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Digitalisierung und Kunst Wie die Blockchain Kunstfälschungen verhindern hilft

Die Kunstwelt steckt voller Fälschungen. Ein Sammler und ein Investor wollen sich des Problems annehmen – und nutzen dafür die Blockchain-Technologie.
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Das Kunstwerk wird mithilfe einer App minutiös fotografiert. Quelle: 4ARTechnologies
Biometrischer Fingerabdruck

Das Kunstwerk wird mithilfe einer App minutiös fotografiert.

(Foto:لARTechnologies)

TuttlingenDer schwäbische Ort Tuttlingen ist bekannt für Medizingeräte, hat aber auch einen kleinen Kunstschatz zu bieten. In einem der gesichtslosen Bürogebäude hängt tatsächlich eine Zehnerserie „Marilyn Monroe“, Factory NA 1967, von Andy Warhol; ausgepreist mit 2,6 Millionen Euro. Es ist das Schaustück des Kunstsammlers Niko Kipouros.

An diesem späten Herbst-Vormittag führt er fröhlich durch eine Etage mit den Warhols und anderen weniger spektakulären Bildern. Mit dabei ist der Hausherr und Co-Investor Rolf Maier, einer der führenden deutschen Versicherungsmakler. Sein Familienbetrieb mit 80 Mitarbeitern residiert hier in Tuttlingen und betreut 2.000 Firmenkunden.

Ziel ist eine Echtheitsgarantie

Das Duo, durch viele gemeinsame Geschäfte gestählt, hat sich nichts weniger vorgenommen, als das globale Kunstgeschäft zu revolutionieren. Mittel hierfür ist die im schweizerischen Zug sitzende Firma „4ARTechnologies“: Sie erfasst, archiviert und zertifiziert Gemälde und Skulpturen digital – und strebt eine Art Echtheitsgarantie in einer Branche voller Fälschungen an.

Das System soll über hochwertige Smartphones laufen und Branchenstandard werden. Noch im März testen Galerien und Sammler die Tauglichkeit per Pilotprojekt; danach steht der europäische Marktstart an – wenn alles gut geht.

Das sei „eine Plattform für allerlei Dienstleistungen rund um Kunsthandel, aber nicht für Kunsthandel selbst“, erklärt Initiator Kipouros: „Galerien will ich keine Konkurrenz machen.“ Ziel sei ein „biometrischer Pass“ für die gesamte Kunstwelt, ein „geschlossener Kreislauf“. Nach seiner Schätzung sei bei fast jedem zweiten Kunstwerk die Herkunft nicht zweifelsfrei gesichert – angesichts eines Kunsthandelsvolumens von mehr als 60 Milliarden Dollar ein schwerer Makel. Digitalisierung könne die Branche demokratischer und transparenter machen. 

Kipouros ist CEO und Gründer von 4ARTechnologies. Quelle: 4ARTechnologies
Niko Kipouros

Kipouros ist CEO und Gründer von 4ARTechnologies.

(Foto:لARTechnologies)

Weil die im Februar 2017 gegründete 4ARTechnologies über Blockchain und Kryptowährungen läuft, konnte man seit Sommer 2018 „Utility Token“ kaufen, die man freilich vier Jahre halten muss. Der virtuelle Börsengang – Initial Coin Offering (ICO) – lief bis Jahresende und hat 25 Millionen Euro erbracht, zur Zahlung schritt etwa Falcon Investment aus Frankfurt. Spekulanten rechnen mit Wertsteigerungen der eingesetzten Token (Mindestpreis: zehn bis 30 Cent).

Aber auch über den Verkauf normaler Aktien wollen die Betreiber das Projekt finanzieren. 30 Prozent sollen an institutionelle Investoren gehen (darunter einen Dax-Konzern). Die anderen 70 Prozent teilen sich Kipouros und Versicherungsmann Maier.
Unaufhörlich unterwegs war Gründer Kipouros in den vergangenen Monaten. Roadshows für Finanziers, Gespräche mit Partnern, Fachkongresse, PR-Abende. „Jeder ist willkommen“, sagt er über Investoren in spe. Der Mann mit dem griechischen Namen und Pass, dessen Eltern aus der Nähe von Thessaloniki stammen, ist in Düsseldorf als Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet worden.

Später wurde Kipouros in der Investmentbank Merrill Lynch wohlhabend, begann vor 20 Jahren, Kunst zu sammeln (Pop-Art, Zero, deutsche Expressionisten) und gründete vor sechs Jahren 4Art Venture, eine digitale Handelsplattform für diese Branche. Sie ist streng getrennt von den neuen Aktivitäten. Er verstehe eben zwei Märkte sehr gut, sagt Kipouros, den für Finanzen und den für Kunst.

Digitaler Fingerabdruck im Netz

Unterstützung für seine Ideen fand er in der Schweizer Kantonshauptstadt Zug, wo sich viele Blockchain-Firmen in einem „Crypto Valley Lab“ ansiedeln. Hierher zog 4ARTechnologies im November. Die Belegschaft soll sich 2019 auf 50 Mitarbeiter verdoppeln.

Im Konferenzraum der Maier-Group in Tuttlingen zeigt ein Mitarbeiter der Firma Atlantic Zeiser aus dem benachbarten Emmendingen, wie das Ganze technisch läuft. Er legt sich eine Zeichnung zurecht, ruft eine App am Handy auf, fotografiert das Kunstwerk akribisch und vergleicht das Foto später mit dem Original und einer Kopie. Ein Raster gibt vor, wie das Handy zu dirigieren ist.

Der Ablauf ist so, dass der „digitale Fingerabdruck“ des Bildes mitsamt Informationen zu Provenienz und Herkunft in der Blockchain abgelegt wird, einer hinterlegten Datenkette im Netz; die ist über eine verschlüsselte ID in einer Cloud geschützt. Sechs Patente zur „Augmented-Authentication“-Technologie liegen vor. Atlantic Zeiser ist an den Lizenzeinnahmen bei der Nutzung der App beteiligt.

Die noch zu beobachtenden „Kinderkrankheiten“ würden zum Marktstart behoben sein, versichert der Mann von Atlantic Zeiser. Die Firma beschäftigt sich traditionell mit dem Fälschungsschutz von Geldscheinen sowie anderen Sicherungssystemen und gehört zum Schweizer Gelddrucker Orell Füssli.

Zu viele Fälschungen seien den Kunstkäufern untergejubelt worden, sagt Versicherungsmann Maier im Tuttlinger Konferenzraum, den großen Pappaufsteller eines Eishockeyspielers von Schwenningen im Blick. Den Klub hat er genauso unterstützt wie die Ringer vom SAV Nendingen und die Fußballer des VfB Stuttgart. Großen unternehmerischen Spaß aber findet Maier erkennbar in den Projekten mit Kipouros. 

Der Gründer von 4ARTechnologies wird sehr lebhaft, wenn es um die Vorteile seines Systems für den Kunstmarkt geht. Teure Zustandsberichte („Condition Report“) würden entfallen, wenn zum Beispiel ein Bild von New York nach Basel transportiert würde; Veränderungen an der Oberfläche sind jetzt digital genau erkennbar. Kostenersparnis: bis zu 70 Prozent. Das fällt bei jährlich 35 Millionen Kunsttransaktionen ins Gewicht. Auch können Urheber von Kunstwerken bei Weiterverkäufen besser an Erlösen beteiligt werden.

Und dann redet Kipouros mit Museen, zum Beispiel in Luxemburg, über die Digitalisierung des Bestands. Im Großherzogtum wurde 4ARTechnologies Mitglied im Gründerzentrum „Luxembourg House of Financial Technology“. Auch mit dem Deutschen Bundestag, der 5.000 Kunstwerke besitzt, ist über eine virtuelle Galerie geredet worden.

Der Einsatz digitaler Techniken im Kunstmarkt werde derzeit noch kontrovers diskutiert, sagt Silvia Zörner, die beim Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler die Finanzen und Projekte verantwortet. Noch erscheine vielen der Aufwand hoch, und es komme darauf an, persönlich viel von Kunst zu verstehen, um daraus Sicherheit zu ziehen. In Zukunft aber könnten Blockchain-Anwendungen ein „cooles Ding“ werden. Sie müssten halt verpflichtend sein.

Picasso-Pixel zu Weihnachten

Eine ganz neue Welt sieht Kipouros entstehen. So könnten Kunstfans von digitalisierten Bildern, die öffentlichen Museen gehören, einzelne Pixel kaufen und sie weiterverschenken. Ein paar Picasso-Pixel zu Weihnachten, das ist seine Vision. Scheitern könne sein System nur daran, dass er am Ende nicht genügend Unterstützer überzeuge. Sein Plan sieht fürs zweite Jahr bei 78 Millionen Euro Erlösen gut 14 Millionen Gewinn vor.

Nach dem Europadebüt peilt der Firmenchef den USA-Start an, ein Partner soll helfen. China steht auch auf der Agenda, eine Repräsentanz in Hongkong ist eröffnet. Das Ziel: Weltmarktführer – wenn Hürden wie das Chaos vieler unterschiedlicher Steuergesetze überwunden sind. Kipouros lässt sich nicht einschüchtern: „Wir sind Kinder unserer Zeit und haben uns der Zukunft verschrieben, als Projekt und als Menschen.“ 

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