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Ausstellungen in München und BerlinCecily Brown als Malerin: Emotionen im Schwebezustand

Die Britin Cecily Brown wird als Star der zeitgenössischen Malerei gefeiert. Ihre Bilder, die auf Auktionen Millionen einfahren, sind in zwei Ausstellungen zu entdecken.Sabine Spindler 27.07.2022 - 14:31 Uhr Artikel anhören

Die britische Künstlerin malt die erotische Saga vom tierisch verwandelten Göttervater Zeus wie die Szene einer schrillen Punk-Oper.

Foto: Cecily Brown, Foto: Genevieve Hanson

München. Der Mythos von Leda und dem Schwan ist tausende von Jahren alt. Die britische Künstlerin Cecily Brown aber malt die erotische Saga vom tierisch verwandelten Göttervater Zeus wie die Szene einer schrillen Punk-Oper. Wild der Pinselstrich, chaotisch mit Anspielungen aufgefüllt das Interieur. Der schroffe Malduktus des zerzausten Vogel-Gefieders drückt höchste Erregung aus, Leda in ihrer skizzenhaften Erscheinung bleibt stets ambivalent.

Diese Aquarell-Serie und eine Reihe ihrer energiegeladenen Gemälde in der aktuellen Ausstellung der Pinakothek der Moderne in München bestätigen aufs Neue, was Szenekenner schon länger wissen: Cecily Brown gehört zu den aufregendsten Frauen der zeitgenössischen Malerei.

Dabei ist die in New York lebende Britin eher eine Traditionalistin als eine Bilderstürmerin. Die Alten Meister wie Hieronymus Bosch oder Peter Paul Rubens sind ihr näher als die konzeptuelle Kunst der Young British Artists um Sarah Lucas und Damien Hirst, mit denen sie zeitgleich im London der 1990er-Jahre studierte.

Ihre Arbeiten stiften dennoch eine subtile Unruhe. Bildgewaltig und enigmatisch transformiert sie die Themen ihrer großen Vorbilder in eine neue Sprache der Malerei. Menschengruppen in Parks und Badende bevölkern ihre großen, wandfüllenden Leinwände und erinnern entfernt an Paul Cèzanne und Édouard Manet. Liebespaare und Männerakte in freier Natur bringen Max Beckmann und die Expressionisten ins Spiel.

Malerisch aber geht Cecily Brown ihren ganz eigenen Weg in einer heftigen, unkalkulierten Gleichzeitigkeit von Figuration und Abstraktion. Ihre Kompositionen können berauschend und rätselhaft sein. Die Körper sind schematisch angelegt oder von Dutzenden scheinbar regellos gesetzten Farbfetzen deformiert. Die sie umgebenden Landschaften gleichen fast informellen Bildern.

Vieles in diesen Bildern verharrt in einem Schwebezustand, ist mehr Andeutung als Demonstration des Seins.

Foto: Genevieve Hanson

Und über allem liegt oft ein Monet´sches Flirren der Farben, das von einer Welt in Auflösung und dem vergänglichen Charakter eines Augenblicks erzählt. Gemälde wie der aus Leibern und Landschaft bestehende Wandfries „Where, When, How often and with Whom“ von 2017 beinhaltet zugleich dunkle Phantasien und helle Träume.

Begehren und Gleichgültigkeit fängt Brown ein in ihren speziell für die Münchener Schau entstandenen Gemälde aus dem Englischen Garten, in denen ein Paradies direkt neben den Abgründen der Hölle liegt. In einem Interview erklärte die heute 53-Jährige: „Eines meiner wichtigsten künstlerischen Themen ist der permanente Widerspruch des menschlichen Lebens. Also so etwa Konträres wie Gut und Böse, das an ein und demselben Platz und zur selben Zeit existieren kann.“

Cecily Browns Gemälde hängen inzwischen in den bedeutenden Museen Europas und der USA. Die Ausstellung in München setzt einen wichtigen Fokus auf die bislang weniger beachteten Papierarbeiten und stellt sie Zeichnungen von Cézanne, Michelangelo und Pieter Breughel gegenüber.

Das Licht, Natur und die Emotionalität der Farbe sind als Ausdrucksmittel so wichtig wie die Energie des Pinselstrichs.

Foto: Cecily Brown, Foto: Genevieve Hanson

Zeichnen versteht die New Yorker Künstlerin als Denkprozess. Am deutlichsten ist das an der ebenfalls für die Ausstellung entstandene Serie zu „Leda und der Schwan“ nachvollziehbar. Inspiration dazu gab eine Skizze Franz Marcs aus den Beständen der Graphischen Sammlung.

Cecily Brown hat die Schwarzweiß-Zeichnung Marcs durchdekliniert wie ein Klavierspieler eine Fuge von Bach. Um die gestalterischen Möglichkeiten zu erkunden, hat sie sich von dunklen Grauschattierungen zu leuchtenden Farben vorgearbeitet. Und von der Zertrümmerung des Bildmotivs in versprengte Formen kehrte sie letztlich zurück zu einer abstrahierten Figuration.

Wer an der Kraft der Malerei des 21. Jahrhunderts zweifelt, wird in der von Michael Hering, dem Leiter der Graphischen Sammlung München, kuratierten Schau seinen Glauben wiederfinden. Während die westliche Malerei des 21. Jahrhunderts zu einem System aus Zeichen tendiert, scheint für Cecily Brown das Licht, Natur und die Emotionalität der Farbe als Ausdrucksmittel so wichtig wie die die Energie des Pinselstrichs zu sein.

Vieles in diesen Bildern verharrt in einem Schwebezustand, ist mehr Andeutung als Demonstration des Seins. Die Körper sind schematisch angelegt oder von dutzenden scheinbar regellos gesetzten Farbfetzen deformiert. Die sie umgebenden Landschaften verlieren sich im Informellen. Da steckt viel Aktion und gestische Energie drin.

Kräftemessen mit Künstler-Machos

Als sie in den 1990er-Jahren nach New York zog, waren ihre Gemälde noch stärker erotisch aufgeladen. Es war ein Kräftemessen mit Künstler-Machos wie Julian Schnabel. Zehn Jahre später noch beklagte sie: „Mich hat immer irritiert, dass Malerei dieser exklusive Club von alten Männern war.“

Die Alleinherrschaft der Herrenclubs ist endlich aufgebrochen. Sammlerinnen und Sammler entdecken gerade die Wallpower weiblicher Kunst. Die Preisspirale dreht sich aufwärts. Cecily Brown hat mit ihren ungestümen Bildern ohne Zweifel diesen Trend mitangeschoben. „Lady and the Swan“

Schon 2007 fiel der Hammer für eines ihrer Gemälde erstmals oberhalb der Millionengrenze. Elf Jahre später setzt Sotheby´s New York mit brutto 6,8 Millionen Dollar für das 1999 entstandene Großformat „Suddenly last Summer“ den Rekord für die Künstlerin. Im Auktionssaal werden heute nur noch die kleineren Formate zu Summen unter 500.000 Dollar weitergereicht.

In Deutschland vertritt seit mehr als 20 Jahren die Berliner Galerie Contemporary Fine Art (CFA) die Künstlerin mit der malerischen Wildheit eines Willem de Koonings und dem rhythmischen Farbklang einer Joan Mitchell.

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„Man sprach schon in den 1990ern von ihr in London“, erinnert sich die Galeristin und CFA-Mitinhaberin Nicole Hackert im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Was uns aber zur Zusammenarbeit bewogen hat, war das Gewagte, Freie in ihrer Kunst und ihre große Könnerschaft, verbunden mit einem tief in der Kunstgeschichte ruhendem Selbstverständnis“, fügt sie hinzu.

Die erste Ausstellung bei CFA fand 2001 statt. Zu dieser Zeit hatte sie in New York auch der Globalplayer Larry Gagosian entdeckt und den kommerziellen Durchbruch Browns forciert. Die Kooperation mit der Künstlerin lief für die Berliner trotzdem bestens. Nur die Preise wurden nun in New York gemacht. Was anfangs um die 50.000 Dollar kostete, kletterte im Laufe der Zeit auf 750.000 Dollar. Von Gagosian hat sich Cecily Brown inzwischen getrennt.

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Bei CFA wird die nächste Ausstellung am 16. September eröffnet. Die Münchener Ausstellung, die bis zum 4. September geht, darf ohne weiteres als Vorgeschmack auf die Offerte der CFA gewertet werden. Sie wird thematisch um männliche Akte und Stillleben kreisen. Zu beiden Ausstellungen wurden Kataloge herausgegeben. Und die Preise? Einige Großformate haben auch in der Berliner Galerie den siebenstelligen Euro-Bereich erreicht.

Die Ausstellung „Cecily Brown“ läuft in der Pinakothek der Moderne München, www.pinakotheken.de, bis 4. September 2022. „Cecily Brown. The spell“ in der CFA Galerie Berlin, www.cfa-berlin.com, vom 16. September bis 29. Oktober 2022.

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