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Corporate Collection Britische Kunst im Palais Populaire: Die Ästhetik des Alltags

In der Berliner Kunsthalle der Deutschen Bank zeigt die Tate Britain unbeirrt von den Brexit-Wirren Skulpturen von 1950 bis in die Gegenwart.
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In der Kunsthalle der Deutschen Bank stellt das Tate derzeit britische Skulpturen aus. Quelle: Mathias Schormann/ Palais Populaire
Palais Populaire

In der Kunsthalle der Deutschen Bank stellt das Tate derzeit britische Skulpturen aus.

(Foto: Mathias Schormann/ Palais Populaire)

Berlin Die Deutsche Bank befindet sich in unruhigem Fahrwasser. Seit Jahren steckt das Bankhaus in Schwierigkeiten und sucht nach Wegen aus der Krise. Seit dem 17. März führt die Deutsche Bank nun sogar offiziell Fusionsgesprächen mit der Commerzbank, ermuntert durch Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Von all diesen Turbulenzen scheint das hochambitionierte Engagement der Deutschen Bank bislang völlig unbehelligt. Was die fundierte Ausstellung „Objects of Wonder“ mit britischen Skulpturen aus der Tate im Berliner Palais Populaire – der Kunsthalle der Deutschen Bank – eindrucksvoll unterstreicht.

Die Skulptur des 20. Jahrhunderts stand lange im Schatten der Malerei. Nur große Einzelgänger wie Constantin Brancusi, Wilhelm Lehmbruck, Alberto Giacometti und Henry Moore vermochten sich dank ihrer Originalität gegenüber den kühnen Entwicklungen der Malerei zu behaupten.

Die britische Bildhauerkunst war wie die deutsche in der ersten Jahrhunderthälfte einem mehr oder weniger realitätsbezogenen Menschenbild verbunden. Das gilt auch für Henry Moore, dessen Hauptthemen trotz ihrer abstrahierenden Intention der organischen Form verbunden sind.

Henry Moore und die mit ihm eng verbundene Barbara Hepworth stehen mit Kleinskulpturen aus den Dreißigerjahren am Anfang der Ausstellung mit rund 70 zum Teil raumgreifenden Werken aus dem Besitz der Londoner Tate, die die Entwicklung der britischen Skulptur von 1950 bis zur Gegenwart nachzeichnet. Der Zweite Weltkrieg hatte die Entwicklung zu einer neuen bildhauerischen Sprache gefördert, die den Weg in eine organische Abstraktion wies. Das rein Figurative war jetzt suspekt, die Krisen der Zeit verlangten Reduktion und Entkörperlichung.

Die „erlösende Wirkung“, die der Ausstellungskatalog diesen frühen Plastiken der Schau im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen Funktion unterstellt, ist heute kaum nachzuvollziehen. Die hier präsentierten Beispiele der Fünfzigerjahre von Bernard Meadows, Lynn Chadwick, Geoffrey Clarke und Kenneth Armitage wirken in ihrer Formensprache unfertig, vorwärtstastend.

Bodenplastiken und Körperkunst

Man spürt die Last einer halbherzig experimentellen, von Unvollkommenheit geprägten Übergangszeit. Auch der Bronzezyklop von Eduardo Paolozzi (1957) hat trotz der Einbettung von Maschinenteilen zwar noch nicht seinen Bezug auf das historische Standbild verloren, wirkt aber in seiner multiplen Schorfigkeit eher brutal als erlösend.

In den Sechzigerjahren sieht es schon ganz anders aus. Da gewinnt der Konstruktivismus in den Schwingungen eines Mobiles von Kenneth Martin, in einem dezent farbigen Vertikalrelief von Victor Pasmore, in einer ausladenden Bodenskulptur von Anthony Caro neue Kontur. Philipp Kings rosa Schlaufe, die auf zwei geometrischen Urformen balanciert, ist ein ironisches Monument britischer Pop Art.

Der als Schöpfer verspielter Hasenbronzen marktbekannte Barry Flanagan ist mit einer 1965 entstandenen, aus weichen Materialien gebildeten Bodenplastik vertreten, die Züge einer ins Komische transponierten Anbetung hat und mit dem Doppelaspekt Objekt-Figur spielt.

Links die „Trinity“-Kästen von Damien Hirst, vorne „Yelow Rack“ von Phyllida Barlow. Quelle: Mathias Schormann, Palais Populaire; Damien Hirst, VG Bild-Kunst
Blick in die Skulpturenschau

Links die „Trinity“-Kästen von Damien Hirst, vorne „Yelow Rack“ von Phyllida Barlow.

(Foto: Mathias Schormann, Palais Populaire; Damien Hirst, VG Bild-Kunst)

„Alles schien möglich“ ist der Titel der Abteilung mit Werken der Siebzigerjahre. In den Bereich der Körperkunst gehört das fotografierte „Pose Work for Plinths“, in dem der Performancekünstler Bruce McLean zwischen zwei Sitzkuben bildwirksame Körperverrenkungen zelebriert. Im Mittelpunkt stehen hier Gilbert und George, die sich in zwei Selbstporträts von 1969 als „The Cunt“ und „The Shit“ bezeichnen und in dieser Zeit als lebende Skulpturen zu Grammophonmusik posieren. In den Achtzigerjahren hebt die Rückkehr zum Objekt die letzten Spuren der Abstraktion auf.

Der Doppeleimer mit versiegelter Innenfläche von Richard Wentworth („Yellow Eight“, 1985) und ein offenes Wandrelief aus Ziegelsteinen und leeren Flaschen von Tony Cragg zeigen, wie mit gefundenem Material eine Bildwirkung erreicht wird, die spielerisch mit der Wirklichkeit des Alltäglichen umgeht.

Kunst besser als ihr Ruf

Gleichzeitig aber zeigen Antony Gormleys turnende Bleifiguren in Lebensgröße die Rückkehr zu einem vom Material geprägten Menschenbild. Als Fels in der Brandung der Kontraste erscheint hier der Land-Art-Künstler Richard Long mit seinem aus kantigen Schieferbrocken gebildeten Gesteinskreis „Red Slate Circle“ von 1988, der auch in dieser Zusammenschau seine erhabene Wirkung nicht verfehlt.

Als der damals schon gut vernetzte Damien Hirst 1988 gemeinsam mit Studienkollegen in den Londoner Docklands die Ausstellung „Freeze“ initiierte, wurden viele Werke von der Kritik als aufregend und außergewöhnlich empfunden. Ihre Protagonisten sind auch in Berlin vertreten: Rachel Whiteread mit einer Bettskulptur, Sarah Lucas mit einem Stuhlobjekt, auf dessen Lehne zwei aus Zigaretten geformte Brüste geschnallt sind.

Eine liegende Figur aus Cumberland-Alabaster. Quelle: The Henry Moore Foundation. / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Henry Moore „Four-Piece Composition“

Eine liegende Figur aus Cumberland-Alabaster.

(Foto: The Henry Moore Foundation. / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Und Damien Hirst, dessen Triptychon aus pharmakologischem, physiologischem und pathologischem Schaukasten eine ganze Wand einnimmt. Auch Mona Hatoum ist mit einem Kinderbett vertreten, nur Marc Quinn und Ron Mueck fehlen.

Mit der Ausstellung der „Young British Artists“ in der Royal Academy 1997 war für diese vitale Kunst der ultimative Marktauftritt geschaffen, von dem sie und ihr Großsammler Charles Saatchi noch heute zehren. Die Berliner Ausstellung gibt einen fundierten Einblick auch in das, was vorher und nachher entstand und mit der Monumentalskulptur „Guild of Pharmacists“ (2014) von Helen Marten noch einmal die für die Skulptur aller Zeiten gültige Wechselwirkung von Fülle und Leere beschwört. Die Ausstellung zeigt, dass die britische Skulptur der letzten sieben Jahrzehnte besser ist als ihr Ruf und sich international mit ihrer Vielfalt, mit ätzendem Humor und ausgeprägtem Sinn für die Ästhetik der Alltagswelt behauptet.

Bis zum 27. Mai. Katalog 26,00 Euro

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