Ausstellung: Orlan in Wien – Kampf gegen die Stereotype
Wien. Es müssen die günstigsten Kunstwerke auf der Fiac, Frankreichs einst wichtigster Kunstmesse, gewesen sein: jene Küsse, die das Publikum der französischen Künstlerin Orlan damals, im Jahr 1977, abkaufen konnte. Nach Einwurf einer 5-Franc-Münze in eine Röhre, die auf einem Foto ihres nackten Oberkörpers montiert war, durfte man die Ware direkt bei der Künstlerin in Empfang nehmen.
Orlan, eine der bekanntesten französischen Künstlerinnen, gastiert derzeit in der Wiener Sammlung Verbund. Seit 19 Jahren baut der Energiekonzern eine Kollektion auf. Leiterin Gabriele Schor legte einen inhaltlichen Schwerpunkt auf frühe feministische Kunst seit den 1970er-Jahren. Die Kollektion verfügt über Werke von – naheliegend in Wien – Valie Export, aber auch Ana Mendieta, Ulrike Rosenbach, Carolee Schneeman, Cindy Sherman und vieler anderer.
Die Ausstellungen am Firmensitz und in internationalen Häusern ergänzt Schor durch umfangreiche Kataloge. Auch über Orlan, von der man 20 Arbeiten besitzt, erschien nun eine Monografie, die erste über sie in deutscher Sprache. Längst ist die Sammlung, deren jährliches Budget aktuell 700.000 Euro beträgt, über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt.
Die Ausstellung von Orlan, die 75 Jahre alt ist und in Paris lebt, umfasst einen Zeitraum von fast sechs Dekaden. Sie wird in der Vertikalen Galerie gezeigt, die nichts anderes als das Treppenhaus der Firmenzentrale ist.
Gleich im ersten Stock begrüßt das Publikum das älteste Werk, das die Künstlerin im Alter von nur 17 Jahren geschaffen haben soll: Auf einem Foto sieht man die nackte Künstlerin, wie sie zwischen ihren Beinen eine Puppe hervorzieht – „ORLAN gebiert ihr geliebtes Selbst“, so der Titel. Damit befreite sie sich von stereotypen Vorstellungen, die damals wie heute Frauen zu erfüllen hatten, erzählt sie.
Schor arrangierte die Ausstellung chronologisch. Sie startet mit den frühen feministischen Performances, die hier mit Schwarzweiß-Fotos und rekonstruierten Objekten daraus dokumentiert sind. Es folgen Fotografien, auf denen sich Orlan in verschiedenen Frauenrollen quer durch die Kunstgeschichte inszeniert, und solchen von ihren plastisch-chirurgischen Operationen.
Am Ende des Rundgangs über sieben Stockwerke stehen Orlans jüngere Fotomontagen, in denen sie Teile ihres eigenen Gesichts mit Ausschnitten aus Picassos Frauenbildnissen verschneidet: „Die weinenden Frauen sind zornig“.
Häufig wird Orlan als Performancekünstlerin betrachtet, doch dagegen verwahrt sie sich. „Ich bin keine Künstlerin, die einem bestimmten Medium unterworfen ist“, sagt sie bei der Pressekonferenz. Sie überlege stets zuerst das Konzept, danach das Medium.
Bekannt wurden vor allem Orlans OPs, die sie fotografieren und filmen ließ. Auf den Bildern in der Vertikalen Galerie ist sie im Operationssaal zu sehen, wie sie im Gesicht eine Art Skizze oder chirurgisches Besteck trägt. Eines der Ergebnisse dieser OPs sticht bis heute ins Auge: An Orlans Schläfen sitzen zwei Implantate, die ein wenig wie Hörner wirken.
„Die Idee hinter den plastisch-chirurgischen Operationen war, gegen Stereotype zu kämpfen“, erzählt Orlan. Ihre Kritik richte sich nicht gegen kosmetische Chirurgie, „sondern gegen das, was wir damit machen.“ Nämlich die immer gleichen, schwer erreichbaren Körperideale zu reproduzieren.
Bei Hatje Cantz erschien die von der Sammlung Verbund vorgelegte Monografie (dt. und engl.). Herausgeberinnen sind Gabriele Schor und Catherine Morris.
Foto: Sammlung VerbundIm Vorjahr stellte Orlan in den Toulouser Abattoirs aus, großzügigen Hallen, in denen sich ihre Kunst exzellent entfalten konnte. Abseits von Performances und Fotografien produziert sie Skulpturen. In der Vertikalen Galerie mussten raumgreifende Werke fast zur Gänze ausgespart bleiben. Schor holte das Beste aus dem etwas beengten Setting; mit der weitgehenden Abwesenheit der skulpturalen Arbeiten fehlt jedoch ein Aspekt von Orlans Werk.
Diese – in Wien nicht gezeigten – Arbeiten sind jene im Oeuvre der Französin, die durchschnittlich die höchsten Preise im Kunstmarkt erzielen. Wie Loïc Garrier aus ihrer Pariser Galerie Ceysson & Bénétière dem Handelsblatt erzählt, sind größere Skulpturen für 150.000 Euro erhältlich. Günstiger sind Fotografien zu haben, etwa einige von den OPs (150 x 110 cm), die 35.000 Euro kosten.
Von früheren Werken sind fast ausschließlich Reprints erhältlich, deren Preise sich zumeist im mittleren fünfstelligen Bereich bewegen. Diese großformatigen Neuauflagen umfassen zumeist sieben Stück. Kleinere, zeitnah abgezogene Fotografien aus den 1960er-Jahren, die kaum mehr erhältlich sind, kosten 50.000 Euro. Manche ikonischen Werke sind bei Ceysson & Bénétière jedoch mittlerweile ausverkauft.
Auch ältere Reprints kursieren am Markt. Orlans Ausstellung in Toulouse habe, so Garrier, die Nachfrage gesteigert, vor allem von Institutionen; dasselbe erwartet er nun von der deutschsprachigen Publikation.
Es ist unübersehbar: Das allgemeine Interesse an Künstlerinnen steigt, besonders an jenen einer älteren Generation. Nicht nur feministische Kunst, sondern auch beispielsweise die Abstrakten Expressionistinnen werden heute international stärker rezipiert denn je. In der Hauptausstellung der Biennale Venedig lag der Frauenanteil 2022 sogar bei fast 90 Prozent. In diesem Kontext ist auch die wieder erwachte Rezeption von Orlan, die dieser Tage auch eine Soloschau in São Paulo vorbereitet, zu sehen. Mit Preisen von nur fünf Francs für eins ihrer Kunstwerke ist erst mal Schluss.