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Ausstellung in Berlin Impressionist Gustave Caillebotte: Spätzünder auf dem Kunstmarkt

Der französische Impressionist Gustave Caillebotte galt lange als Geheimtipp. Inzwischen würdigt der Kunstmarkt seine kühnen Perspektiven mit Millionenpreisen.
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Caillebottes Anschnitt, die Leere und die Atmosphäre sind modern. Quelle: bpk / The Art Institute of Chica
„Pariser Straße, Regentag“

Caillebottes Anschnitt, die Leere und die Atmosphäre sind modern.

(Foto: bpk / The Art Institute of Chica)

BerlinVor zwölf Jahren tauchte er noch nicht in der Berliner Ausstellung der „Schönsten Franzosen“ auf. Zwar hatte Gustave Caillebotte, der lange Zeit unterschätzte Impressionist, schon im Mai 2000 einen hohen Millionenpreis erzielt. Aber in der Sammlung des New Yorker Metropolitan Museums, aus der die glanzvollen Leihgaben der Berliner Schau in der Alten Nationalgalerie stammten, war er bis 2014 nicht vertreten.

Das zeigt, welch geringen Stellenwert der Künstler bis in die jüngste Zeit in den Weltmuseen hatte. Selbst eine Caillebotte-Ausstellung im Brooklyn Museum (1976) und die umfassende Retrospektive von 1994/95 in Paris und Chicago und eine Londoner Schau 1996 hatten keinen wirklich zündenden Effekt. Selbst in John Rewalds fundamentaler „Geschichte des Impressionismus“, zuletzt 1973 neu aufgelegt, spielt Caillebotte nur eine Nebenrolle.

So war es schon eine visionäre Tat, als das Chicagoer Art Institute 1964 das Hauptwerk „Straße in Paris. Regenwetter“ erwarb. Um dieses magische, erst jüngst gereinigte Bild hat jetzt die Alte Nationalgalerie Berlin eine nicht umfangreiche, aber erhellende Ausstellung arrangiert, die mit weiteren Gemälden und Skizzen Einblick in die skrupulöse Arbeitsweise des Malers gibt. Im Leihgabentausch wurde Manets Meisterwerk „Im Wintergarten“ von Berlin nach Chicago geschickt.

Die eigene, der frühen Sammeltätigkeit des damaligen Direktors Hugo von Tschudi zu verdankende Impressionisten-Sammlung der Nationalgalerie erscheint in diesem Zusammenhang in neuem Licht. Sie enthält Spitzenwerke all jener Künstler von Manet bis Cézanne, für die Caillebotte sich als reicher Erbe zeitlebens eingesetzt hat, die er in seinem kurzen Leben förderte und sammelte.

Er starb 1894 mit 45 Jahren und hinterließ seine Sammlung dem Staat. Er ahnte, dass es Jahrzehnte dauern würde, bis seine eigenen Werke ausgestellt und gewürdigt werden könnten.

Das Großformat aus Chicago ist ein magischer Blickfänger. Die Reinigung hat den vormals gelblichen Schleier zugunsten des hellen graublauen Grundtons gelüftet.

Es ist die fast greifbare Atmosphäre eines Regentags, in dem Straßenfluchten Passanten schlucken und ein beschirmtes Paar mit wachem Blick aus dem Bild schreitet. Diese Ansicht, die die angeschnittene Perspektive als einsaugendes Moment verwendet, ist eines der hervorstechenden Stilelemente Caillebottes.

Die Ölskizze von 1876 zeigt wenig von der Brücke, aber viel Licht und Schatten. Quelle: akg-images / Erich Lessing
Gustave Caillebotte „Der Pont de l’Europe“

Die Ölskizze von 1876 zeigt wenig von der Brücke, aber viel Licht und Schatten.

(Foto: akg-images / Erich Lessing)

In anderen Hauptwerken schaffen kühne Diagonalen dynamische Bildwirkungen, überrascht die Vogelperspektive, führen fotografisch angelegte Fenster- oder Balkonausblicke weit in die Tiefe des Stadtraums. Auch Monet hat solche Perspektiven in Werken der 1870er-Jahre benutzt, wenn auch nicht in der rigorosen Klarheit, mit der Caillebotte die Raumwirkung ausschöpft.

In den Interieurs erinnert manche angeschnittene Bildform an Gemälde von Edgar Degas, aber es lässt sich nicht definitiv klären, wem bei gleichzeitig entstandenen Werken die Ehre der Erstfindung gebührt. Im Fall Auguste Renoir ist der Fall hingegen klar. Sein Bildnis der Madame Chocquet am Fenster entstand 1876, ein Jahr nachdem Caillebotte seinen vor prägnanter Balustrade stehenden „Mann am Fenster“ vollendet hatte.

Wie sehr dieses Motiv noch heute begeistert, sich als Markenzeichen eines verkannten Impressionismus eingeprägt hat, zeigt der Auktionszuschlag für ein ähnliches, 1880 datiertes Bild von Caillebotte. Im Mai 2000 wurde der „Mann auf dem Balkon, Boulevard Haussmann“ für 14,3 Millionen Dollar aus Schweizer Privatbesitz bei Christie’s in New York versteigert. Es war zu dieser Zeit ein unerhörter Preis, der mit einem Schlag das Marktinteresse weckte.

Zwei Jahre später geht im selben Auktionssaal die Ölstudie der Eisenbrücke „Pont de l’Europe“ für 4,4 Millionen Dollar in amerikanischen Privatbesitz. Dasselbe Gemälde kommt im Mai 2018 wieder auf den Auktionsblock von Christie’s und erlöst 8,1 Millionen Dollar: Ein starker Preis für eine Studie. Eine weitere Vorstudie aus dem Besitz des Museums in Rennes hängt in der Berliner Ausstellung. Das ausgearbeitete Werk befindet sich im Kimbell Art Museum im texanischen Fort Worth.

Wie stark sich der Blick auf den Künstler in wenigen Jahren gewandelt hat, zeigt der Preisvergleich für das Gemälde „Le Pont de l’Argenteuil“, das im November 2008 bei Christie’s 8,4 Millionen Dollar einspielte und genau drei Jahre später bei Sotheby’s für 18 Millionen Dollar versteigert wurde. Das war nur für kurze Zeit ein Rekordpreis.

Im Februar 2019 kam bei Christie’s in London das Landschaftsbild „Der aufsteigende Weg“ von 1881 unter den Hammer, auf dem zwei Rückenfiguren, die eine mit geschultertem rotem Sonnenschirm, eine Parklandschaft hinaufschreiten. Dieses eher liebliche Bild, das 2003 in New York noch 6,7 Millionen Dollar erzielt hatte, wurde nun für 16,6 Millionen Pfund, umgerechnet 22 Millionen Dollar zugeschlagen.

Die Aufwärtsspirale ist unverkennbar. Man darf auf den nächsten Preiscoup gespannt sein, denn die meisten Werke des Malers befinden sich nicht in Museumshand, sondern seit Anbeginn in Privatbesitz.

Caillebotte hatte von 1877 bis 1882 in vier Gemeinschafts-Ausstellungen der Impressionisten mitgemacht. Als Erbe eines Vermögens, das sein Vater mit Militärausrüstungen verdiente, hatte er den Absatz seiner Werke nicht nötig. Aber als Sammler spielte er in der Riege der frühen Impressionistenkäufer Thódore Duret, Henri Rouart und Emmanuel Chabrier geschmacksbildend mit. Dieser Doppelaspekt, Künstler und Förderer einer epochalen Kunstrichtung zugleich zu sein, hat zu einer Jahrzehnte währenden kunsthistorischen Unterbewertung geführt.

Blick in die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie von Berlin. Quelle: Alte Nationalgalerie Foto: David von Becker
Gustave Caillebotte

Blick in die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie von Berlin.

(Foto: Alte Nationalgalerie Foto: David von Becker)

Wer sich von der Unterbewertung als Sammler nicht blenden ließ, konnte Werke von Caillebotte lange Zeit für vergleichsweise wenig Geld erwerben. Rund siebzig Prozent der Gemälde Caillebottes, die in der großen Pariser Retrospektive von 1994 hingen, befanden sich damals in Privatbesitz. Einer der eifrigsten Sammler ist der in Genf und London ansässige Sammler Samuel Josefowitz, der schon in den Neunzigerjahren nicht weniger als neun Werke des Malers besaß, vorwiegend Porträts und späte, eigenwillige Blumenbilder.

Heute wird gerade die Doppelrolle von Caillebotte als Künstler und Förderer seiner Zeitgenossen als Gütesiegel verstanden. Es ist durchaus legitim, dass der vielleicht letzte noch unterbewertete Impressionist nun Marktmagnet einer neuen Sammlergeneration wird, die nicht nur auf große Namen fixiert ist. Auch wenn die Preise, die Caillebottes Werke erzielen, noch lange nicht mit den 110 Millionen Dollar konkurrieren können, die jüngst für den „Heuhaufen“ seines einstigen Freundes Claude Monet gezahlt wurden.

„Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen des Impressionismus“ läuft bis zum 15. September 2019 in der Alten Nationalgalerie Berlin. Der Katalog kostet 22 Euro.

Mehr: Auktionen in New York - Sotheby's und Christie's machen mit ihren Impressionismus- und Moderne-Auktionen Umsätze wie lange nicht mehr. Lesen Sie hier unseren Nachbericht.

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