Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Buchtipps Ein düsteres Fazit zur Lage am Golf

Vor den angedrohten US-Sanktionen gegen den Iran analysieren mehrere Autoren die unübersichtliche Lage am Golf. Ihr Fazit fällt schlecht aus.
02.08.2018 - 17:22 Uhr Kommentieren

Donald Trumps außenpolitische Volten sind ein Dilemma für heutige Sachbuchautoren. Wie im Zeitraffer scheint sich die Eskalation zwischen dem Iran und den USA derzeit zuzuspitzen, zu schnell, um sie analytisch zu verarbeiten: Ab kommenden Montag treten die „härtesten Sanktionen in der Geschichte“ in Kraft, wie US-Außenminister Mike Pompeo die neuesten Iran-Sanktionen vor Kurzem titulierte.

Öl-Großkunden des Regimes wie China, Indien, Japan und Teile Europas dürften in den Handelskrieg am Golf hineingezogen werden – und so die von Trump entfachte ökonomische Konfrontation weiter anheizen. Denn der US-Präsident will unter Androhung horrender Strafen den Kauf von persischem Öl verbieten.

Nicht nur ökonomisch stehen die Zeichen zwischen dem Iran und den USA seit Donald Trumps einseitigem Ausstieg aus dem über ein Jahrzehnt lang ausgehandelten Atomdeal mit Teheran auf Konfrontation: Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe bereitete die Islamische Republik nach Einschätzung von US-Militärs ein größeres Manöver im Golf vor. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump ein Gipfeltreffen mit dem Präsidenten des Irans, Hassan Ruhani, in Aussicht gestellt, das in Teheran jedoch nur bedingt auf Gegenliebe stieß.

Vor dem Weißen Haus in Washington demonstrieren Menschen gegen die Iran-Politik des US-Präsidenten. Quelle: Reuters
Protest gegen Trump

Vor dem Weißen Haus in Washington demonstrieren Menschen gegen die Iran-Politik des US-Präsidenten.

(Foto: Reuters)

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Noch Mitte Juli ätzte der US-Präsident in Großbuchstaben via Twitter gegen Ruhani: „NIEMALS WIEDER“ solle er es wagen, den Vereinigten Staaten zu drohen, sonst werde der Iran „KONSEQUENZEN ZU SPÜREN BEKOMMEN, DIE NUR WENIGE IN DER GESCHICHTE JEMALS ZU SPÜREN BEKOMMEN HABEN.“ Ein Kommandeur der mächtigen iranischen Revolutionsgarden schoss kurz danach verbal zurück: „Wie können Sie es wagen, uns zu drohen? Kommen Sie! Beginnen Sie einen Krieg. Wir beenden ihn!“

    Wirtschaftssanktionen, Verbalattacken, Säbelrasseln: Für Michael Lüders fügt sich dieses Bild nahtlos in eine seit der Islamischen Revolution 1979 von Washington betriebene „neokoloniale Politik des Regimewechsels“ ein, die in vielen Ländern Nordafrikas und Westasiens „nichts als Verwüstung“ angerichtet habe.

    Doch im Gegensatz zu anderen Ländern könnte der immer heißer werdende Konflikt mit dem Iran „jederzeit zu einem Krieg führen, mit unvorhersehbaren Folgen“, an dessen Ende ein „Armageddon im Orient“ stehen könnte, wie der etwas reißerische Titel des jüngsten Buches des Nah- und Mittelost-Experten lautet, das in den nächsten Tagen erscheint.

    Auch wenn die allerjüngsten Entwicklungen aufgrund ihrer Schnelligkeit nicht mehr in Lüders Werk einfließen konnten, zeichnet der erfolgreiche Autor, Islamwissenschaftler, Politik- und Wirtschaftsberater die großen strategischen Linien amerikanischer Außenpolitik nach, denen auch Donald Trump derzeit folge: Die USA, so Lüders, wollten „das einzig verbliebene Land im weiten Raum zwischen Marokko und Indien einhegen, dessen Politik sich nicht am Westen orientiert“.

    Michael Lüders – Armageddon im Orient
    C.H. Beck
    München 2018
    272 Seiten
    14,95 Euro
    ISBN: 978-3406727917

    Für diesen Plan sei Washington einen zweifelhaften Bund mit Saudi-Arabien, Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten eingegangen, was Lüders – in Analogie zur mutmaßlichen Einmischung Russlands in den US-Präsidentschaftswahlkampf – kurzerhand die „Saudi-Connection“ getauft hat.

    Erfrischend sachlich gegenüber Lüders’ rasant geschriebenem Buch ist Cornelius Adebahrs Analyse „Inside Iran. Alte Nation, neue Macht?“, die ebenfalls in den nächsten Wochen erscheint – auch wenn sie inhaltlich zu ähnlichen Schlüssen kommt. Genau wie Lüders sieht Adebahr, dass im Iran ein von außen versuchter Regimewechsel droht – „sei es durch wirtschaftlichen Kollaps (infolge der neuen harten US-Sanktionen)“ oder durch militärisches Eingreifen Israels oder der USA.

    Was die Folgen eines solchen Schritts sein könnten, auch hier sind sich Adebahr und Lüders einig, könne man am iranischen Nachbarn Irak beobachten, der seit der US-Invasion unter George W. Bush immer weiter zerfällt.

    Sollte es zu einer militärischen Eskalation kommen, würde der Iran vor der äußeren Bedrohung nicht zurückschrecken, sind die Experten sicher. Amin Saikal, ein in Kabul geborener Politologe und Direktor des Centre for Arab and Islamic Studies, rechnet im Falle einer Aggression von außen sogar damit, dass sich auch bisher regimekritische Iraner hinter ihrer Führung versammeln könnten und so Teherans Hardliner gegen die Reformer um Rohani gestärkt würden.

    Deeskalation durch Reformer

    Das würde Gruppen wie die Revolutionsgarden stärken, die Washington und Riad, aber auch viele europäische Außenpolitiker im Verdacht haben, die iranische Expansion in Syrien, Jemen, Irak, Bahrain und Libanon forciert zu haben. Die USA und ihre Verbündeten könnten in diesem Falle das Nachsehen haben.

    Diese Ansicht stützt auch der deutsche Saudi-Arabien-Kenner Sebastian Sons in einem gerade erschienenen Aufsatz: Riad würde „kurzfristig zwar von Trumps Entscheidung (des Ausstiegs aus dem Atomabkommen) profitieren, langfristig aber verlieren“, wenn der „Albtraum Saudi-Arabiens einer Einkreisung durch iranische Vasallen“ Wirklichkeit würde.

    Was also tun mit dem Iran? Trump riskiert wegen innenpolitischer Probleme infolge seiner mutmaßlichen Russland-Connections und Schweigegeldzahlungen für eine Stripperinnen-Affäre eine Konfrontation mit dem Iran, um sich selbst als formidablen und furchtlosen Spieler auf der Weltbühne zu inszenieren, sind sich die Experten einig. Genau das sei aber der falsche Weg.

    Die Reformer in Teheran seien, so wenig das derzeit den Anschein haben mag, auf dem Vormarsch. In absehbarer Zeit steht die Frage an, wer dem heute 79-jährigen, kranken obersten Führer, Ajatollah Ali Chamenei, nachfolgt. Saikal, der Kabuler Politologe, sieht in diesen Entwicklungen eine Chance für eine „Politik der Einbeziehung“ gegenüber dem Iran, die deutlich mehr Potenzial habe als Trumps „Kanonenbootpolitik“.

    Cornelius Adebahr – Inside Iran
    J.H.W. Dietz
    Bonn 2018
    248 Seiten
    22 Euro
    ISBN: 978-3801205232

    Der Berliner Politikberater Adebahr, der selbst zwei Jahre im Iran gelebt hat, gibt in seinem Buch außerdem zu bedenken, dass es ein Fehlschluss sei, „dass alle, die gegen das Regime auf die Straße gehen, auch ein Leben nach westlich-liberalen Vorstellungen anstreben“. Die Betreiber eines Regimewechsels – namentlich die USA und ihre Anti-Iran-Allianz – würden ihre eigene Rolle überschätzen.

    Die Frage des Wandels im Iran werde im Land selbst entschieden, ist Adebahr überzeugt. Von einem „persischen Frühling“ sei die „Oligarchie der Revolutionäre“ weit entfernt. Schließlich habe das Land, das in 2500 Jahren Geschichte immer wieder zwischen demokratischen und autokratischen Strukturen changierte, seit dem Ausverkauf des Landes durch den Schah schon viele fremde De-facto-Besatzer abgeschüttelt.

    Auch die Urananreicherung hat Teheran aus eigener Kraft geschafft – im Gegensatz zu den nach Atomstrom strebenden Nachbarn in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Das hat die Atomfrage zum „iranischen Nationalstolz“ werden lassen. Aber an den im Atomdeal vereinbarten Stopp der nuklearen Anreicherung über das erlaubte Maß hinaus hält sich Teheran laut der Internationalen Atombehörde (IAEA). Das von Trump als „schlechtester Deal aller Zeiten“ gebrandmarkte Nuklearabkommen hat also erstmals mit diplomatischen Mitteln den Weg zur Atombombe versperrt.

    Dieser Weg ist nun für den Iran wieder offen, und Teheran wird ihn, folgt man der Meinung der Autoren, im Falle einer Konfrontation auch wieder gehen. Einem militärischen Angriff würde der Iran mit „asymmetrischer Vorwärtsverteidigung“ (Adebahr) begegnen, der auch das regionale Netzwerk des Irans weiter mobilisieren könnte – also etwa die Huthi-Rebellen im Jemen, die eigenen Stellungen in Syrien oder die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon. Die ganze Region könnte so zu einem „Inferno“ werden, warnt Saikal, aber auch Lüders die Scharfmacher in Washington und Riad.

    Die Lage drohte also schon weit vor den jüngsten Entwicklungen der vergangenen Tage zu eskalieren. Bleibt abzuwarten, wohin der nächste Trump-Tweet die Lage am Golf steuert – und ob es dann bei Verbalattacken bleibt.

    Startseite
    Mehr zu: Buchtipps - Ein düsteres Fazit zur Lage am Golf
    0 Kommentare zu "Buchtipps: Ein düsteres Fazit zur Lage am Golf"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%