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Deutscher Kulturförderpreis 2018 Theater, Lesungen, Kunst – Unternehmen bekommen Preis für Förderung von Kulturprojekten

Der Kulturkreis im Verband BDI und das Handelsblatt vergeben zum 13. Mal den Deutschen Kulturförderpreis an große, kleine und mittlere Unternehmen.
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Förderer des Stücks ist die Sparkasse Minden-Lübbecke. Quelle: Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück
Theatralisch „Stopp“ sagen

Förderer des Stücks ist die Sparkasse Minden-Lübbecke.

(Foto: Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück)

Minden Seit 2006 ehren der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI und das Handelsblatt Unternehmen, die sich nachhaltig für Kultur einsetzen. In diesem Jahr zählt die Kulturstiftung der Sparkasse Minden-Lübbecke mit einem außergewöhnlichen Projekt zu den Ausgezeichneten. Sie unterstützt Schauspieler bei der Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Wenn man etwas richtig Unangenehmes erlebt hat, fällt es manchmal schwer, den Mund aufzumachen und davon zu erzählen. Ein Junge sitzt vor seiner Lehrerin und knetet seine Mütze in den Händen. Offensichtlich bedrückt ihn etwas.

Die Lehrerin fragt vorsichtig nach. So langsam rutscht es dem Knaben dann doch über die Lippen: Sein großer Bruder würde immer in sein Zimmer kommen und merkwürdige Dinge mit ihm machen. Weh tun würde das nicht, aber es sei ihm sehr unangenehm. Die Lehrerin hört aufmerksam zu.

Dann sagt sie: „Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist. Ich glaube dir. Und ich kenne Menschen, die Kindern, die so etwas auch erlebt haben, geholfen haben. Wollen wir uns bei denen Hilfe holen?“ Der Junge nickt sichtbar erleichtert. Eine kleine Szene, von einem Schauspielerpaar gespielt im Klassenzimmer einer Grundschulklasse.

Es geht um ein heißes Eisen: sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Kinder. Ein Thema, das beklommen und traurig machen kann. Die Schauspieler gehen aber so behutsam damit um, dass weder Peinlichkeit noch Abwehr aufkommt. Im Gegenteil: Als am Ende der „Körpersong“ erklingt – ein Lied, das wie ein Leitmotiv das Stück begleitet – dann singen alle begeistert mit.

Aufklärung in Theaterform – seit 1994 führt die Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück Stücke wie „Mein Körper gehört mir“ in Schulen auf. Und greift ein Thema auf, das mit Tabus behaftet ist und kaum im Lehrplan auftaucht. Im ostwestfälischen Landkreis Minden-Lübbecke ist das seit knapp zehn Jahren anders.

Dort arbeiten nahezu alle Schulen regelmäßig mit den Schauspielern aus Osnabrück zusammen und bieten ein Projekt über sexualisierte Gewalt an. Ermöglicht wird dies durch das Engagement der Stiftung für Kunst und Kultur der Sparkasse Minden-Lübbecke.

In über 800 Klassen wurde das Stück „Mein Körper gehört mir“ seit dem Schuljahr 2006/07 im Landkreis aufgeführt.

Volker Böttcher, Judith Steinhauer und Vorstand Georg Droste von der Stiftung (von l. nach r.). Quelle: D. Gilbert / Spk. Minden-Lübbecke
Sparkasse Minden-Lübbecke

Volker Böttcher, Judith Steinhauer und Vorstand Georg Droste von der Stiftung (von l. nach r.).

(Foto: D. Gilbert / Spk. Minden-Lübbecke)

Dadurch haben rund 20.000 Kinder das präventive Theaterstück erlebt und Tipps zum Umgang mit heiklen Situationen erhalten, die anders verlaufen können, wenn man bestimmte Verhaltensformen und Regeln eingeübt hat: auf sein Gefühl hören, Stopp sagen – und anderen darüber berichten. „Unser Ziel ist, die Kinder stark zu machen“, sagt Georg Droste, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung.

1999 gründete die Sparkasse Minden-Lübbecke ihre Kulturstiftung und stattete sie mit 1,75 Millionen Euro Kapital aus. Aus den Erträgen werden unter anderem Stipendien für junge Musiker aus der Region vergeben und Arbeiten regionaler Künstler angekauft.

Der Hinweis auf die Theaterpädagogische Werkstatt in Osnabrück kam aus dem Kuratorium der Stiftung. Damals war das Thema sexueller Missbrauch vor allem durch die Skandale in kirchlichen Einrichtungen ins Blickfeld gerückt, und in den Schulen wurden Defizite bei der Vermittlung und Aufklärung sichtbar.

Überzeugungsarbeit im Kollegium

Als die Sparkassenstiftung zum ersten Mal Schulen einlud, sich um ein Aufklärungsprojekt zu diesem Thema zu bewerben, war auch die Grundschule Preußisch-Oldendorf mit dabei. „Wir mussten ganz schön kämpfen, um das im Kollegium durchzubekommen“, erinnert sich die damalige Schulleiterin Heidi Freudenstein. „Damals gab es große Widerstände, auch bei den Eltern. Doch heute haben wir stolz eine Plakette an der Schule hängen, dass wir das Projekt schon fünfmal an unserer Schule durchgeführt haben.“

Von Anfang an war den Organisatoren klar, dass man den Kindern in den Schulen nicht einfach das Theaterstück vor die Nase setzen und sie damit alleinlassen kann. Daher werden zunächst die Lehrkräfte geschult. Sie lernen, wie sie selbst Hemmnisse bei diesem Thema überwinden können und was sie tun sollen, wenn bei Schülern der Verdacht auf Missbrauch aufkommt.

Das Stück selbst besteht aus drei Teilen, die in drei aufeinanderfolgenden Wochen gezeigt werden. Es wendet sich gezielt an Kinder der dritten und vierten Klasse, bei denen in diesen Jahrgängen Sexualkunde auf dem Lehrplan steht. Nach einer Aufführung findet immer eine Nachbereitung im Unterricht statt, zuerst mit den Schauspielern, dann – nach Geschlechtern getrennt – mit Vertretern der Beratungseinrichtungen.

Als Gedankenstütze erhalten die Kinder ein Buch und eine Schreibtischunterlage, die sie mit nach Hause nehmen und auf der die wichtigsten Verhaltensregeln und die „Nummer für Kummer“ stehen – eine Notrufnummer, falls man über etwas reden möchte, das auf der Seele drückt. Alle diese Hilfsmittel für das Projekt hat die Stiftung selbst entwickelt und produziert.

„Das Theater ist ein sehr schönes Instrument, um das schwierige Thema zu vermitteln“, sagt Sparkassendirektor Volker Böttcher, der auch Mitglied des Stiftungsvorstands ist. „Die Kinder sind im gewohnten Umfeld ihres Klassenraums und können frei und ungezwungen interagieren.“

„Unser Ziel war es, eine kulturelle Ausdrucksform – das Theater – mit einem wichtigen inhaltlichen Thema zu verknüpfen“, erklärt Stiftungschef Droste. „Wir wollten nicht einfach nur Geld verteilen, sondern in einem wichtigen sozialen Problemfeld etwas für die Region bewirken.“

Organisatorischer Kraftakt

Der organisatorische Aufwand in der Stiftung ist enorm groß, trotz der der gelungenen Vernetzung der Fachleute. Jahr für Jahr werden alle Schulen aufs Neue eingeladen, sich um eine Beteiligung am Projekt zu bewerben. Die Mittel sind begrenzt, flächendeckend kann das Projekt nicht jedes Jahr in allen Schulen angeboten werden. In diesem Jahr haben sich 34 von 38 eingeladenen Grundschulen im Landkreis beworben, 23 haben Zusagen erhalten.

„Wir sind mit dem Projekt mitgewachsen“, sagt Sparkassendirektor Böttcher. „Unter normalen finanziellen Gesichtspunkten kann man ein solches Engagement nicht betrachten. Da steckt schon viel Herzblut von uns allen drin.“

Der Erfolg spricht für sich. Das Feedback aus den beteiligten Schulen ist durchweg positiv. Dass viele Kinder noch nach Jahren den „Körpersong“ trällern können, ist aber wohl der größte Erfolg des Projekts.

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