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Falsch verstandene Wiedergutmachung Kirchners „Berliner Straßenszene“ wurde Erbin vorschnell zurückgegeben

Vor Jahren wurde ein Bild Ernst Ludwig Kirchners an die Erbin der jüdischen Unternehmerfamilie Hess zurückgegeben. Doch die Restitution war voreilig.
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Ronald Lauder wunderte es, dass Berlin das Bild weggegeben hat, es bestand kein Anlass dazu. Quelle: Neue Galerie New York
Ernst L. Kirchner „Berliner Straßenszene“

Ronald Lauder wunderte es, dass Berlin das Bild weggegeben hat, es bestand kein Anlass dazu.

(Foto: Neue Galerie New York)

Düsseldorf Um keine Restitution wurde in Deutschland so gestritten wie um die Herausgabe von Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ aus dem Brücke-Museum am 1. August 2006.

Weil die Berliner Senatsverwaltung das Rückgabeverfahren schnell unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzog und auf einen offiziellen Rettungsversuch verzichtete, konnte eine kritische Begutachtung der Fakten erst nach der Restitution folgen.

Ohne Ausfuhrgenehmigung wurde das Hauptwerk des Expressionismus wenige Tage nach Unterzeichnung der Vereinbarung den Spediteuren von Christie’s übergeben und im November 2006 für 38 Millionen Dollar an den Sammler und Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, versteigert.

Zwölf Jahre sind inzwischen vergangen. Nun hat der auf Restitutionsrecht spezialisierte Anwalt Ludwig von Pufendorf für den Förderverein des Brücke-Museums eine 260 Seiten starke Dokumentation des Falls herausgegeben. Erschienen ist sie im Kerber Verlag.

Kernstück des reich illustrierten Buchs ist die mit Anmerkungen kommentierte Chronologie der Quellen und ihre umfassende Einordnung. Ergänzt wird sie von sechs Essays namhafter Historiker und Juristen. Für den Herausgeber ist die eilfertige Restitution der Straßenszene „ein nach wie vor brandaktuelles Lehrbeispiel“ für eine Fehlentscheidung, die „aus einer das Recht ausblendenden Moralauffassung“ und aus „fragwürdigem politischem Kalkül“ getroffen wurde.

Am schwersten wiegen die Vorwürfe, die Senatsverwaltung habe weder vorhandene Dokumente selbst eingesehen noch die bei NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern beratende „Limbach-Kommission“ eingeschaltet. Bereits Christian Herchenröder hatte im Handelsblatt vom 18.8.2006 moniert, alle sachlichen Gegenargumente seien mit der „Moralkeule“ geschlagen worden. „Von einem verfolgungsbedingten Verlust der Sammlung Hess“ könne keine Rede sein.

Kein Anlass für eine Rückgabe

Die Unternehmerfamilie von Alfred Hess war im Zuge der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Tekla Hess, die nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1931 das Erbe ausgeschlagen hatte, transferierte die Kunstsammlung erst in ihren Heimatort Lichtenfels und anschließend in die Schweiz. Ein Vorgehen, das laut Pufendorf „ausschließlich durch die Überschuldung des Nachlasses und den unaufhaltsamen Niedergang der Schuhfabrik bestimmt“ war. Das NS-Regime war damals noch nicht an der Macht.

Erworben. Besessen. Vertan.
Dokumentation zur Restitution von Ernst Ludwig Kirchners ‚Berliner Straßenszene‘
Kerber Verlag, Bielefeld
2018
261 Seiten
45 Euro

Die „Berliner Straßenszene“ ließ Tekla Hess 1936 aus dem Kunsthaus Zürich an den Kölnischen Kunstverein senden; aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, weil die Gestapo sie unter Druck setzte, sondern weil sich das Bild in Deutschland besser verkaufen ließ.

Für den damaligen Rekordpreis von 3.000 Reichsmark übernahm es der Frankfurter Industriemanager und Sammler Carl Hagemann. Dass Tekla Hess den Kaufpreis nicht erhalten hat, gilt als sehr unwahrscheinlich, zumal sie dies nie beklagt haben soll und auch beim Wiedergutmachungsverfahren den Verlust der Arbeit nicht anmeldete.

Dem „Stern“-Magazin gegenüber bekannte Ronald Lauder 2007, er habe sich „gewundert, dass Berlin das Bild weggegeben hat, es bestand kein Anlass dazu“. Angesichts der Tatsache, dass die Familie Hess jahrzehntelang nichts unternahm, obwohl ihr der Verbleib des Bildes im Berliner Brücke-Museum bekannt war, artikuliert auch Rechtsanwalt Peter Raue erhebliche Zweifel, ob man von einem NS-verfolgungsbedingten Verkauf sprechen könne.

Typisch für den Fall ist für den auf Restitution und Wiedergutmachung spezialisierten Richter i. R., Friedrich Kiechle, „dass sich die Handelnden in einem dunkel bleibenden höheren Sinn offenbar ‚im Recht‘ fühlen“. Eine Entwicklung, die er als „alles andere als harmlos“ einstuft.

Ein Angriff auf das Recht

Bei Lichte betrachtet, handele es sich „um einen Angriff auf das Recht“ und auf die Rolle des Gesetzgebers in einer demokratischen Gesellschaft. Es sei allein seine Aufgabe, die erforderlichen Abwägungen der beteiligten Interessen vorzunehmen und auf dieser Grundlage eine Entscheidung zu treffen.

Die entscheidende Frage, ob die Straßenszene nach New York gegeben werden musste, verneint Kiechle. Die Rückgabe wäre rechtswidrig gewesen. „Eine rechtlich einwandfreie Umsetzung erfordert eine gesetzliche Grundlage.“ Peter Raue hat „keinen Zweifel daran, dass die Restitution dieses Werkes unter Verkennung (oder durch Unterdrückung) des wahren Sachverhalts erfolgt ist“.

Allerdings vermeidet er das Wort „rechtsgrundlos“, weil „sich selbst die ‚berechtigte‘ Restitution nicht auf rechtliche, sondern nur auf metarechtliche Überlegungen stützen kann“. Aber auch diese würden weder die Entscheidung noch die atemberaubende Geschwindigkeit tragen, mit der der Berliner Senat gehandelt hätte.

Am Ende ist festzuhalten: Das Land Berlin war nicht ermächtigt zu restituieren. Es hat das Eigentum an Kirchners „Berliner Straßenszene“ nie verloren.

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