigkeit, Bedrängung zu nachzuerleben.

Schon der Einstieg ist symptomatisch. Die Fensterwand im Treppenhaus hat die Brasilianerin Regina Silveira über und über mit schwarzen Fußabdrücken bedeckt: Grenzmarken, die sich überlappen und ins Nirgendwo führen. Dass hier Migration gemeint ist, steht außer Frage. Noch deutlicher wird das in einem Gemälde des Dänen Michael Kvium, in dem Strandurlauber teilnahmslos auf ein Schlauchboot mit ankommenden Flüchtlingen blicken. Ein akustischer Weckruf ist die Audioinstallation des Nigerianers Emeka Ogboh, in der aus zehn Lautsprechern das in allen afrikanischen Sprachen gesungene Deutschlandlied tönt.

Geschichte prägt den Rundgang

Immer wieder prägt Geschichte in den Rundgang. Aus dem Fenster des Gropius Baus blicken Besucher*innen auf die Dauerschau „Topographie des Terrors“ und auf die grauen Fassaden des ehemaligen Reichsluftfahrt-Ministeriums. In einem mit der Musik von Tschaikowskys „Pathétique“ aufgeladenen Video von 2011 („1395 Days without Red“) zeigt der Albaner Anri Sala den Ausnahmezustand im jugoslawischen Bürgerkrieg 1992—96, in dem Menschen ihren von Scharfschützen bedrohten Weg durch die belagerte Stadt Sarajevo machen.

Um persönliche Macht, die im Zusammenspiel Trennung schafft, geht es in einem frühen Video von Ulay und Marina Abramović, in dem sich ein Paar wechselseitig ohrfeigt. Aggression lebt sich nicht minder aus in dem Video von Dara Friedman, die mit einer Bullenpeitsche eine Wandverkleidung in Stücke schlägt, bis das bloße Mauerwerk erscheint.

Ein Monument bezwungener Gewalt ist diese von zwei Spanngurten gehaltene Granitplatte, mit der der mexikanische Bildhauer überwundene Ohnmacht demonstriert. Quelle: Jose Dávila & VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Luca Girardini
José Davila

Ein Monument bezwungener Gewalt ist diese von zwei Spanngurten gehaltene Granitplatte, mit der der mexikanische Bildhauer überwundene Ohnmacht demonstriert.

(Foto: Jose Dávila & VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Luca Girardini)

Sehr viel zarter, aber subversiv geben sich 24 Aquarelle von Melvin Edwards, in denen die kompositorische Struktur durch Farbabdrucke von Ketten oder Stacheldraht gegeben ist. Ein Monument bezwungener Gewalt ist eine von zwei Spanngurten gehaltene Granitplatte, mit der der mexikanische Bildhauer José Davila überwundene Ohnmacht demonstriert. Konstruierte Ohnmacht bestimmt den versehrten Ziegelblock von Mona Hatoum, der sich zu keinem (Mauer-)Bau mehr verwenden lässt.

Ausgrenzung und Eingesperrtsein wird in vielen Arbeiten thematisiert. In den Bildern von Yuan Yuan, einem realistischen Maler aus Hangzhou, werden Käfige zu physischen Orten des bodenlosen freien Falls. Und wenn sich Gustav Metzger, dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde, in seinem Memorial aus meterhohen, eng zusammengestellten Pappkästen auf Eisenmanns Holocaustdenkmal bezieht, so spricht die Wahl dieses Materials zugleich für existenzielle Fragilität und Bewältigung von Machtstrukturen.

Das herzzerreißende Ende der Schau ist eine große Dunkelkammer der Israelin Smadar Dreyfus, in der in Weiß auf schwarzem Grund Rufe im Wortlaut erscheinen. Parallel schallen sie als Tondokument aus dem Lautsprecher. Es sind die Muttertagsgrüße in Syrien studierender Drusen, die sich über den militärbewachten Zaun an Verwandte auf dem israelisch kontrollierten Golan richten: Dokument einer Dauertrennung. Man verlässt die Ausstellung mit einem Kloß im Hals. Hier geht ästhetisch ungeschminkt an die Nieren, was zum Memento eines politischen Alltags geworden ist. In ihm scheint das Mauergefühl im Kontrast zu anderen Exponaten dieser Schau unüberwindbar. (Die Ausstellung läuft bis 19.1. 2020)

Das Still aus dem Video „Pteridophilia 2“ (2018) zeigt einen mit Farn schmusenden jungen Mann. Diese Arbeit ist Teil der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“. Quelle: Zheng Bo
Zheng Bo

Das Still aus dem Video „Pteridophilia 2“ (2018) zeigt einen mit Farn schmusenden jungen Mann. Diese Arbeit ist Teil der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“.

(Foto: Zheng Bo)

Eine andere Ausstellung im Erdgeschoss bezieht sich mit ihrem Titel „Garten der irdischen Freuden“ auf Hieronymus Boschs gleichnamiges Gemälde, das in einer zeitgenössischen Kopie an den Anfang gestellt ist. Der historische Titel des Bildes ist „Garten der Lüste“ und in der Tat pflegen die dargestellten Figuren als alptraumhaftes Pandämonium menschlicher Triebe ihre Lüste und Perversionen.

Von dieser Parallelwelt sind die meisten Werke dieser Ausstellung weit entfernt. Sie beleuchten den Garten als Sehnsuchtsort, aber auch als Ort des Schreckens und der ästhetischen Verwandlung bis zur kolonialistischen Seite. Eine solche erträumte Welt erscheint als ausgelebte Utopie in einer vierteiligen Videoarbeit des Chinesen Zheng Bo mit dem Titel „Pteridophilia“ (Liebe zu Farnen), in der junge Männer mit Riesenfarnen schmusen und kopulieren — Ausdruck einer Vermenschlichung der Natur und Befreiung vom anthropozentrischen Weltbild.

Schön drapierte Wasserleiche

Es gibt krasse Kontrastprogramme. Die Britin Heather Phillipson demonstriert in einer Großinstallation mit Bildern des Stinkkohls, der Aasfliegen anzieht, wie aus Verwesendem Neues entsteht. Der thailändische Künstler Korakrit Arunanondchai zeigt angekokelte Tableaus und Stofffetzen, die sich auf eine Umweltkatastrohe von 2012 in Bangkok beziehen. In diesem Ensemble zeigt ein Video ein Biotop, aus dem ein Naturanbeter als schön drapierte Wasserleiche aufs Meer hinausgezogen wird.

In einem puristischen Auftritt hat der Japaner Taro Shinoda 13 unregelmäßig bearbeitete Marmorsteine aufgestellt. Noch purer wirken die Umrisszeichnungen von Steinen, mit denen der amerikanische Avantgarde-Komponist John Cage die Naturform in eine Notenschrift verwandelte. Auch solche subtilen Arbeiten, die mit aller Entschiedenheit die Symbiose von Form und Inhalt pflegen, prägen diese Ausstellung. Sie ist in ihrer differenzierten Breite exemplarisch.

Mehr: Risse in der Mauer. Lesen Sie hier darüber, wie vielschichtig und widersprüchlich die Kunstszene in der DDR war.

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