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Buchtipp: „Alle Zeit der Welt“ Warum wir alle zu wenig Zeit haben – und wie wir sie besser nutzen können

Dem kostbaren Gut Zeit spürt Thomas Girst in seinem Buch nach. Ideale Lektüre für die Hängematte oder die nächste Flugreise.
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Der Leiter des Kulturengagements bei BMW ist Kunsthistoriker. Quelle: Getty Images
Thomas Girst

Der Leiter des Kulturengagements bei BMW ist Kunsthistoriker.

(Foto: Getty Images)

Berlin Ein 639 Jahre dauerndes Musikstück von John Cage, Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“: Das als Non-finito von Michelangelo zum künstlerischen Prinzip erhobene Unvollendete haben eines gemeinsam: den Faktor Zeit. Um sie dreht sich „Alle Zeit der Welt“, ein Buch, für das der Autor Thomas Girst eine geheime Quelle gefunden zu haben scheint. Denn als Leiter des Kulturengagements bei BMW dürfte es dem Dauerreisenden vor allem an Zeit mangeln.

Den Bogen der Betrachtungen spannt der Kunsthistoriker von der bildenden Kunst, der Musik und Literatur über die Wirtschaft bis hin zur Alltagskultur. Immer geht es um Dinge, bei denen Zeit eine entscheidende Rolle spielt. Nicht möglichst wenig Zeit, wie wir es aus Beruf, Bauprojekten oder Sport etwa gewohnt sind, sondern größere Spannen. Teils entzieht deren Dauer sich dem menschlichen Einfluss, wohnt den Dingen inne, oder sie wird einem Projekt zugemessen.

Niemand hat zu viel Zeit

Denn nicht die Liebe ist vielleicht das größte Thema, das den modernen Menschen umtreibt, sondern die Zeit. Wohl kaum jemand würde von sich behaupten, zu viel oder auch nur genug davon zu haben. Und wir alle wissen, dass die Spanne, die uns persönlich zur Verfügung steht, endlich ist. In dem Versuch, diese begrenzte Ressource so gut wie möglich zu nutzen, optimieren wir alle Lebensbereiche und haben doch immer weniger von ihr.

Die Instrumente des digitalen Zeitalters, von denen wir ursprünglich dachten, dass sie die Dinge einfacher machen und uns helfen, Zeit zu sparen, haben tatsächlich genau den gegenteiligen Effekt: Sie fressen Zeit mit atemberaubender Geschwindigkeit. So werden wir immer gehetzter, und es bleibt kaum noch etwas übrig von der Zeit, die wir uns doch so sehnlich wünschen: für die Familie, für private und berufliche Projekte, für Leidenschaften, das Schreiben eines Buchs, Hobbys – schlicht für uns selbst. Vielleicht liegt die Ursache für dieses Paradox in einem Missverständnis des Phänomens Zeit und einem zu sehr von uns aus gedachten Umgang mit ihm.

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Beharrlichkeit ist eine Tugend, die viel mit Zeit zu tun hat, wie Girst zeigt. Der Künstler Michael Ruetz hat über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder dieselbe Ansicht eines Tals im Chiemgau fotografiert und so dessen Wandel dokumentiert. Andy Warhol hat der Nachwelt 610 Zeitkapseln hinterlassen – Kartons, in denen der Pop-Art-Künstler alles Mögliche deponierte, von Dokumenten bis zu Abfall. Marcel Duchamp arbeitete ein Vierteljahrhundert lang an seiner erst posthum ausgestellten Installation „Gegeben sei: 1. Das Leuchtgas / 2. Der Wasserfall“, die seitdem Künstler unterschiedlicher Sparten beeinflusst hat. Viele Beispiele demonstrieren die Rolle der Zeit in Kunst, Wissenschaft und Alltag.

Locker eingestreut sind einige wenige anekdotische Kapitel. Wenn es ums Essen geht, vernachlässigt der Autor das Geschichtenerzählen und fängt an umherzustreifen. Wie der Flaneur des 19. Jahrhunderts ist für ihn der Weg das Ziel. Doch tut er das nicht ohne Plan und Absicht. Girst plädiert dafür, „die Schönheit des Analogen zu wahren und nicht müde zu werden, auf den Unterschied zwischen Information und Wissen hinzuweisen. Erstere steht uns im Technologiezeitalter immer und überall zur Verfügung, Letztere gilt es, sich zu erarbeiten.“ Ein wenig möchte das Buch auch Ratgeber sein, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Und so schwankt es unentschieden zwischen zweckfreier Kunst und Nutzwert.

Abstand vom Alltagsgeschäft nehmen

Den Bezug zur Wirtschaft stellt Girst dezent mit der Aufnahme der Black-Swan-Theorie her. Ihr zufolge erfolgen Umschwünge oft rasend schnell und lassen ganz Branchen zugrunde gehen, weil mit schwarzen Schwänen niemand rechnet und daher kaum jemand auf ihr Auftauchen vorbereitet sei. Es bedürfe der Muße, vom Alltagsgeschäft Abstand zu gewinnen, um das große Ganze in den Blick zu nehmen: „Nur wer auf Basis grundlegenden Wissens in variablen Szenarien vorauszudenken vermag, der antizipiert vielleicht auch den Schwarzen Schwan. Der ist flexibel und kann einen plötzlichen Wandel mitgestalten, sich zumindest aber auf ihn einstellen und sein Geschäftsmodell an diesen anpassen.“

Sich selbst nicht so wichtig nehmen und mehr auf sich achten. Dieses scheinbare Paradoxon können Leser von „Alle Zeit der Welt“ als Quintessenz mitnehmen, wenn sie nach der Lektüre die Welt und ihren eigenen Platz darin vielleicht etwas abgeklärter betrachten. Das ist eine ganze Menge für ein Buch, ein schmales zumal, dessen kurze Kapitel sich für den Strand, den Feierabend oder die Fahrt zum Flughafen geradezu anbieten.

Mehr: Was im Koffer nicht fehlen darf: Lesen Sie hier, welche Wirtschaftsbücher Ihren Sommerurlaub bereichern.

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Mehr zu: Buchtipp: „Alle Zeit der Welt“ - Warum wir alle zu wenig Zeit haben – und wie wir sie besser nutzen können

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