Das Künstlerduo Fallen Fruit im Palazzo Butera

Im „Theatre of the Sun“ sind Zitronen auch ein politisches Symbol. Eingeführt hatten die Araber die Frucht.

(Foto: Manifesta)

Biennale „Manifesta“ Junge Kunst im alten Gemäuer – eine geglückte Verbindung

Palermo will Hotspot für zeitgenössische Kunst werden. Die Biennale „Manifesta“ stellt nicht in Museen aus, sondern in Palästen.
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PalermoDer Anblick verschlägt einem den Atem. Überall liegen sie rum, schuppig-grau und angenagt vom Zahn der Zeit. Dicht an dicht gestapelt füllen Papierbündel eng gestellte Regale überall bis unters Kirchendach im ehemaligen Kloster. Es sind sizilianische Archivalien aus vielen Jahrhunderten, verschnürt in zerfallende Pappdeckel, gebunden in Leder, das unter der Last der Zeit auseinanderbricht.

Hunderttausende von Anklagen, Gerichtsakten, Besitzurkunden, handschriftlich oder getippt, wurden 1943 beim Angriff der Alliierten auf Palermo aus dem Staatsarchiv gerettet, aber ungeordnet in der aufgegebenen Kirche deponiert. Dort haben die Künstler Nicolo Massazza und Iacopo Bedogni die so gut wie vergessenen Dokumente wiederentdeckt.

Das Künstlerduo mit dem Kunstnamen Masbedo hat sich eingearbeitet ins Archivchaos und das „Protocol no. 90/6“ zutage gefördert, einen Überwachungsbericht: 1956 wurde unter anderem der Filmregisseur Vittorio de Seta kommunistischer Umtriebe verdächtigt. Aus dem Raum, der die Willkür von Bürokratie symbolisiert, machen die Künstler ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst.

Im Filmloop zeigt Masbedo eine anmutige Marionette im Close-up, die auf eigenen Füßen steht und hinfällt, wieder hochkommt und sich niemals unterkriegen lässt. Eine Metapher. „Der Künstler ist der, der Dinge freisetzt, auch wenn ihm selbst Fesseln angelegt werden und er kontrolliert wird“, sagt der hochgewachsene Iacopo Bedogni, die eine Hälfte von Masbedo, in dem stickig heißen Archiv bei der Ausstellungseröffnung. „Die Stimme des Künstlers ist da, auch wenn sie nicht vernommen wird.“

Masbedos „Protocol 90/6“ ist der brillanteste Beitrag zur Manifesta 12, die 2018 in Palermo stattfindet. Die aus Holland stammende Biennale befragt im Zweijahresrhythmus die zeitgenössische Kunst. Dafür wechselt sie jedes Mal den Standort. Dass die Wahl nach Sankt Petersburg und Zürich auf Siziliens Hauptstadt fiel, hat Palermos Oberbürgermeister Leoluca Orlando durchgesetzt.

Die Kubanerin verschafft Aktivisten Aufmerksamkeit gegen Antennen, die einen US-Drohnenkrieg ermöglichen sollen. Quelle: picture alliance / HERWIG G. HÖL
Tania Bruguera „Article 11“

Die Kubanerin verschafft Aktivisten Aufmerksamkeit gegen Antennen, die einen US-Drohnenkrieg ermöglichen sollen.

(Foto: picture alliance / HERWIG G. HÖL)

Palermo hat in den letzten 15 Jahren große Fortschritte gemacht bei der Stadtsanierung und der Bekämpfung der Mafia. Jetzt geht es Orlando darum, den Change-Prozess in seiner Stadt sichtbar zu machen. Das Gesamtbudget liegt bei 6,3 Millionen Euro, die Hälfte trägt Palermo, sagt Hedwig Fijen, Direktorin der Manifesta. Die andere Hälfte generiere sich aus Sponsorengeldern und Eintritten.

Zum Return on Investment mit einem Faktor drei bis vier, so Fijen, komme der Langfristnutzen. „Neben dem Tourismus sind das die Renovierung dysfunktionaler Gebäude, die Vernetzung gesellschaftlicher Organisationen mit der Stadt und die Umsetzung nachhaltiger Lösungen für Palermo.“ Als Labor der Diversität ist die Hafenstadt ein guter Ort für eine Biennale, die nicht im Museum spielt, sondern an 16 Orten im Altstadtviertel La Kalsa und im Botanischen Garten.

„The Planetary Garden. Cultivating Coexistence“ lautet der programmatische Titel der M12. Rund 100 Kunstwerke werden in drei Kapiteln präsentiert: „Garden of Flowers“, „Out of Control“, wo es um die unsichtbaren Netzwerke im digitalen Zeitalter geht, und „City on Stage“. Wer die Kunst (auf)sucht, entdeckt die Stadt. Und manchmal ist der arabisch-normannische Palast, der sonst einer Behörde dient, ästhetisch viel attraktiver als der Screen mit der statistisch exakten Verteilung von Kriegsschiffen im südlichen Mittelmeer in einem Kunstwerk, das eher dokumentieren will als gestalten.

Nicht immer erkennt der Flaneur gleich den Sinn des Exponats, etwa einer klugen Versuchsanordnung: In einer Altstadtgasse umhüllen riesige, neongelbe Gewebe Bäume. Der Stoff, erklärt eine Tafel, sorgt dafür, dass die Bäume allein durch den Tau genug Wasser bekommen. In einer Welt zunehmender Wasserknappheit wird der „Giardino dei Giusti“ zum zukunftsweisenden Projekt.

Manchmal agiert die Kunst „nur“ als Verstärker eines Anliegens von Aktivisten. So hat sich die Kubanerin Tania Bruguera im gotischen Palazzo Ajutamicristo mit den „Muos“ der Amerikaner beschäftigt. Das sind riesige Antennen, die im Kriegsfall Drohnen und unbemannte Flugzeuge aus der Distanz koordinieren und kontrollieren helfen. Für Bruguera muss Kunst nützlich sein, darum gibt sie den Aktivisten eine Stimme.

Das Kunstwerk der niederländischen Künstlerin Patricia Kaersenhout - ein Berg aus Salz - ist im Palazzo Forcella De Seta in Palermo zu sehen. Quelle: picture alliance/dpa
Patricia Kaersenhout „Soul of Salt“

Das Kunstwerk der niederländischen Künstlerin Patricia Kaersenhout - ein Berg aus Salz - ist im Palazzo Forcella De Seta in Palermo zu sehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Manifesta-Direktorin Fijen hat beim Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Rotterdam einen Atlas zu Palermo in Auftrag gegeben. Diese Faktensammlung erschließt Künstlern wie Publikum unter anderem, wo sich Bürgerinitiativen mit dem Slogan „No Muos“ wehren, aber auch, wo welche Zitruspflanzen wild in der Stadt wachsen.

Träumerisch-surreal taucht der Besucher dann auch im Palazzo Butera ein in einen Raum, der urwaldartig mit Zitrusfrüchten tapeziert ist. Für das Künstlerduo „Fallen Fruit“ sind „Früchte nicht nur Natur, sondern auch Kultur und sogar Politik“. Die Zitronen sind heute ein Symbol für Sizilien. Doch eingeführt haben sie die arabischen Eroberer.

Der lang gestreckte Barockpalast der Prinzessin von Butera schließt die Altstadt zur Seeseite hin ab. Den im 18. Jahrhundert üppig mit Wandmalerei ausgestatteten Adelssitz erwarben die Sammler Francesca und Massimo Valsecchi 2016. Noch sind die Restaurierungsarbeiten nicht abgeschlossen, künftig soll hier die Kunstsammlung des Mailänder Ehepaares zu sehen sein. Doch die Einweihung durch die M12 zeigt, dass es kleinteilige zeitgenössische Kunst schwer hat, gegen das Pathos der Fresken und Dekorationssysteme anzukommen.

Im Palazzo Forcella de Seta laufen Videoarbeiten, die Geflüchteten eine Stimme geben. Im dokumentarisch schlichten Duktus unterscheiden sich diese nicht so sehr von andern, die man schon auf anderen Biennalen zu sehen bekam. Zwischen den Screens aber fällt im üppig dekorierten Alhambrasaal eine Installation auf. Die Holländerin Patricia Kaersenhout hat Salz zu einem raumgreifenden Berg aufgeschüttet.

Jeder Besucher darf sich etwas davon mitnehmen. Einer Legende nach hörten Sklaven auf, Salz zu essen, weil sie der Meinung waren, dadurch würden sie leichter und könnten nach Afrika zurückfliegen. Kaersenhout verbindet die Kraft der Imagination mit dem Streben nach Freiheit – im Leben wie in der Kunst.

Im kraftvollen Gestalten der Idee der Freiheit gleicht „The Soul of Salt“ Masbedos’ Filmprotokoll. Die Installation im Archiv wurde leider nur zur Eröffnungswoche und für ein weiteres Wochenende gezeigt. „Protocol 90/6“ geht aber weit über die Manifesta hinaus. Die Installation liefert auch ein Bild für das Chaos von Europas innerer Verfassung, für einen Kontinent, dem der sichere Zugriff auf die eigenen Werte ebenso abhandengekommen ist wie den Archivaren die Ordnung in den Dokumenten ihrer eigenen Geschichte.

Manifesta 12 Palermo: Bis 4. November 2018 an 16 Orten in der Hafenstadt, dazu kommen zahlreiche Sattelitenausstellungen. Tickets, Stadtplan und Katalog im Teatro Garibaldi.

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