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Dresdner Skandalrede Lewitscharoff sorgt für Eklat

Bei den Dresdner Reden hat Sibylle Lewitscharoff im Reagenzglas gezeugte Kinder als „zweifelhafte Geschöpfe“ bezeichnet – und damit einen Eklat ausgelöst. Die Akademie, Netzgemeinde und Schwulenverbände sind empört.
Update: 06.03.2014 - 19:11 Uhr Kommentieren
Die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat sich in der Vergangenheit zwar schon mehrfach skeptisch zu technischen Entwicklungen geäußert, gilt aber politisch als eher liberal, nicht dogmatisch. Quelle: dpa

Die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat sich in der Vergangenheit zwar schon mehrfach skeptisch zu technischen Entwicklungen geäußert, gilt aber politisch als eher liberal, nicht dogmatisch.

(Foto: dpa)

Dresden/ BerlinSie spricht von zweifelhaften Geschöpfen, die auf abscheuliche Art zustande gekommen seien, und meint doch Kinder, die im Reagenzglas gezeugt wurden. Mit einer provozierenden Rede wider die künstliche Befruchtung und den Versuch der Menschen, über den Tod selbst zu bestimmen, hat Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff (59) für Empörung gesorgt - für viele völlig unverständlich in dieser Heftigkeit, auch für den Veranstalter der Dresdner Reden, das Staatsschauspiel Dresden. „Natürlich haben wir nicht damit gerechnet, dass jemand auf der Bühne diese Vergleiche anstellt“, sagt Chefdramaturg Robert Koall. „Dann hätten wir sie nicht eingeladen.“

Lewitscharoff hat ihre umstrittenen Äußerungen zur Reproduktionsmedizin verteidigt. „Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke? Ich verlange doch keine sofortige Gesetzesänderung oder derartiges“, sagte die 59-Jährige am Donnerstag in einem Interview, das die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zunächst online veröffentlichte.

Sie habe ihre Rede damit begonnen, dass ihr Vater ein Gynäkologe gewesen sei, der sich umgebracht habe, erklärte sie. „Ich gebe doch den Menschen im Publikum damit zu verstehen, dass ich anders auf diese Themen reagiere, schärfer und auch persönlicher.“ In dem Gespräch hielt Lewitscharoff auch an der Aussage fest, Retortenkinder als „Halbwesen“ zu bezeichnen. „Nein, ich will es nicht zurücknehmen. Ich will sagen, was Gedanken in prekären Fällen bedeuten können.“ Sie hat sich in der Vergangenheit zwar schon mehrfach skeptisch zu technischen Entwicklungen geäußert, gilt aber politisch als eher liberal, nicht dogmatisch.

Als eine Schriftstellerin, „die in ihren Romanen mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Phantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage stellt, die dabei Grundfragen der Existenz in einer subtilen Auseinandersetzung mit großen literarischen Traditionen und mit erfrischend unfeierlichem Spielwitz entfaltet“, war sie in der Begründung für den Büchnerpreis 2013 gewürdigt worden.

Zu einer Klärung trug sie zunächst nicht bei. Nur ihre Worte vom Sonntag blieben. Sie fühle sich an die „Kopulationsheime“ erinnert, „welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen“, hatte sie laut Redemanuskript in Dresden gesagt. Nur kämen diese ihr angesichts des medizinischen Entwicklungsstandes heute „wie harmlose Übungsspiele vor“. Früher habe sie sich über das biblische Onanieverbot lustig gemacht. „Inzwischen erscheint es mir geradezu als weise.“

Dass sie übertreibe, räumt die Wortkünstlerin in der Rede selbst ein. Nur um dann zu sagen, dass sie geneigt sei, Kinder, die auf solch „abartigen Wegen“ entstanden sind, als „Halbwesen“ zu betrachten. „Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ Ungerecht sei dies - natürlich. „Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Doch das Fehlen der Vernunft will Koall nicht geltenlassen. „Sie sind Schriftstellerin. Sie sind in der Sprache zu Hause“, wirft er der 59-Jährigen in einem Offenen Brief vor, lässt in ihrem Fall keine Unschuldsvermutung zu. „Man muss sehr viel Selbstbeherrschung aufbringen, um sich vom Sprachduktus nicht an Zeiten erinnert zu fühlen, in denen eine solche Wortwahl dazu diente, die Würde von Menschen antastbar zu machen.“

Lewitscharoff ist für ihre wortgewaltigen Werke berühmt, für die sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis. Kontroverse Thesen ja, aber nicht solch extreme Vergleiche waren zu erwarten. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass es in dieser Heftigkeit und dieser Absurdität geschieht“, sagt auch Koall.

Lesben- und Schwulenverbände schockiert

Man stehe nach wie vor zu der Einladung, die man zusammen mit der „Sächsischen Zeitung“ ausgesprochen habe, und natürlich habe Frau Lewitscharoff auch das Recht, in diesem Rahmen ihre Meinung zu vertreten, sagt Koall. „Jede Meinung darf auf der Theaterbühne stattfinden, aber nicht die Würde des Menschen angetastet werden“.

Am liebsten wäre er gleich nach der Rede auf die Bühne gegangen, um die Schriftstellerin in ein Publikumsgespräch zu verwickeln und zu klären, „ob sie das wirklich so meint, wie sie das sagt“, meint Koall. „Diese Kaltblütigkeit habe ich aber leider in diesem Moment nicht besessen, allerdings auch nicht die Kaltblütigkeit zu sagen, das lassen wir auf sich beruhen.“

Auch der Verlag geht zum Gesagten seiner Autorin auf Distanz: „Die Haltung, die in der Rede von Sibylle Lewitscharoff zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln“, erklärt Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil.

In der Netzgemeinde schlägt die Empörung wie so oft die höchsten Wellen - und Lewitscharoff ein Shitstorm entgegen. Von „Menschenverachtung“ einer „schrecklichen Tirade“ oder bloßem „geistigem Dünnschiss“ ist da die Rede. Und ein „Sir Manfred“ resümiert via Twitter: „Mist, um ein Buch von Lewitscharoff in die Tonne zu kloppen, müsste ich überhaupt mal eins kaufen.“

Der deutsche Lesben- und Schwulenverband und die Berliner Akademie der Künste haben schockiert auf Sibylle Lewitscharoffs Äußerungen zur künstlichen Befruchtung reagiert. „Das ist ein fieser Angriff auf alle Familien, die wie viele Regenbogenfamilien auf dem Wege der Insemination Kinder bekommen“, erklärte Schwulen-Verbandssprecherin Renate Rampf am Donnerstag in Berlin.

Als Schriftstellerin wisse Lewitscharoff, was Worte anrichten könnten. „In diesem Wissen spricht sie den Kindern die Würde ab. Das ist nicht dämlich, sondern Hass - eine Sprache, die wir sonst nur von Verwirrten oder Fundamentalisten kennen.“

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, erklärte: „Wir weisen den menschenverachtenden Ton und Gestus der Dresdener Rede von Sibylle Lewitscharoff aufs Schärfste zurück.“ Bei allem Respekt vor der privaten Meinung der Autorin teile er mit dem Schriftsteller Ingo Schulze die Meinung, dass es „ungeheuerlich“ und „in jeder Weise inakzeptabel“ sei, künstlich gezeugte Kinder als „Halbwesen“ zu bezeichnen.

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