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Bauhaus-Künstlerin Anni Albers' Textilkunst – Von der Freiheit der Fäden

Auf dem Königsweg der Webkunst. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen entdeckt die Bildwelten der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers wieder.
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Frei hängende Raumteiler von Anni Albers aus dem Jahr 1949 in der Kunstsammlung NRW. Quelle: picture alliance/Federico Gambarini/dpa; VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Ausstellung in Düsseldorf

Frei hängende Raumteiler von Anni Albers aus dem Jahr 1949 in der Kunstsammlung NRW.

(Foto: picture alliance/Federico Gambarini/dpa; VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

DüsseldorfDie Augen müssen sich erst langsam an das gedämpfte, sanft goldene Licht gewöhnen, das im Stammhaus der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW (K20) die Objekte umschmeichelt. Anni Albers’ textile Kunst ist in jeder Hinsicht fragil. Das Licht ist aber nicht nur aus konservatorischen Gründen gedämpft, sondern auch ein ästhetischer Reflex auf die Zartheit und die meist gedeckten Farben dieser Kunst, die erst auf den zweiten Blick ihre Fülle und methodische Stringenz offenbart.

Anni Albers’ gewebte Kunst schaffte es zwar bereits 1949 – da war sie 50 Jahre alt – bis ins Museum of Modern Art in New York zu einer Einzelausstellung. Danach aber wurde es still um die Bauhaus-Künstlerin und Ehefrau von Josef Albers, dem bis heute ungleich Bekannteren, dem gerade parallel eine große Schau in der Essener Villa Hügel gewidmet ist. Wenn ihr Werk ausgerollt wurde, dann im Rahmen von Design- und Bauhaus-Ausstellungen. Erst jetzt wächst das Interesse an Anni Albers wieder, auch befeuert durch das neue Bewusstsein im Kunstmarkt und in Museen für lange vernachlässigte Verdienste weiblicher Künstler der Vergangenheit.

Kein Eintritt in die Glaswerkstatt

Sicher verdankt sich das Interesse auch dem Bauhaus-Jubiläum 2019, das als mehrheitsfähiges Großereignis der Kunstwelt seine Schatten vorauswirft. Walter Gropius’ 1919 formulierte Reformidee, die Trennung von Handwerk und Kunst aufzuheben, wirkt bis in die Gegenwart fort. Die große Düsseldorfer Schau mit mehr als 300 Objekten entstand in Zusammenarbeit mit der Londoner Tate Modern, die aber erst als zweite Station vorgesehen ist.

Am Bauhaus ging es nicht nur um Ästhetik, sondern um nichts Geringeres als die gesellschaftsverändernde Kraft der Avantgarde, die auch die Gleichberechtigung der Geschlechter propagierte. Theoretisch. Praktisch sah das noch ganz anders aus, wie der Lebensweg von Anni Albers zeigt. 1899 in Berlin geboren, ging sie 1922 zum Bauhaus, angezogen von der Verheißung der großen Reformidee. Doch nach dem Vorkurs wurde ihr der Eintritt in die Glaswerkstatt verwehrt, denn als Frau stand ihr nur die Weberei, die „Frauenklasse“, offen: „Weben hielt ich für zu weibisch. Ich war auf der Suche nach einem richtigen Beruf. Und so fing ich ohne Begeisterung mit dem Weben an, da ich mit dieser Wahl nun einmal am wenigsten Anstoß erregte“, sagte sie später.

Nahezu ihr ganzes künstlerisches Schaffen hindurch ist Anni Albers bei der Weberei geblieben, doch die enge Begrenzung durch die strenge Grundstruktur von vertikaler Kette und horizontalem Schuss wurde ihr zum immer wieder neu eroberten Königsweg – selbstverständlich pendelnd zwischen Mustern für die industrielle Produktion und freien künstlerischen Arbeiten.

Vor der Schließung des Bauhauses durch die Nazis 1933, fotografiert von ihrem Ehemann. Quelle: The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Anni Albers

Vor der Schließung des Bauhauses durch die Nazis 1933, fotografiert von ihrem Ehemann.

(Foto: The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018 )

Selbst in den gewebten Arbeiten, die sie Bilder nennt, sind höchstens Ahnungen von Gegenständlichkeit auszumachen, etwa bei „La Luz I“ von 1947, wo sie in ein stumpfes Leinengewebe Metallfäden einarbeitet, die eine Kreuzform suggerieren und dem Bild ein hinreißendes Leuchten, ja sogar eine Form von Transzendenz verleihen. Überhaupt spielen Experimente mit dem Material, mit Lurex- , Kupfer- oder simplen Zellophan-Fäden eine entscheidende Rolle bei ihren Experimenten mit der Textur und der Entwicklung ihres Schaffens.

Nach ersten Arbeiten am Bauhaus wie dem Wandbehang „Schwarz Weiß Gelb“ mit klaren, geometrischen Schachbrett-Formationen in matten Farben, die Josef Albers’ Glasarbeiten verwandt scheinen, markiert eine Arbeit von 1929 einen ihrer ersten großen Erfolge. Für die Wandbespannung für die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bernau erhält sie als erste Frau ein Diplom des Bauhauses. Albers verwendet auf der Vorderseite schwarze und weiße Fäden, verwoben mit Zellophan, um das künstliche Licht zu reflektieren, auf der Rückseite Chenille zur Schalldämpfung.

Als sie 1933 gemeinsam mit Josef Albers emigrieren muss, fungiert dieser Wandbehang laut MoMa-Kurator Philip Johnson als ihr „Pass für Amerika“. Johnson holt das Künstlerpaar nach North Carolina an das avantgardistische Black Mountain College, eine amerikanische Fortschreibung des Bauhaus-Gedankens, wo Künstler wie John Cage, Merce Cunningham und Robert Rauschenberg wirken.

Anni Albers erhob das Weben zur Kunstform. Quelle: picture alliance/Federico Gambarini/dpa; VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Blick in die Ausstellung "Anni Albers"

Anni Albers erhob das Weben zur Kunstform.

(Foto: picture alliance/Federico Gambarini/dpa; VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Ihren Webstuhl nimmt Anni Albers mit nach Amerika, denn die alte Kulturtechnik ist ihr da längst zur zweiten Natur geworden. Später verfasst sie umfangreiche Schriften, 1959 erscheint „On Designing“, 1965 „On Weaving“, und sie arbeitet weiter an der Verschmelzung von Kunst, Architektur, Alltagsdesign und Theorie, die sie stets gleichberechtigt betreibt.

In Amerika gehören zu ihren Auftraggebern unter anderem die Rockefellers, für die sie ein Gästehaus mit raffiniertem Understatement ausstattet. Neue ästhetische Inspirationen findet sie auf Reisen nach Mexiko, entdeckt für sich die präkolumbische Kunst und arbeitet sich in die alten Webtechniken ein. Zusätzliche Schussfäden ermöglichen es, Ebenen übereinanderzulegen.

Stille Konzentration auf Papier

Später experimentiert Albers mit Knoten, Schlaufen, mit Schriftstrukturen und nimmt immer wieder Auftragsarbeiten an für Raumteiler, Teppiche, sogar einen Duschvorhang. Als die Kräfte nachlassen und die Arbeit am Webstuhl für sie zu anstrengend wird, verlegt sie sich spät auf die Arbeit mit Papier, die in einer der Kojen dokumentiert ist. Der kompositorischen Strenge und meditativ stillen Konzentration ihrer Webarbeiten bleibt sie auch auf dem Papier treu.

Die thematisch und chronologisch sorgsam geordneten Kojen der Düsseldorfer Schau dokumentieren einen Lebens- und Schaffensweg von seltener Konsequenz und bringen zugleich die sinnliche Qualität von Anni Albers zum Leuchten.

„Anni Albers“, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20, Düsseldorf, bis 9. September 2018, Der Katalog erschien bei Hirmer und kostet 39,90 Euro.

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