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Testperson mit Kappe zum Messen von Hirnströmen

Der technologische Fortschritt erreicht das Innere unseres Kopfes.

(Foto: Reuters)

Buchtipp: „Mein Kopf gehört mir“ Brainhacking, Neurokapitalismus – das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Gehirns sein

Nach Hosentasche und Handgelenk erobert Technologie bald auch unser Gehirn. Chancen und Risiken wägt „Wirtschaftswoche“-Herausgeberin Miriam Meckel in ihrem neuen Buch ab - und hat dafür ihr eigenes Hirn getestet.
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München Zu den Lehrsätzen der Ökonomie gehört eine grundlegende Erkenntnis: Unendlich große Bedürfnisse stehen knappen Ressourcen gegenüber.

Diese Grundspannung lässt die Menschheit an entlegensten Stellen nach Schätzen suchen: in der Arktis und im Meer nach Öl und Erdgas, im tiefsten Kongo nach Seltenen Erden, auf dem Mond oder Mars nach Lebensraum. Nun aber sind Pioniere dabei, eine weithin unverstandene Ressource zu erschließen, die viel näher liegt, als die meisten denken: das Gehirn.

Menschen haben naturgemäß Hemmungen, allzu viel über die Windungen unter der Schädeldecke wissen zu wollen, über jenes Reich der 86 Milliarden Neuronen, denn auf diesem Gebiet liegen Sinn und Wahnsinn so eng beieinander wie Thalamus und Zirbeldrüse. Und doch widmet sich längst eine ganz neue Bewusstseinsindustrie der Kopfarbeit in allen Formen – ein Milliardenmarkt lockt.

Es ist ein verdienstvolles, teilweise atemberaubendes Projekt der Wissenschaftlerin und Journalistin Miriam Meckel, dieses Terroir näher zu erkunden. Sie begibt sich, mit einer Mischung aus Spürsinn und Abenteuerlust, auf eine Reise ins Gehirn, sogar in das eigene.

Ihre Schilderungen ähneln dabei zuweilen Beschreibungen von LSD-Trips. Mal isoliert sie sich 24 Stunden im Dunkelraum einer Zürcher Hochschule und sieht einen Lichtschein an der Wand („Roadtrip durch mein Gehirn“), mal trägt sie im Tübinger Forschungslabor ein Netz mit feuchten Elektroden auf dem Kopf und kann so allein durch Gedankenkraft das Wort „Interface“ schreiben, dann wieder lässt sie sich in Boston durch Elektroden am Schädel stimulieren (Nachahmer seien gewarnt) oder schluckt Ritalin (man funktioniert wie eine Maschine, der kein guter Text mehr einfällt).

Vor allem warnt die Professorin der Universität St. Gallen vor einem aufziehenden „Neurokapitalismus“. Brainhacking, Dernier Cri der Branche, meidet sie aus guten Gründen bei ihren Selbstversuchen, das Einführen von Implantaten oder Substanzen in die im Nervenwasser wabernde weiche, graue Masse namens Gehirn. Was bei Erkrankungen erfreulicherweise als Teil der medizinischen Therapie wirkt, ist in der gar nicht so fabelhaften Welt der Selbstoptimierer, die hier ausgebreitet wird, das ultimative Mittel zur Leistungssteigerung.

Miriam Meckel – Mein Kopf gehört mir
Piper Verlag
München 2018
288 Seiten
22 Euro
ISBN: 978-3492059077

Früher hätten wir Mofas frisiert, heute seien die grauen Zellen dran, sagt die Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“, die in der Handelsblatt Media Group erscheint: Es geht um brutalstmöglichen Wettbewerb, um Doping im Kopf, um neodarwinistisches „survival of the fittest“. Wir vermessen uns selbst.

Die Globalisierung unseres Geistes

So treibt nach Meckels Meinung eine „Globalisierung des Geistes“ voran. Das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert des Gehirns sein. „Statt besser, schneller und effizienter zu werden, treiben wir uns vielleicht einfach in den Wahnsinn“, ahnt sie. „Aus dem Versuch der Selbstoptimierung wird dann Selbstbeschädigung.“ Das Gehirn zu manipulieren hieße, Persönlichkeit zu manipulieren. Auch seien wir auf dem Weg in eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft: „die Optimierten und die Nichtoptimierten“. 

Es ist die Optimierungsvision, die die Tech-Elite dazu bewegt, groß in Start-ups zu investieren. Zum Beispiel Elon Musk bei der Firma Neuralink, die datenleitfähige Substanzen über das menschliche Gehirn legen will. Das große Ziel: Hirn-Computer-Schnittstellen. Wer aber schützt die Gedanken in dieser Welt, wer hat das Copyright? Wo bleibt die menschliche Freiheit, wenn Gedanken direkt aus dem Gehirn gelesen werden? „Brainchat“ als Plaudern von Hirn zu Hirn, das womöglich gehackt wird – die Horrorvision schlechthin.

In Meckels elegant formuliertem Buch kämpfen mehrere Kräfte gegeneinander: Da ist die Macht der zivilisatorischen Kulturkritik, die Eingriffe ins Ich zutiefst ablehnt; da ist die wissenschaftliche Neugier, ja auch Faszination, was alles möglich ist. Und da ist auch ein gewisser Fatalismus, der registriert, dass die Entwicklung kaum aufzuhalten ist: „Wir werden uns an alle Möglichkeiten der Selbstverbesserung gewöhnen müssen, weil wir sonst nicht mehr mithalten können im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe.“

Die Gesellschaft soll darüber reden, während die Goldgräber emsig schürfen. Erst einmal ruhig darüber nachdenken. Vom Gesetzgeber ist bei Meckel nicht groß die Rede, auch nicht vom „Glück“, das Gesellschaften für ihre Bürger anstreben und das sich als Sonderkategorie der binären Welt entzieht wie Liebe, Kreativität, Empathie, Gefühl.

Meckels Buch ist eine gut lesbare Bestandsaufnahme der Gehirnforschung und ihrer Möglichkeiten zur richtigen Zeit. Der Titel „Mein Kopf gehört mir“ verspricht aber mehr. Er kokettiert mit der Parole „Mein Bauch gehört mir“ der Frauenbewegung, die so für das Recht auf Abtreibung stritt. Auch diesmal geht es um Selbstbestimmung. Aber jenen Biss, den Feministinnen vor 45 Jahren entwickelten, hat die Anti-Brainhacking-Initiative nicht.

Das Maximum zur Kontrolle der Gehirnressourcenjäger ist derzeit der Appell. Meckel: „Wir können unsere Welt nicht auf Autopilot laufen lassen – auch nicht in Gedanken.“

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