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Ausstellung Ai Weiwei, der Politaktivist mit langem Atem

Düsseldorfs große Ausstellung über den chinesischen Künstler Ai Weiwei öffnet die Augen für eine tödliche Politik, die unzählige Opfer fordert.
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Ai Weiwei: Seine Werke bewegen sich zwischen Kunst und Politik

DüsseldorfAi Weiwei war selbst Flüchtling, als ihn Berlin Ende 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise mit offenen Armen empfing. China hatte den Künstler und Aktivisten endlich losgelassen nach Jahren streng überwachten Hausarrests und Monaten Isolierhaft. Die Reise ins griechische Flüchtlingslager Idomeni war danach eine seine ersten Amtshandlungen. Tausende Wäschestücke sammelte der heute 61-Jährige mit seinen Helfern auf, verschickte sie nach Berlin, wo sie gesäubert, geflickt und gebügelt wurden.

Auf 40 Kleiderständern hängen die Jacken, Schals und Babystrampler nun im Ständehaus in Düsseldorf. Chinas Staatsfeind, den das US-Magazin Arts Review zum wichtigsten Künstler weltweit kürte, zeigt in beiden Häusern der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen seinen bislang größten Werküberblick in Europa (bis 1.9.). 40 Schaffensjahre deckt die Schau ab, wobei sie sich auf jene künstlerische Arbeit konzentriert, die sich untrennbar mit seinem politisch-ethischen Engagement verbindet. Vor diesem Hintergrund kann erstmals auch das unbekannte Frühwerk mitbetrachtet werden.

Die Not, der Dreck und die Verzweiflung derer, die ihre Kleidung bei Auflösung des Lagers in Idomeni zurücklassen mussten, sind ihnen nach Ai Weiweis Behandlung nicht mehr anzusehen. Es ist, als hätte sie der Künstler für sein „Laundromat“ betiteltes Projekt buchstäblich einmal durch die Waschtrommel gejagt und in Kunst verwandelt.

Die Inspektion einer ins Ästhetische gewendeten Katastrophe hinterlässt weniger Beklemmung als die nüchterne Erkenntnis, dass sich das Elend am Ende doch in ausstellungstaugliche Münze verwandeln lässt. Primär soll „Laundromat“ wie ein begehbares „Environment“ funktionieren. Es will den Betrachter von allen Seiten überwältigen, will ihm – auch mit der Fülle an Fakten – den Atem nehmen. „Ich klage nicht an, ich zähle die Fakten auf“, erläutert Ai Weiwei auf Nachfrage.

Der Ausstellungsbesucher steht mitten unter Tausenden gut sortierter Kleidungsstücke; unter den Füßen die Bodentapete „Newsfeed“. Sie setzt sich aus Kurznachrichten des Ai Weiwei-Teams zusammen, als sie für ihren Film „Human Flow“ Flüchtlingslager weltweit aufsuchten. Und wenn man den Kopf hebt, prallt der Blick an einer riesigen Wand ab, auf der über 17 000 iPhone-Fotos ein buntes Mosaik von Lagerszenen bilden.

„Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir unsere Humanität überdenken sollten und Entscheidungen treffen sollten, die gut sind für die Entwicklung der gesamten Menschheit“, hatte Ai jüngst im Interview mit dem Handelsblatt Magazin gesagt. „Gelingt uns das? Bislang wohl nicht. Europa ist ja nicht einmal in der Lage, sich selbst zusammenzuhalten.“

Gleich um die Ecke liegt wie gestrandet ein meterlanges, dicht besetztes Bambus-Schiff von geisterhafter Anmutung („Life Cycle“, 2018). Männer, Frauen, Kinder und Babys fahren mit. Sie werden begleitet von der ägyptischen Königin Nofretete und den zwölf chinesischen Tierkreiszeichen, Symbole für den Kreislauf aus Werden und Vergehen.

Wer die Ausstellung in K21 betritt, steht sofort mitten in dem Environment
Ai Weiwei

Wer die Ausstellung in K21 betritt, steht sofort mitten in dem Environment "Laundromat". Es ist Ai Weiweis wichtigstes Werk, seit er Ende 2015 nach Deutschland kam.

(Foto: Foto: Federico Gambarini/dpa)

Souverän bedient sich Ai Weiwei aus dem Motivschatz der Kunstgeschichte, um seiner gut vernehmbaren Botschaft zusätzliches Gewicht zu geben. Auf der Wandtapete „Odyssey“ (2016) werden in mehreren Registern Flucht und Migration wie auf antiken griechischen und römischen Friesen dargestellt. Die Bilder der auf kippeligen Schlauchbooten zusammengedrängten Flüchtlinge wurden längst zu Ikonen. Sie haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, so wie es vor genau 200 Jahren Théodore Géricaults Gemälde „Floß der Medusa“ tat. Ein Politikum damals wie heute, ging es doch darum, das Versagen der Regierenden an den Pranger zu stellen. Sie hätten diese bewusst in Kauf genommene Tragödie gerne vertuscht.

Und noch etwas teilt Ai Weiwei mit Géricault: den langen Atem, mit der er sich als Künstler dem physischen und psychischen Leiden des Menschen widmet. Jahrelang recherchierte Ai Weiwei mit seinem Team die Namen der über 5.000 Kinder, die infolge schlampig gebauter Schulen bei dem Erdbeben von Sichuan 2008 ums Leben kamen. Namen, die die chinesische Regierung nicht veröffentlicht sehen wollte. Jahre vergingen, bis Handwerker die 164 Tonnen verbogener Stahlstäbe, die der Künstler aus dem Schutt bergen ließ, wieder gerade gehämmert hatten.

164 Tonnen verbogenen Armierungsstahl hatte der Künstler aus den zusammengestürzten Schulgebäuden nach dem Erdbeben einsammeln und wieder gerade hämmern lassen - so als wollte er heilen, was falsch gelaufen war. In der Düsseldorfer Ausstellung blieben sie in ihren Transportkisten, anders als bei früheren Ausstellungen. An der Wand die Namen der über 5000 toten Kinder, die Ai Weiwei mit seinen Helfern recherchieren konnte. Quelle: Kunstsammlung NRW
Ai Weiwei

164 Tonnen verbogenen Armierungsstahl hatte der Künstler aus den zusammengestürzten Schulgebäuden nach dem Erdbeben einsammeln und wieder gerade hämmern lassen - so als wollte er heilen, was falsch gelaufen war. In der Düsseldorfer Ausstellung blieben sie in ihren Transportkisten, anders als bei früheren Ausstellungen. An der Wand die Namen der über 5000 toten Kinder, die Ai Weiwei mit seinen Helfern recherchieren konnte.

(Foto: Kunstsammlung NRW)

Nun sind alle Stäbe in Düsseldorf. Eine Premiere, denn nur hier war genug Platz für das „Straight“ betitelte Werk, das Ai Weiwei für sein wichtigstes überhaupt hält. In früheren Ausstellungen hatte der Künstler „Straight“ auf dem Boden arrangiert, dass es wie eine vom Beben verworfene Landschaft aussieht. In Düsseldorf liegen die Stäbe nun nach Längen sortiert in ihren Kisten. Sie wirken nicht zufällig wie endlos aneinander gereihte Särge. Die Namen der Kinder bedecken die Wände.

Über die Dimension dieser Werke, den immensen Zeit- und Ressourcenaufwand bei der Herstellung, lässt sich nicht streiten. Er wird sichtbar und fühlbar; und er hat sein Äquivalent in der Zahl der Opfer. Immens auch die frappierende Steuerschuld von umgerechnet 1,7 Millionen Euro, die der chinesische Staat Ai Weiwei aufbrummte, um ihn mundtot zu machen. Die Schuldscheine, die der Künstler den Spendern ausstellte, die ihm halfen, sie zu begleichen, bedecken die Wände und sind Teil der Installation von 100 Tonnen handgefertigter Sonnenblumenkernen aus Porzellan („Sunflower Seeds“, 2010), ausgestellt in der Klee-Halle am Grabbeplatz.

Wer die Ausstellung gesehen hat, spürt: Ai Weiwei hat eine Mission und scheut keine Mühe, Missstände aufzudecken und in einer ästhetischen Form zu veröffentlichen. Dahinter steht die eigene, bis in die frühe Kindheit Ai Weiweis zurückreichende Erfahrung staatlicher Gewalt. Bis 1976 sein Vater, ein hoch angesehener Dichter rehabilitiert wurde, hatte die Familie in der Verbannung gelebt, zeitweise in einem Erdloch in der Wüste Gobi.

Manches Mal trägt Ai Weiwei jedoch richtig dick auf. Da hängt beispielsweise die Fotoserie mit dem ausgestreckten Mittelfinger „Study of Perspective“ (1995–2011) auf der Wandtapete „Odyssey“. Oder die Sockelzone des ohnehin schon beeindruckenden Flüchtlingsbootes bedecken Zitate prominenter Autoren, die auf die gefahrvolle Reise hinweisen und zugleich Akzeptanz für die Geflüchteten einfordern.

In den Arbeiten zu den chinesischen Tierkreiszeichen (
Ai Weiwei

In den Arbeiten zu den chinesischen Tierkreiszeichen ("Zodiac") ist die kritische Auseinandersetzung Ai Weiweis mit dem Westen eingegangen. Die ursprünglichen Brunnenskulpturen schmückten den alten Sommerpalast in Beijing, der vor 150 Jahren durch französische und britische Soldaten geplündert wurde.

(Foto: Kunstsammlung NRW; Achim Kukulies)

Ai Weiwei muss gut verdienen, um Projekte zu stemmen, für die er Hunderte von Helfern oder Tausende von Handwerkern braucht. Doch die Galerien winken ab, wenn es um die Kommunikation von Preisen geht. So profane Fakten stören offenbar nur die Sicht auf ein Werk voller Idealismus, durch das sich wie ein roter Faden das Thema des entrechteten Menschen zieht.

Kein Geheimnis machte die Galerie Hetzler in Berlin, die Ai Weiweis Überwachungskamera in Marmor im Angebot hat. „Surveillance Camera and Plinth“ wurde als Edition in einer Auflage von 17 Stück produziert und wird für 350 000 Euro verkauft.

Erschwinglicher, aber vielleicht nicht jedermanns Geschmack sind die kleinen „Stinkefinger“ aus Glas in sechs verschiedenen Farben, die Weng Contemporary in einer Edition von 100 zum Preis zwischen 7.000 und 8.000 Euro anbietet.

Das andere Ende der Spanne markieren die bei Phillips erzielten Millionen-Preise: 3,4 Millionen Dollar für eine goldene Version der zwölf Zodiakfiguren in 2017 und 3,4 Millionen Pfund für eine größere in Bronze im Jahr 2015.

Auch wenn vieles unhandlich erscheinen mag und gut verkäufliche Wandbilder eher selten sind. Viele Werke sind aber auch in kleinerem Maßstab verfügbar. Zum Beispiel die Sonnenblumenkerne aus Porzellan. Sie wurden auch schon 100 Kiloweise verkauft. Kostenpunkt: bis zu 350.000 Pfund.

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