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Buchtipp: „Wagfalls Erbe“ Doppelleben in Paris

Bettina Wohlfarth verbindet mit ihrem Roman individuelle Schicksale mit dem Pariser Kunstmilieu von den 1930er-Jahren bis zur Nazi-Besatzung.
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Die Autorin Bettina Wohlfahrt grundiert Fiktion mit  realen Begebenheiten. Quelle: Eva Maria Lopez
In Paris zu Hause

Die Autorin Bettina Wohlfahrt grundiert Fiktion mit realen Begebenheiten.

(Foto: Eva Maria Lopez)

Paris Ein spannender Roman, der historische Fakten in eine deutsche Familiengeschichte integriert. Das gelingt Bettina Wohlfarth mit „Wagfalls Erbe“.

Geschickt verbindet die Autorin zwei Erzählstränge: die fiktiven „Aufzeichnungen eines melancholischen Kunstfälschers“ von Viktor Emanuel Wagfall, die seine Tochter Karolin nach dem Tod der Eltern im Haus der Familie findet.

Und die daran anschließende Spurensuche der Tochter, die als freiberufliche Fotografin in Paris lebt. Die Stadt Paris – vor 80 Jahren und heute – wird dabei detailreich betrachtet und beschrieben.

Mit den „Aufzeichnungen“ erhält Karolin auch ein Gemälde, das entweder das Original oder eine Kopie der „Sitzenden Odaliske“ von Henri Matisse sein könnte. Bei ihren Recherchen erfährt die Tochter, dass der Vater – eigentlich Oberinspektor der Reichsbahn – es bereits als Kind liebte, Bilder nachzumalen. Er erfand sich dazu einen Doppelgänger, den er Isidor Schweig nannte.

Isidors Liebe zur Malerei begann schon bei dem sinnlich-sprachlichen Genuss für die Bezeichnung der Farben wie Karminrot, Kobaltblau oder Smaragdgrün und deren Duft. Im Stuttgarter Museum sucht Isidor die Nähe von Kunststudenten, erlernt das Handwerk der Maltechnik und perfektioniert im Laufe der Jahre seine Kunst der Gemälde-Nachahmungen.

Bettina Wohlfarth: Wagfalls Erbe
Osburg Verlag Hamburg
2019
438 Seiten
22 Euro
ISBN: 978-3462051674

Es kommt, wie es kommen muss: Isidor Schweig verkauft seine ersten Kopien an einen Kunsthändler, was es ihm ab 1936 ermöglicht, als Maler in Paris zu leben. Viktor Wagfall kehrt in den 1940er-Jahren als Beamter der Deutschen Reichsbahn nach Paris zurück und führt ein aufreibendes Doppelleben als Mitläufer in Uniform und als Kunstfälscher Isidor Schweig. Er lernt den Kunsthändler Hans Wendland kennen, der ihm führende Galeristen wie Georges Wildenstein vorstellt. Dieser zeigt ihm ein Foto des rätselhaften Gemäldes „Der Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet.

Der zwischen der Schweiz, Paris und Berlin reisende Wendland bestellt bei Isidor Schweig eine Kopie des nackten Frauenunterleibs, da das Original unauffindbar ist. Als Modell dient dem Nachahmer seine große Liebe, die schöne, politisch aktive Adèle Bertin. Eine gemeinsame Freundin von Adèle und Isidor wiederum ist Rose Valland, eine historische Figur, die während der deutschen Besatzung Widerstand gegen die Beutekunst-Gier der Nazis leistete.

Längere Passagen des Romans sind historischen Ereignissen wie dem Spanischen Bürgerkrieg gewidmet, symbolisiert durch die Bombardierung der Stadt Guernica durch die Deutschen. Pablo Picassos Gemälde „Guernica“ erinnert bis heute an diese Tragödie der Zivilbevölkerung.

Von der Geschichte inspiriert

Die Autorin beschreibt auch den ab 1940 florierenden Kunstmarkt in Paris, der von der systematischen Enteignung jüdischer Kunstsammlungen, Bibliotheken, Archive und Wohnungen lebte. Die Kunstwerke wurden konfisziert, versteigert, verkauft, getauscht, per Bahn oder von dem Spediteur Schenker nach Deutschland transportiert. Historische Personen, seien es deutsche Besatzer oder französische Kunsthändler, werden im Roman zu Bekannten oder Geschäftspartnern von Isidor Schweig. Generell basieren alle Details auf seriösen Recherchen der historischen Geschehnisse.

Den beiden genannten berühmten Gemälden von Courbet und Matisse, die das gleiche Format haben, widmet die Schriftstellerin penible Nachforschungen, die sie durch lustvolle Beschreibungen ergänzt. Wo sind die Originale? Wo befinden sich die von Isidor angefertigten Kopien?

Die zentrale These des Romans ist eine Rechtfertigung des Fälschens. Das Kopieren und Nachahmen, das Imitieren von Strichführung und Farbgebung, das Malen „im Stil von“ gehöre zum normalen Lernprozess eines Künstlers. „Vom Kopisten und nachahmenden Maler zum fälschenden Betrüger ist es nur ein Schritt, der in nichts anderem als der Absicht besteht“, schreibt Bettina Wohlfarth – nämlich in der Absicht zu betrügen. Ein Betrüger sei Isidor Schweig im moralischen Sinne aber nicht. Schließlich habe er Kunsthändler aufs Kreuz gelegt, die von der Nazi-Gesetzgebung und den Enteignungen profitierten. Gewagt, aber zumindest interessant zu lesen.

Mehr: Über 200.000 Menschen strömten in die Ausstellung von Ai Weiwei in Düsseldorf. Die Museumschefin Susanne Gaensheimer zieht eine erste Bilanz.

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