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Bundesinstitut für Fotografie Der Streit um das deutsche Fotozentrum ist neu entbrannt

Um Standort und Aufbau des geplanten Deutschen Fotoinstituts wird hart gerungen. Potenzielle Mitbewerber fühlen sich übergangen.
11.06.2020 - 17:37 Uhr Kommentieren
Der Fotokünstler kämpft seit 13 Jahren für ein Kompetenzzentrum für Fotografie in Düsseldorf. Quelle: JOR/Capital Pictures / MEGA
Andreas Gursky

Der Fotokünstler kämpft seit 13 Jahren für ein Kompetenzzentrum für Fotografie in Düsseldorf.

(Foto: JOR/Capital Pictures / MEGA)

Düsseldorf Eigentlich könnten die Deutschen zufrieden sein. Denn das seit zwei Jahrzehnten geforderte nationale Fotoinstitut für die Bewahrung des visuellen Erbes ist auf dem besten Weg, Realität zu werden. Doch die Debatte darum, wie es wo mit welchen Aufgaben tätig werden soll, ist noch nicht zu Ende.

Auch wenn Kulturstaatsministerin Monika Grütters heute bekannt gab, dass die Machbarkeitsstudie für das deutsche Foto-Institut jetzt startet: „Sie wird den von der Expertenkommission vorgeschlagenen Standort Essen betrachten und dabei ergänzend auch den möglichen Standort Düsseldorf berücksichtigen“, lässt ihre Pressestelle verlauten.

Düsseldorfs prominentester Fotokünstler Andreas Gursky setzt sich schon seit 13 Jahren für ein Kompetenzzentrum für Fotografie in der Landeshauptstadt ein. Erst vor einer Woche ging der von ihm und Moritz Wegwerth ins Leben gerufene „Verein zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts e.V.“ (DFI) erneut mit einem Konzept in die Öffentlichkeit.

Darin macht er sich für eine multifunktionale Einrichtung am Standort Düsseldorf stark, die alles sein will: umfassendes Archiv fotografischer Kultur, Beratungs- und Servicestelle zu Fragen rund um die Erhaltung, Ausstellungshaus und Denkfabrik, an der Grundlagenforschung betrieben wird.

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Standort erkennen

    Das 23 Seiten lange Papier schärft und vertieft den Entwurf, mit dem sich die Stadt Düsseldorf im Oktober 2019 initiativ für eine Ansiedlung des Bundesinstituts bewarb. Daraufhin hatte der Bundestag die Bundesregierung ermächtigt, ein Institut für Fotografie zu planen und zu errichten und dafür bis zu 41,5 Millionen Euro im Bundeshaushalt veranschlagt. Das Land Nordrhein-Westfalen stellte die Kofinanzierung in Aussicht.

    Im März legte nun das von Monika Grütters eingesetzte Expertengremium sein „Konzept für ein Bundesinstitut für Fotografie“ vor. Und darin kam der Entwurf des Gursky-Vereins gar nicht gut weg. Hauptkritikpunkt: seine ausschließliche Konzentration auf die aktuelle künstlerische Fotografie und auf die „Weiterentwicklung von Technologien zum Erhalt von Meisterwerken der Fotokunst“. Das Gremium sprach sich deshalb für den Standort Essen aus.

    In enger Kooperation mit einem möglichst engmaschigen Netz von fotografischen Institutionen erhält die Fotothek die Lebenswerke deutscher und in Deutschland arbeitender Fotografen. Maßgeblich mitinvolviert ist die Stiftung F.C. Gundlach, deren Namensgeber 2006 selbst mit einem Aufruf zur Gründung einer
    Das virtuelle "Archiv der Fotografen" in der Deutschen Fotothek, Dresden

    In enger Kooperation mit einem möglichst engmaschigen Netz von fotografischen Institutionen erhält die Fotothek die Lebenswerke deutscher und in Deutschland arbeitender Fotografen. Maßgeblich mitinvolviert ist die Stiftung F.C. Gundlach, deren Namensgeber 2006 selbst mit einem Aufruf zur Gründung einer "Deutschen Stiftung Fotografie" an die Öffentlichkeit ging. Abgebildet ist eines der typisch eleganten Modefotos Gundlach.

    (Foto: Stiftung F.C. Gundlach/Deutsche Fotothek)

    Aber auch das neue Konzept des Gursky-Vereins ruft Kritiker auf den Plan, und zwar jene, die sich überfahren und übergangen fühlen. Denn die Debatte hat sich längst in ein Ringen um den Standort verwandelt. Wachsweich reagierte in dieser Woche die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) mit der Formulierung „Bitte kein Standortstreit“ und einem „Plädoyer für eine breite inhaltliche Debatte“.

    Noch am selben Tag darauf meldeten sich der Leiter der Deutschen Fotothek in Dresden, Jens Bove, und Sebastian Lux, der Geschäftsführer der Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg, zu Wort. In ihrer vierseitigen Denkschrift, die sie am 8. Juni auf der Website des „Netzwerk Fotoarchive“ veröffentlichten, sprechen sie sich für ein auf verschiedene Kompetenzzentren verteiltes Deutsches Fotoinstitut mit einem starken Zentrum aus. Außerdem fordern sie, ein „geordnetes Verfahren“ zu eröffnen, das orts- und länderübergreifenden Konzepten Raum bietet.

    Vorhandene Schwerpunkte ausbauen

    Bove und Lux plädieren für Kooperationen als Organisationsprinzip. Ein Verbund von Museen und Bildarchiven solle sich der Aufgabe annehmen, das visuelle Erbe der Nation aufzuarbeiten, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei müsse es darum gehen, vorhandene inhaltliche Schwerpunkte und technische Strukturen zu stärken und auszubauen, auch die der Bildarchive.

    Bildarchive sind, anders als die meisten Museen, mit zukünftigen Herausforderungen wie Langzeitarchivierung und Digitalisierung besser vertraut. Sie verfügen über Dienste und Kompetenzen.

    So wird es zum Beispiel auch darum gehen, bei der Digitalisierung standardisierte Datensätze zu erzeugen, damit sie in die „Nationale Forschungsdateninfrastruktur“ (NFDI) eingebettet werden können. Dieses mit 90 Millionen Euro jährlich geförderte Infrastrukturprojekt ist als vernetzte Struktur eigeninitiativ agierender Mitwirkender aufgebaut. „Dieser Maxime sollte auch der Aufbau eines verteilten Deutschen Fotoinstituts verpflichtet sein“, sind Bove und Lux überzeugt.

    Staatskulturministerin Monika Grütters (2. v. l) nimmt am 10. März das Konzept für ein Bundesinstitut für Fotografie aus den Händen von Thomas Weski, dem Leiter der Expertenkommission, in Empfang. Links neben ihr steht Thomas W. Gaehtgens, Direktor Emeritus des Getty Research Institute, Los Angeles, außen rechts Ute Eskildsen, die ehemalige Fotokuratorin am Museum Folkwang, Essen. Quelle: Jörg Carstensen/dpa
    Übergabe in Berlin

    Staatskulturministerin Monika Grütters (2. v. l) nimmt am 10. März das Konzept für ein Bundesinstitut für Fotografie aus den Händen von Thomas Weski, dem Leiter der Expertenkommission, in Empfang. Links neben ihr steht Thomas W. Gaehtgens, Direktor Emeritus des Getty Research Institute, Los Angeles, außen rechts Ute Eskildsen, die ehemalige Fotokuratorin am Museum Folkwang, Essen.

    (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

    Der letzte Absatz des Aufrufs kreist um die undurchsichtigen Entscheidungsprozesse auf dem Weg zum geplanten Fotoinstitut. Nur die als „Initiativbewerbungen“ vorliegenden Konzepte aus Düsseldorf und Essen würden diskutiert, kritisieren Bove und Lux. Als sie selbst beim Kulturstaatsministerium (BKM) vorstellig wurden, bekamen sie gesagt, sie mögen sich doch bitte noch nicht bewerben.

    Das BKM stellt es auf Nachfrage des Handelsblatts anders dar: „Es ist nicht bekannt, inwieweit die Deutsche Fotothek in Dresden bei Stadt und Freistaat Sachsen um die Unterstützung einer Bewerbung geworben hatte, die die Expertenkommission ebenfalls hätte prüfen können“, windet sich das Ministerium aus der Verantwortung.

    Weitere Standorte nicht mehr im Verfahren

    „Der Haushaltsgesetzgeber hat Mittel für einen Standort in Düsseldorf zur Verfügung gestellt“, heißt es weiter in der Stellungnahme aus dem Kulturministerium. Nun werde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die den Standort Essen unter Berücksichtigung eines möglichen Standorts Düsseldorf zum Gegenstand haben wird. Das Land NRW habe die Kofinanzierung für die Errichtung des Fotoinstituts zugesagt. „Damit sind weitere Standorte nicht mehr Gegenstand des Verfahrens.“

    Dass aber die Fokussierung auf Essen bei der Stadt Düsseldorf für Nervosität sorgt, ist nachvollziehbar. Zumal sich Monika Grütters jüngst der Rheinischen Post gegenüber, auf die Empfehlung der Experten berufend, für Essen als Standort ausgesprochen hatte.

    Düsseldorf lässt nicht locker

    Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) reagierte pikiert: Es sei schon erstaunlich, wie eine Kulturstaatsministerin meint, sich über Beschlüsse demokratischer Gremien wie des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages und des Landtags von Nordrhein-Westfalen hinwegsetzen zu können, formulierte er am 23. Mai. Da hatte er bereits einen Architekturwettbewerb für die neue Einrichtung ins Auge gefasst. „Die Landeshauptstadt geht weiter davon aus, Standort des Deutschen Fotoinstituts zu werden“, ließ er verlauten.

    Auf dem Gelände der Zeche Zollverein wäre noch Platz für das Fotoinstitut. Bereits im März sprach das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingesetzte Expertengremium eine Empfehlung für Essen aus. Quelle: Reuters
    Zeche Zollverein in Essen

    Auf dem Gelände der Zeche Zollverein wäre noch Platz für das Fotoinstitut. Bereits im März sprach das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingesetzte Expertengremium eine Empfehlung für Essen aus.

    (Foto: Reuters)

    Bleibt die Frage, ob Düsseldorf – wie von Geisel angekündigt – die bewilligten Mittel bei Bund und Land für die Planung und einen möglichen Bau in Düsseldorf, also insgesamt 83 Millionen Euro einfach abrufen kann. Laut BKM hat der Bundestag mit dieser Entscheidung die Bundesregierung zur Planung und Errichtung eines Institutes für Fotografie ermächtigt. „Die abschließende Entscheidung ebenso wie die Umsetzung des Beschlusses und die Bewilligung der Haushaltsmittel obliegen jedoch der Bundesregierung.“

    So könnte man auch die Pressemitteilung der Bundesregierung vom November 2019 verstehen, nachdem der Bundestag entschieden hatte, den Bau eines Instituts für Fotografie zu unterstützen. Da ist nur von einer „Präferenz des Deutschen Bundestags für den Standort Düsseldorf“ die Rede, und zwar erst im dritten Absatz. Im über 3000 Seiten langen „Haushaltsgesetz 2020“ taucht das Projekt gar nicht auf.

    Tüchtige Lobbyisten diktieren die Entscheidung

    Weise klingen daher die Worte aus dem Mund von Nordrhein-Westfalens Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen: „Ich freue mich sehr, dass das Deutsche Fotoinstitut in Nordrhein-Westfalen realisiert wird“, sagte sie als Reaktion auf die Zusage der Landesregierung, nicht ohne dem Standort Düsseldorf Respekt zu zollen. Sie weiß, dass sich Bund und Land letztlich ohnehin an einen Tisch setzen müssen.

    Am Ende sieht alles so aus, als würde es passen. Wenn potenziellen Mitbewerbern jedoch keine Chance auf eine Bewerbung gelassen wurde, wirft das Procedere ein schräges Licht auf das politische Handeln. Es sieht nämlich so aus, als könnten sich tüchtige Lobbyisten an der Exekutive vorbei schmuggeln und ihr die Entscheidung ins Buch diktieren.

    Mehr: Nationales Bilderbe: Warum Essen der Standort für das geplante „Bundesinstitut für Fotografie“ werden könnte

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