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Ausstellung in Essen Keith Haring: Von der Protestkunst zum Merchandising-Objekt

Jeder kennt die Strichmännchen von Keith Haring. Doch der Amerikaner schuf auch Mode und Plattencover. Das Essener Folkwang Museum zeigt sie in einer Retrospektive.
03.09.2020 - 15:36 Uhr Kommentieren
Keith Haring hat in seinen Bildern, aber auch in seinem kurzen Leben für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gekämpft. Quelle: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutter
Ein Kämpfer

Keith Haring hat in seinen Bildern, aber auch in seinem kurzen Leben für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gekämpft.

(Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutter)

Essen Wenn Keith Haring malte, war der Schaffensprozess immer zugleich auch eine Performance: Wie getrieben von harten Beats hitziger Rhythmen warf er seine scharfen Linien und archetypischen Motive in frappierendem Tempo auf Wände, Böden, Papier, Vinylplanen, Motorhauben und alles, was sich ihm sonst noch anbot.

Nicht nur verblüffend schnell, sondern auch traumwandlerisch sicher im Strich und dem Gefühl für Fläche und Proportionen kam Haring stets ohne Skizzen aus, aber keineswegs ohne Konzept. Videos der Entstehung seiner Arbeiten dokumentieren zwar seine spontan wirkenden Bewegungen, unterstreichen aber auch seinen hochkonzentrierten Ausdruckswillen und präzisen Mitteilungsdrang.

Die Kunst des 1990 mit nur 31 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung gestorbenen amerikanischen Künstlers ist nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Sie durchschritt in kaum mehr als zehn aktiven Jahren eine Reihe von einander scheinbar widersprechenden Werkphasen. Alle waren aufs Engste mit seinem stets auf höchsten Touren laufenden Leben verzahnt.

Dieses verwirrend intensive und künstlerisch so vielfältige Leben teilt die Schau im Essener Folkwang Museum in zehn Kapitel ein, die in einer offenen, fast urbanen Struktur jederzeit Rück- und Einblicke ermöglichen.

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    Haring malte in den Straßen New Yorks, in U-Bahn-Stationen auf leere Werbeflächen, er performte im legendären Club 57 im East Village, gestaltete Plattencover, er machte Mode mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren und für Madonna, er bemalte Graces Jones“ nackten Körper. Er engagierte sich als Aktivist gegen Rassismus, Drogensucht, Unterdrückung und als bekennender Schwuler auch gegen Homophobie, entwarf Poster für Demonstrationen und eröffnete in Manhattan einen Pop-Shop, in dem er seine Kunst als preiswerte Merchandisingartikel für den nicht so solventen Kunstfan anbot.

    Ein Leben, das exemplarisch für das aus der Hippie-Ära stammende Motto „Live fast, die young“ stehen könnte, spiegelt vor allem das pulsierende, raue New York der 1980er-Jahre mit seinen Bars, Klubs und seiner florierenden Underground-Kultur.
    In der Luft liegen Rock-, Pop- und Hiphop-Rhythmen und die schrillen Tonspuren der Performances und Demonstrationen. Die Ausstellung lädt bewusst nicht ein zu stiller Kontemplation, sondern will mitreißen in das Lebensgefühl jener Zeit, das sich von der heiteren Anarchie der frühen 1980er-Jahre auch für Haring persönlich am Ende des Jahrzehnts zusehends verdüsterte, auch unter dem Damoklesschwert des Aids-Virus.

    Er liebte Comics und Hieroglyphen

    Die Schau ist chronologisch angeordnet und lässt anschaulich nachvollziehen, welche Einflüsse Harings Werk prägten. Zunächst waren es Disney-Comics, die den in behüteten Verhältnissen in Pennsylvania geborenen Künstler beeinflussten und ihn nach Pittsburgh führten, wo er ein Grafikdesign-Studium begann, aber nach zwei Jahren abbrach. In dieser Zeit interessierten ihn die Expressionisten etwa wie Jean Dubuffet, aber auch Picasso und Fernand Léger. Er hatte eine Vorliebe für asiatische Kalligrafie, aztekische Symbolik und ägyptische Hieroglyphen – vor allem diese archaischen Zeichensprachen flossen später in seine eigene Bildsprache ein.

    1978 zog Haring nach New York, 1979 ins East Village, das er selbst als „Gay Disneyland“ bezeichnete. Aus dieser Zeit sind Fotos und Videos zu sehen, unter anderem mit Jean-Michel Basquiat. Im Sommer 1979 begann Haring in den Straßen und in den U-Bahn-Stationen New Yorks zu malen, um mit seiner Kunst jeden zu erreichen.

    In dieser Zeit entwickelte er aus Piktogrammen seine Bildsprache. Das „Radiant Baby“ wird zu seinem Markenzeichen. Ab Anfang der 1980er-Jahre wächst Haring zu einer Größe des New Yorker Kunstbetriebs heran. Erste Ausstellungen folgen, seit 1982 lässt er sich von dem Galeristen Tony Shafrazi vertreten. Dann geht alles sehr schnell: Noch im gleichen Jahr wird er zur Documenta 7 eingeladen.

    Politisch aktiv

    Doch zeitgleich mit dem wachsenden Ruhm in der Kunstwelt wächst sein Engagement für den politischen Aktivismus und für gemeinnützige Projekte. Die Ausstellung zeigt Fotos von Demonstrationen, die von Haring gestalteten Poster und Werke wie „Untitled (Apartheit)“ von 1984, ein kraftvolles, taufrisch wirkendes Großformat in dem spannungsreichen Farbklang schwarz-weiß-rot.

    In den späteren 1980-er Jahren, spätestens seit Haring von seiner HIV-Infektion weiß, wird seine Bildsprache wilder. Sie löst sich von der Strenge der Piktogramme hin zur surrealen Dichte von Wimmelbildern. Rätselhaft und düster schließlich „Apokalypse“ von 1988, eine Serie von zehn Siebdrucken zu Texten von William S. Burroughs, auf denen Haring wild über religiöse Motive und Zitate aus der Kunstgeschichte fantasiert.

    Die Essener Ausstellung vermittelt einen umfassenden Einblick in das überbordende Schaffen von Keith Haring. Die Kapitel zu seinem politischen Aktivismus wirken allerdings seltsam museal präsentiert, obwohl Harings Themen doch heute wieder hochaktuell sind. Auch der Pop-Shop ist bloß dokumentierend präsentiert, da hätte sich ein echter Shop doch angeboten.

    Insgesamt aber eine überaus sehenswerte und überraschende Ausstellung, weil sie viele Seiten von Harings Werk zeigt, die im Rummel seiner Markenzeichen untergingen.

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