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Ausstellung und TV-Dokumentation Michael Jackson bringt die Bundeskunsthalle in die Kritik

Darf ein als Kinderschänder beschuldigter Popstar Thema einer Ausstellung sein? Eine TV-Doku setzt die Bundeskunsthalle unter Rechtfertigungsdruck.
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Die Fotografie von David LaChapelle stammt aus dem Jahr 1998. (Foto: David LaChapelle / Bundeskunsthalle)
An Illuminating Path

Die Fotografie von David LaChapelle stammt aus dem Jahr 1998.

(Foto: David LaChapelle / Bundeskunsthalle)

BonnMit seinen Songs schrieb Michael Jackson Popgeschichte. Alben wie „Thriller“ waren ebenso stilprägend wie die Choreografien in seinen Videos und seiner Auftritte. Doch auf der Karriere des 2009 verstorbenen Stars lastete schon lange ein Schatten. Bereits 1993 und 2003 hatte es gegen den „King of Pop“ Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern gegeben. Verurteilt wurde er allerdings in keinem der Fälle.

Nun erhalten die Anschuldigungen, die Jackson selbst stets abgestritten hatte, neue Nahrung. Der Dokumentationsfilm „Leaving Neverland“, der im Januar in den USA auf dem Sundance Film Festival vorgestellt wurde, sorgt seitdem für Diskussionen. In dem vierstündigen Werk berichten der heute 41-jährige James Safechuck und der inzwischen 36-jährige Wade Robson, wie sie über Jahre auf Jacksons Anwesen „Neverland“ immer wieder von ihm sexuell missbraucht wurden.

Die erstmalige Ausstrahlung des Films im deutschen Fernsehen am 6. April bei ProSieben wirft hierzulande aber nicht nur die Frage nach Schuld oder Unschuld eines Pop-Idols auf. Nur zwei Wochen vor der Sendung eröffnete die Bundeskunsthalle in Bonn die große Ausstellung „Michael Jackson: On the Wall“, die den Musiker als Ikone der Popkultur präsentiert. Das aus Staatsmitteln finanzierte Ausstellungshaus steht seitdem in der Kritik.

Geplant wurde die Schau bereits lange vor dem Bekanntwerden der neuen Vorwürfe. Die Idee kam vor rund drei Jahren von der britischen National Portrait Gallery, die die Schau auch konzipierte. Nach dem Start in London lief sie schon im Pariser Grand Palais, ohne dort für Diskussionen zu sorgen.

Doch wegen der neuen Vorwürfe ist an der dritten Station in Bonn nun alles anders. Der Leiter der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, verteidigt die Schau und betont: „Die Ausstellung ist keine Hommage an Michael Jackson.“ Es gehe nicht um Jacksons Biographie und es würden auch keine Devotionalien gezeigt. „Es ist eine rezeptionsästhetische Ausstellung.“ Im Mittelpunkt stehe die Kunst.

Die Ausstellung konzentriert sich in der Tat auf die Wirkung Jacksons auf die bildende Kunst. 134 Werke von 53 Künstlern wurden zusammengetragen, darunter Arbeiten von illustren Namen wie Andy Warhol, Paul McCarthy oder Isa Genzken. Alle Werke beschäftigen sich in irgendeiner Form mit Michael Jackson.

Der Musiker gehöre nun einmal zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Kultur des 20. Jahrhunderts und das habe sich auch in der bildenden Kunst niedergeschlagen, sagt Wolfs. Bislang sei das noch nicht beleuchtet worden. „Wir gehen auf Distanz zur Person Michael Jackson, wollen aber keinesfalls so tun, als habe es die Kunstwerke, die in den letzten 35 Jahren zu Michael Jackson entstanden sind, nie gegeben. Das wäre die falsche Entscheidung.“

Dennoch bemüht sich die Bundeskunsthalle, der neuen Situation Rechnung zu tragen. Ein einleitender Wandtext der Ausstellung geht auf den Film ein. Die Anschuldigungen seien „schockierend“, heißt es darin. In der Ausstellung stehen Kunstvermittler bereit, um mit den Besuchern über das Thema Missbrauch im Zusammenhang mit Jackson zu sprechen. Zudem will das Ausstellungshaus in Podiumsdiskussionen die Möglichkeit bieten, über den Film und die Ausstellung zu diskutieren.

Warhol und Co. Im Bann des „King of Pop“

Auch wenn die Schau nach den Worten der Ausstellungsmacher nicht als Hommage gedacht ist, so sprechen viele der gezeigten Kunstwerke doch eine andere Sprache. Die Ausstellung belegt vor allem, wie fasziniert viele Künstler vom Phänomen Michael Jackson waren. Entscheidend für seine Adelung als Kunst-Ikone war unter anderem die Begegnung mit Andy Warhol, der den Popstar bei Auftritten fotografierte und 1984 eine Serie von Siebdruckporträts von ihm anfertigte.

25 Jahre später schuf Warhols früherer Mitarbeiter David LaChapelle als Reaktion auf Jacksons Tod ein großformatiges Triptychon mit katholischer Ikonografie unter dem Titel „American Jesus“. In den drei großformatigen Gemälden erscheint der Popstar als eine Art Mischung zwischen Heiligem und Märtyrer. Einmal wird er als Erzengel Michael dargestellt, der den Teufel besiegt, dann als leuchtende Erscheinung in Begleitung einer Art Madonnen-Figur. Und schließlich liegt er im Stile einer Pietà tot oder ohnmächtig auf den Knien einer Jesus-ähnlichen Gestalt.

Der Popstar in Ritterrüstung hoch zu Pferd – gezeichnet von Kehinde Wiley kurz vor Jacksons Tod. (Foto: Kehinde Wiley / Bundeskunsthalle)
Barocke Szenerie

Der Popstar in Ritterrüstung hoch zu Pferd – gezeichnet von Kehinde Wiley kurz vor Jacksons Tod.

(Foto: Kehinde Wiley / Bundeskunsthalle)

LaChapelle sieht Jackson offenbar als einen durch seinen Ruhm und seine mediale Präsenz zu Tode gequälten Star. „Wir haben ihn verurteilt, obwohl er unschuldig war,“ stellt der Künstler fest – angesichts der neuen Vorwürfe ein zweifelhaftes Statement.

Als Hommage an Jackson muss auch ein überlebensgroßes Porträt verstanden werden, das der Star selbst kurz vor seinem Tod bei Kehinde Wiley in Auftrag gegeben hatte. Der New Yorker Künstler ist bekannt für seine Porträts afro-amerikanischer Persönlichkeiten und malte unter anderem auch das offizielle Bildnis Barack Obamas für die National Portrait Gallery in Washington.

Das in Zusammenarbeit mit Jackson entstandene Porträt zeigt den Popstar in barocker Szenerie in einer Ritterrüstung hoch zu Pferd. Vorbild war ein Gemälde Peter Paul Rubens des spanischen Königs Philipp II.

Die Ausstellung zeigt, dass das mediale Phänomen Michael Jackson mit seiner perfekten Selbstinszenierung viele Künstler in den Bann schlug. Einen Blick hinter die glatte Oberfläche wagen nur einige Arbeiten. Als ironische Auseinandersetzung mit der Pop-Ikone kann etwa Paul McCarthys goldene Skulptur „Michael Jackson and Bubbles“ gelten. Sie zeigt den Popstar und seinen Haus-Schimpansen Bubbles mit stark verzerrten, grotesk wirkenden Proportionen.

Lorraine O’Gradys Fotoserie stellt Jackson und den französischen Poeten Charles Baudelaire in verschiedenen Schaffensperioden gegenüber. (Foto: Courtesy the artist and Alexander Gray Associates / Bundeskunsthalle)
The First and Last of the Modernists

Lorraine O’Gradys Fotoserie stellt Jackson und den französischen Poeten Charles Baudelaire in verschiedenen Schaffensperioden gegenüber.

(Foto: Courtesy the artist and Alexander Gray Associates / Bundeskunsthalle)

Eine der Arbeiten, die zumindest einen kleinen Spalt weit die Tür zu dem Menschen hinter dem Phänomen Michael Jackson öffnet, ist Lorraine O’Gradys Fotoserie „The First and Last of the Modernists“. Sie stellt Jackson und den französischen Poeten Charles Baudelaire in verschiedenen Schaffensperioden gegenüber. Hier erscheint Jackson auf einem späten Foto zerbrechlich und vom Leben gezeichnet. Die Frage, die seit den neuen Vorwürfen gegen Jackson viele Menschen umtreibt, bleibt aber offen. Was spielte sich hinter der Maske der Pop-Ikone wirklich ab?

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