Jörg Immendorff

Sein Bild „Café Deutschland I“ (1978) ist gemalte Geschichte.

(Foto: Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York)

Ausstellung Das magische Theater eines Malerfürsten

Jörg Immendorff tat zu Lebzeiten alles, um seinen Ruf zu ruinieren. Die erste Retrospektive nach dem Tod des Künstlers macht den Weg für eine Neubewertung frei.
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MünchenDistanz ist unmöglich. Wer in der Jörg-Immendorff-Retrospektive im Münchener Haus der Kunst auf die großformatigen Bilder des Düsseldorfer Malers schaut, blickt tief in eine getriebene und auch eitle Künstlerseele. Es sind vielschichtige Tableaus voller politischer und selbstbezüglicher Anspielungen.

Noch 1973 provozierte er mit radikalem Dilettantismus. Seine sogenannten „Agitprop-Bilder“ trugen Titel wie „Wo stehst Du mit Deiner Kunst Kollege“. Doch spätestens seit seinem symbolbefrachteten, politisch aufgeladenen Zyklus „Café Deutschland“ (1977–1982) inszenierte Immendorff mit seiner Malerei ein schrilles, comicartiges Welttheater.

Auch Immendorffs Selbstporträts sind bühnenreife Szenen. Vor schwarzem Hintergrund sitzt der Maler als Harlekin vor einer abbrennenden Kerze. Das „Letzte Selbstporträt I – das Bild ruft“ entstand, kurz nachdem bei ihm die unheilbare Nervenlähmung ALS diagnostiziert worden war. Ein Adler sitzt dem Maler auf der Schulter, sein Gefieder bildet eine Ansammlung von Selbstzitaten. 2007, als Immendorff seine Bildvisionen von Assistenten anfertigen ließ, wiederholte er das Motiv. Im „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“ werden die Schwingen von Zeichnungen des sozialkritischen englischen Malers William Hogarth bedeckt.

Ein magischer Realismus zieht sich durch die oft engen Bildräume. Wie einst der Renaissancemaler Hieronymus Bosch ordnete auch Immendorff seine Fantasien als Planspiel an und konstruierte mit einem Hang zum Surrealen fiktive Realitäten.

In „Gyntiana“ von 1992/93 schrubbt in einem wilden Personalpanoptikum Joseph Beuys den Körper einer Bardame, während vorn der Maler A. R. Penck auf einem Fahrrad Gurken transportiert. Mittendrin, in einem mit Bienen bedruckten Morgenmantel, steht Immendorff selbst, an den Füßen zwei schwarz-rot-goldene Klötze mit der Aufschrift „LIDL“. Eingeweihte wissen: Beuys war sein Lehrer, Penck sein engster Freund und LIDL eine seiner frühesten kunstpolitischen Aktionen. Sie hat nichts mit der gleichnamigen Supermarktkette zu tun. Gespielte Kindlichkeit setzten Immendorff und seine damalige Ehefrau Chris Reinecke in den Sechzigerjahren als Zeichen gegen den Vietnamkrieg.

Mit Ironie reagiert der Künstler auf Kunstbetrieb und Gesellschaft. Das Motiv "Für alle Lieben in der Welt" (1966) lieferte den Titel der Münchner Schau. Es ist eine Leihgabe der Städtischen Galerie Karlsruhe. Quelle: Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märki
Jörg Immendorff

Mit Ironie reagiert der Künstler auf Kunstbetrieb und Gesellschaft. Das Motiv "Für alle Lieben in der Welt" (1966) lieferte den Titel der Münchner Schau. Es ist eine Leihgabe der Städtischen Galerie Karlsruhe.

(Foto: Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märki)

Mit Bildern pausbäckiger Riesenbabys, die Titel wie „Teine Tunst malen“ trugen, konterkariert er Kunstbetrieb und Gesellschaft. Das Bild „Für alle Lieben in der Welt“ (Abbildung rechts) aus der Serie gab der Ausstellung ihren Titel. Sie ist die erste umfassende Übersichtsschau nach seinem frühen Tod 2007.

Kurator Ulrich Wilmes hofft, den Blick neu auf das Werk eines Künstlers zu lenken, der die Entwicklung in der Bundesrepublik bis zu den Neuen Wilden entscheidend geprägt hat. „Es hat dieses Jahrzehnt nach seinem Tod gebraucht, um den Schatten der polarisierenden und extrovertierten Persönlichkeit wegzuschieben und wieder unvoreingenommen die Vielfalt, Stärke und politische Intention seiner Kunst zu betrachten“, so Wilmes im Gespräch mit dem Handelsblatt. Immendorff pflegte das Image des Malerfürsten in schwarzer Lederjacke und geriet mit Kokainorgien in die Schlagzeilen. Der Ausstellung mit 200 Gemälden aus allen Schaffensphasen muss man attestieren: Mission erfüllt.

Flurschaden durch Affenschwemme

Der Kunstmarkt litt nicht wenig unter den Eskapaden des Künstlers. Immendorff wird mit Georg Baselitz, Albert Oehlen und A. R. Penck in einem Atemzug genannt. Doch seine Preise liegen auf Auktionen auch aufgrund des Mangels an bedeutsamen Werken weit unter denen der Malerkollegen. Die Omnipräsenz der Affenbilder und -skulpturen hat einen Flurschaden hinterlassen. Einst als Alter Ego eingeführt, wurde das Tier fälschlicherweise zum Synonym für Immendorffs Werk. Auktionspreise im Bereich von 200.000 und 300.000 Euro liegen sechs bis zehn Jahre zurück.

Michael Werner, langjähriger Galerist und Nachlassbetreuer des Werks, sagte dem Handelsblatt, dass Immendorff am Schluss die Kontrolle verloren und zu viele Zertifikate erstellt hätte. Seit dem Erscheinen des Werkverzeichnisses gibt es wieder Klarheit. Werner glaubt fest an eine Renaissance Immendorffs. Wichtige Werke kosten zwischen 250.000 und eine Million Euro.

„Jörg Immendorff. Für alle Lieben dieser Welt“, Haus der Kunst, München, bis 27.1.2019. Kat.: Verlag Walther König, 49,80 Euro. Am 15.11. eröffnet Michael Werner in New York die Ausstellung „Jörg Immendorf. Questions from a Painter who reads“.

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