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Buchtipp: „Neuvermessungen“ Sigmar Gabriel und wie er die Welt sieht

Der neue Außenminister Sigmar Gabriel legt sein Manifest vor: Er fordert in seinem Buch „Neuvermessungen“ ein selbstbewussteres Europa und eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Idealen.
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In seinem 236 Seiten umfassenden Buch erkundet der neue Bundesaußenminister die politischen Eigenschaften der Welt. Quelle: dpa
Sigmar Gabriel (SPD)

In seinem 236 Seiten umfassenden Buch erkundet der neue Bundesaußenminister die politischen Eigenschaften der Welt.

(Foto: dpa)

Sigmar Gabriel hat ein Buch geschrieben. Das kann jedem Politiker passieren. Man muss verstehen: Es tut einfach gut. Ein Blatt Papier hört geduldig zu und gibt keine Widerworte. Man kann einen Gedanken reifen lassen und ihn Kopf über Hals niederschreiben, ohne dass einem sofort irgendein Eiferer in die Parade fährt. Endlich darf man sich selber lesen, so wie es gemeint ist, nicht wie es eine aufgeregte Öffentlichkeit meint und will. Das sind Momente einer ungewohnten Freiheit. Der Leser spürt es und hat seine Freude daran.

Hier schreibt einer, der im verminten Feld einer großen Koalition seine Aufgaben in Ergebnisse verwandeln konnte. Ihm gelang es, am verblüfften Seniorpartner vorbei, seinen Kandidaten ins Bundespräsidialamt zu bringen. Er hat Freund und Gegner damit überrascht, dass er seiner melancholisierten Partei durch persönliche Selbst-Rücknahme den Hoffnungsträger Martin Schulz bescherte.

„Die Stabilität Deutschlands wird leichtfertig aufs Spiel gesetzt!“
Christian Lindner
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FDP-Chef Christian Lindner kritisiert die Entscheidung als „ungeordneten Rückzug“. Leichtfertig werde die Stabilität Deutschlands in dieser weltpolitischen Lage aufs Spiel gesetzt.

(Foto: dpa)
Dietmar Bartsch
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Der Chef der Linksfraktion, Dietmar Bartsch spricht von einer „souveränen Entscheidung des SPD-Vorsitzenden“. Er werde die SPD auch weiter an ihren Taten messen, sagt er der Funke Mediengruppe.

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Karl Lauterbach
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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht in Gabriels Entscheidung ein klares Signal gegen eine weitere große Koalition: „Mit Martin Schulz haben wir in dieser Zeit bessere Chancen“. Die SPD sei von der großen Koalition enttäuscht, sagt er dem WDR: „Wir wollen einen Neuanfang.“

(Foto: dpa)
Frauke Petry
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Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry hält nichts von einem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. „Symbol für EU-Bürokratie und ein tief gespaltenes Europa als Kanzlerkandidat?“, twitterte sie.

(Foto: AP)
Katrin Göring-Eckardt
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Grünen-Fraktionschefin und Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erklärt über Twitter: „Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung von @sigmargabriel. Aber er ist auch nicht weg #Abgesänge“.

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Europaabgeordneter Michael Theurer (FDP)
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„Martin Schulz als überzeugten und leidenschaftlichen Europäer auf deutscher Seite Populisten wie US-Präsident Donald Trump entgegenzusetzen, ist ein kluger Schachzug der SPD.“ Martin Schulz habe das, was Helmut Schmidt auszeichnete und Angela Merkel oft vermissen ließe: „Während Merkel die Probleme aussitzt, pflegt Schulz die Debattenkultur und hat auch als Parlamentspräsident oft bewiesen, dass er parteiübergreifend Konsense vermitteln kann.“ In einem möglicherweise aus sieben Parteien bestehenden Parlament sollte man keine Option von vornherein ausschließen.

(Foto: dpa)
Thomas Oppermann
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SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagt, Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz gehörten in eine Hand. Daher sei es richtig, dass Gabriel dieses Amt abgibt. Die Entscheidung verdiene größten Respekt, es habe in der Fraktion langanhaltenden Beifall für Gabriel gegeben.

(Foto: dpa)

Gabriel schreibt nicht am Ende einer diplomatischen Laufbahn, besorgt um seinen Nachruhm und unter dem Motto „Was ich schon immer mal verschweigen wollte“. Er gibt sich zu erkennen als einer, der am Anfang der neuen Herkules-Aufgabe steht: Er muss ein wenig Ordnung schaffen im Haifischbecken der internationalen Beziehungen – oder wenigstens darin überleben. Wie schwierig das ist, gab ihm sein Antrittsbesuch in Israel gerade erst zu denken.

„Neuvermessungen“ ist der Titel. 236 Seiten, die es in sich haben. Gabriel erkundet die politischen Eigenschaften der Welt. Ein schwungvoll essayistischer Einstieg ermöglicht die nötige Thermik. Er schwenkt über den Horizont des noch immer jungen 21. Jahrhunderts mit seinen Widersprüchen. Alte Bündnisse „stehen vor der Bewährungs-, vielleicht Zerreißprobe“. Neue Mitspieler drängen an die Verhandlungstische. Sie bestehen auf Augenhöhe. Rasanter Fortschritt trifft auf antiquierte Strukturen. Das europäische Modell wird bei den „aggressiven Aufsteigern immer mehr als Anmaßung wahrgenommen“.

Hinter den Sonntagsreden über „westliche Werte“ vermutet man „nicht immer zu Unrecht doppelte Standards und verborgene Wirtschaftsinteressen“. Die Globalisierung – anarchisch an den Finanzmärkten wie in den Flüchtlingslagern – erscheint vielen als Naturkatastrophe. Der technische Fortschritt mit Internet und digitaler Revolution führe kollateral in den Überwachungsstaat. Umweltkrise, Terrorismus, „failed states“ in Afrika und Nahost sind erschreckende Gegenwart und waren einmal vermeidbare Zukunft.

Gabriels klare Worte im Kreml
Ankunft am Mittwoch
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Bereits am Mittwochabend landete Außenminister Gabriel am Moskauer Flughafen. Am nächsten Morgen stand das Treffen mit dem russischen Außenminister Lawrow an.

(Foto: dpa)
Debüt als Außenminister
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In seiner Zeit als Wirtschaftsminister saß Sigmar Gabriel mehrfach in Moskau am Tisch, nun reiste er erstmals als Außenminister nach Moskau. Dabei stellte er die Meinungsunterschiede zu seinem russischen Amtskollegen Lawrow deutlicher heraus, als es sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier (SPD) getan hat.

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Gabriel fordert Abrüstung
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Sigmar Gabriel forderte im Gespräch mit Lawrow neue Abrüstungsschritte in Europa. „Wir haben die Sorge, dass wir zu einer neuen Aufrüstungsspirale kommen“, sagte er mit Blick auf die weiteren Rüstungspläne Russlands.

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„Ein guter Auftakt“
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Nach ihrem Gespräch stellten sich Gabriel und Lawrow den Fragen den Journalisten. Gabriel sagte, sein erster Besuch in Russland „war heute ein guter Auftakt.“ Lawrow sagte nach dem Gespräch mit Gabriel, er sehe eine gewisse Kontinuität zu seinem Vorgänger Frank-Walter Steinmeier. „Ich hoffe, dass sich diese Kontinuität verstetigen und erhalten kann“, so Lawrow.

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Freundliche Geste, trotz deutlicher Kritik
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Bei der Pressekonferenz demonstrierten Gabriel und Lawrow Kooperationsbereitschaft, doch der deutsche Außenminister machte auch deutlich, wo es bei der Kooperation mit den Russen hakt.

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Treffen mit russischen Bürgern
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Gabriel sprach in Moskau nicht nur mit russischen Spitzenpolitkern, auch ein Treffen mit Moskauer Bürgern stand auf seinem Besuchsprogramm.

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Putin trifft Netanyahu
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Bevor Russlands Präsident Putin den deutschen Außenminister empfing, traf er sich mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Der wollte mit Putin über die Lage in Syrien und Iran sprechen.

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Welche Justierung braucht der Westen, wenn sich dessen Führungsmacht in Gestalt von Präsident Donald Trump mit verbalem Getöse von wichtigen Konstanten der vergangenen 70 Jahre zu verabschieden scheint? Ist die EU noch zu retten, wenn in etlichen Mitgliedsländern starke Bewegungen den Rückfall in Nationalismus, Abschottung und ethnische Ressentiments als notwendige „Alternative“ propagieren? Wenn entgrenzter Kapitalismus die Regeln setzen würde? Wenn Entspannungspolitik es wieder einmal mit autokratischen Silberrücken zu tun hat, die jeden Kompromiss als Schwäche deuten? Wenn sich die Scharfmacher aller Lager als einzige einig sind? Nach der bemerkenswerten Annäherung von ganz links an ganz rechts in Frankreich wundert es nicht, dass dieses Kapitel spannend ist.

Gabriel begnügt sich nicht mit einem Lamento, sondern bietet Vorschläge und Ideen an. Die sind allerdings mehr Präambel sind als konkretes To-do: Aufrechter Gang gegenüber dem Großen Bruder im Weißen Haus. Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen sollen im globalen Kontext keine Privilegien mehr sein. Nicht in der moralischen Pose des deutschen Oberlehrers, aber im Bewusstsein deutscher Vergangenheit. Menschenrechte sind kein eurozentrischer Spleen. Welches Menschenrecht soll einem Afrikaner, Afghanen, Chinesen oder Südamerikaner nicht zustehen? Man frage nicht die Henker, sondern die Opfer.

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