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Ausstellung Von Russen gesammelt – in Paris gezeigt: Die französische Moderne in der Fondation Louis Vuitton

Die russischen Textilindustriellen Michail und Iwan Morosow förderten die Impressionisten, aber auch Henri Matisse und Pablo Picasso.
29.08.2021 - 10:50 Uhr Kommentieren
Als erster Russe erwarb Michail Morosow während seiner regelmäßigen Paris-Aufenthalte Gemälde von Vincent van Gogh. Das Seestück befindet sich heute in der Ermitage von St. Petersburg. Quelle: Fondation Louis Vuitton; Ermitage
Vincent van Gogh „La Mer aux Saintes-Maries“ 1888

Als erster Russe erwarb Michail Morosow während seiner regelmäßigen Paris-Aufenthalte Gemälde von Vincent van Gogh. Das Seestück befindet sich heute in der Ermitage von St. Petersburg.

(Foto: Fondation Louis Vuitton; Ermitage)

Diese Ausstellung ist ein kunsthistorisch wichtiges Ereignis“, betont Jean-Paul Claverie, der persönliche Kulturberater des französischen Multimilliardärs Bernard Arnault und von dessen Luxusimperium LVMH. Gemeint ist der russisch-französische Blockbuster unter dem Titel „Die Kollektion Morosow. Ikonen der Moderne“, der am 22. September eröffnet wird.

In 200 Werken zeichnet die Ausstellung nach, wie früh sich die Brüder Michail (1870–1903) und Iwan (1871–1921) Morosow für die französische Kunst der Avantgarden einsetzten. „Indem sie die Geschichte der Malerei im Paris des ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufrollt, wird die damalige Bedeutung von Paris als Weltzentrum der Künste offensichtlich“, sagt Claverie in einem Hintergrundgespräch mit dem Handelsblatt, an dem auch Ausstellungskuratorin Anne Baldessari teilnahm.

Möglich wird die aufwendige Schau durch die Unterstützung der Fondation Louis Vuitton. Sie hatte bereits vor fünf Jahren die gleichfalls phänomenale Moderne-Sammlung von Sergej Schtschukin nach Paris geholt. Nicht weniger als knapp 1,3 Millionen Besucher pilgerten damals in den schiffartigen Museumsbau von Frank Gehry. Für die Schtschukin- wie für die Morosow-Schau zeichnet Anne Baldessari verantwortlich, die ehemalige Direktorin des Pariser Picasso-Museums.

Im Vergleich zu dem profiliertesten russischen Sammler, dem Textilindustriellen Sergej Schtschukin (1854–1936), hatten die etwas jüngeren Brüder Morosow mehrere Vorteile: Ihr Großvater mütterlicherseits hatte ein enormes Vermögen erwirtschaftet und galt als bedeutendster russischer Handschriften-Sammler. Seine Tochter Warwara Alexejewna Chloudova war sozial und finanziell gesehen eine „gute Partie“.

Warwara Morosowa zählte rasch zu den bedeutenden Moskauer Philanthropinnen. Bereits vor dem frühen Tod ihres schwerreichen, hochaktiven Mannes im Jahr 1882 baute sie die ererbte Textilmanufaktur in Twer enorm aus. Sie leitete das riesige Unternehmen in der Kleinstadt zwischen Moskau und Sankt Petersburg bis 1896. Dann übernahm ihr zweiter Sohn Iwan die Leitung der Textilfabrik.

Im Hintergrund hängt ein Stillleben von Henri Matisse. Quelle: Fondation Louis Vuitton; Galerie Nationale Tretiakow, Moskau
Walentin Serow „Porträt des Sammlers Iwan Morosow“

Im Hintergrund hängt ein Stillleben von Henri Matisse.

(Foto: Fondation Louis Vuitton; Galerie Nationale Tretiakow, Moskau)

Der in Zürich als Chemieingenieur ausgebildete Iwan Morosow trieb die Industrialisierung der Baumwollherstellung weiter, organisierte ein weltweites Vertriebsnetz und verdreifachte das Firmenvermögen in knapp zehn Jahren.

Warwara Morosowa begeisterte ihre drei Söhne Michail, Iwan und Arseni für die Kultur der Avantgarde. Als gebildete Großkapitalisten verfügten Michail und Iwan über die Mittel für das Sammeln. Michail – ein „Visionär“ für Kuratorin Baldessari – konzentrierte sich zuerst auf russische Maler seiner Zeit, entdeckte aber bald die französischen Impressionisten und Postimpressionisten. Als erster Russe erwarb er anlässlich seiner regelmäßigen Paris-Aufenthalte Gemälde von Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Edvard Munch.

Als Michail 1903 erst 33-jährig starb, hinterließ er 44 russische und 39 französische Werke. Seine Witwe schenkte sie der städtischen Tretjakow-Galerie in Moskau.

Anne Baldessari betont, dass Michail und Iwan Morosow bei ihren Ankäufen in Paris im Verhältnis zu Sergej Schtschukin keineswegs als Rivalen auftraten. Das kann sie nach acht Jahren Forschung in russischen und französischen Archiven belegen: „Man kann erwiesenermaßen sagen, dass Schtschukin und die beiden Morosows die Absicht hatten, gemeinsam in Moskau ein großes Museum moderner französischer Kunst zu eröffnen. Es sollte ihre Sammlungen in der städtischen Tretjakow-Galerie vereinen.“

Die schwerreichen Sammler frequentierten die Pariser Kunstsalons zur zeitgenössischen Malerei sowie die Kunsthändler Ambroise Vollard, Paul Durand-Ruel, Bernheim-Jeune, Eugène Druet und später auch Daniel-Henry Kahnweiler. Mit sicherem Sinn für Qualität und Absatz berieten die Händler die Sammler, kauften auf Auktionen für sie und machten sie mit Pablo Picasso, Henri Matisse und Maurice Denis bekannt.

Iwan Morosow wurde, was seine Ankäufe betrifft, sowohl als „vorsichtig“ wie auch als „rigoros“ beschrieben. Er erwarb unter anderem Gemälde von Auguste Renoir, Claude Monet und Paul Cézanne; und sogar das kubistische Porträt des Kunsthändlers Ambroise Vollard, das Picasso 1913 malte.

Iwan Morosow bestellte Wandtafeln bei Paul Bonnard und Maurice Denis für sein herrschaftliches Haus in Moskau. Außerdem folgte er dem Beispiel Schtschukins, der Matisse mit Aufträgen für sein Moskauer Palais bedacht hatte. 1908 und 1910 porträtierte der russische Maler Walentin Serow den Sammler Iwan Morosow und dessen Frau Eudoxie Kladowschikowa. Im Hintergrund von Iwans Porträt ist Henri Matisse“ Stillleben „Früchte und Bronze“ von 1910 zu sehen.

Anne Baldessari weist auf den gemeinsamen sozialen und religiösen Kontext der drei Sammler hin, der ihre Solidarität verständlich macht: Sie stammten aus der „gleichen Kaste der Moskauer Textilindustriellen“. Ihre Großväter hatten sich noch vom Status der Leibeigenen loskaufen müssen.

Überdies gehörten Schtschukin und die beiden Brüder Morosow der sogenannten „altgläubigen“ orthodoxen Kirche an, die das Schisma von 1666 ignorierte. „Daher erlebten ihre Familien mehrere Jahrhunderte lang gewalttätige Verbannungen, Säuberungsaktionen, Gettos und Verbote“, sagt die Wissenschaftlerin.

Die Morosow-Brüder schätzten den neuen Stil der Impressionisten. Quelle: Fondation Louis Vuitton; Courtesy Musee d‘Etat des Beaux-Arts Pouchkine, Moskau
Auguste Renoir „Porträt von Jeanne Samary oder Die Träumerei“

Die Morosow-Brüder schätzten den neuen Stil der Impressionisten.

(Foto: Fondation Louis Vuitton; Courtesy Musee d‘Etat des Beaux-Arts Pouchkine, Moskau)

Solch spektakuläre Ausstellungen zur beliebten Klassischen Moderne erfordern einen finanziellen Einsatz, den staatliche Museen schon lange nicht mehr leisten können. Zudem erfordern sie politischen Willen. Präsident Wladimir Putin musste die Ausfuhrerlaubnis erteilen.

Es sei selbstverständlich, meint Jean-Paul Claverie, die Kosten für Transport und Versicherung zu übernehmen. Darüber hinaus finanziert die Fondation Louis Vuitton Zustandsuntersuchungen sämtlicher Werke der Sammlung Morosow sowie deren Neurahmungen mit nicht reflektierendem Glas.

Die Stiftung bezahlt aber auch die Restaurierung vieler Gemälde, auch jener, die nicht in Paris gezeigt werden. „Überdies schenken wir dem Puschkin-Museum in Moskau eine neue technologische Ausstattung für sein Labor zur Gemälderestaurierung“, betont Claverie.

Anne Baldessari wählte Experten und Restauratoren aus, die in Moskau im Puschkin-Museum und der Tretjakow-Galerie und besonders in der Ermitage in Sankt Petersburg den Zustand der Ausstellungsexponate untersuchten. Für die Kunsthistorikerin ist die Kooperation eine Grundsatzfrage: „Wir beteiligen uns an der Erhaltung der in Frankreich von den großen modernen Künstlern geschaffenen Meisterwerke. Sie gehören uns allen, egal, wo sie sich befinden. Wenn sie beschädigt oder unkenntlich geworden sind, ist dies ein Verlust für die Menschheit.“

Als Leitmotiv der früheren Direktorin des Picasso-Museums, die rund um den Erdball Picasso-Ausstellungen organisierte, kann der Satz gelten: „Wir müssen die Sammlungen schützen, aufwerten und sie einem möglichst breiten Publikum zeigen.“

„Die Kollektion Morosow. Ikonen der Moderne“ läuft vom 22. September bis 22. Februar 2022 in der Fondation Louis Vuitton in Paris. Der im Verlag Gallimard erschienene Katalog kostet 49 Euro.

Mehr: Louis-Vuitton-Stiftung zeigt Schtschukin-Sammlung: Ein Tuchhändler als Geschmackspionier

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