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fiftyfifty Gursky, Richter, Ruff – weltberühmte Künstler spenden Werke für Obdachlose

Das Straßenmagazin fiftyfifty verkauft seit bald 26 Jahren Kunst zum guten Preis. Mit den Erlösen und mit Spenden kauft der gleichnamige Verein Wohnungen für Obdachlose.
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Der Künstler unterstützt fiftyfifty regelmäßig mit Kunstspenden. Quelle: Hubert Ostendorf; VG Bild-Kunst, Bonn, für Ruff
Thomas Ruff präsentiert seine Edition „Cassini 13“

Der Künstler unterstützt fiftyfifty regelmäßig mit Kunstspenden.

(Foto: Hubert Ostendorf; VG Bild-Kunst, Bonn, für Ruff)

Düsseldorf Hubert Ostendorf rückt das edel gerahmte Bild im Eingangsbereich eben noch mal zurecht. Eigens für das Handelsblatt-Gespräch hat der Gründer der Obdachlosenzeitung „fiftyfifty“ eine Arbeit des weltberühmten Fotokünstlers Andreas Gursky in der fiftyfifty-Galerie in Düsseldorf-Eller aufgehängt.

Es zeigt im kleinen Format die Geschäftigkeit von Formel-Eins-Teams beim Boxenstopp. Ein Motiv, das viele Menschen anspricht, innerhalb der Kunstszene und außerhalb. Mit der professionell geführten Galerie rückt ein randständiges Projekt in die bürgerliche Mitte. Es wird zum Gesprächsstoff.

Kunst ist Teil von fiftyfifty. Der 58-Jährige ist Religionspädagoge, Verlagskaufmann und leitender Redakteur von fiftyfifty. Das monatliche Heft wird von Profis gemacht und von Obdachlosen verkauft. Der Verkaufspreis von 2,40 Euro wird geteilt, die eine Hälfte geht an Organisation und Herstellung, die andere Hälfte an die Verkäufer.

Der Journalist kleidet sich in der schwarzen Kluft der Künstler. Er kennt die Größen der Kunstszene und die lokalen Helden alle persönlich. Die Stars der Düsseldorfer Photoschule, Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth. Die weltberühmten Zero-Künstler Günther Uecker, Heinz Mack und den verstorbenen Otto Piene, den Fotokünstler Wolfgang Tillmans oder Ai Weiwei, den Chinesen.

Der hat Ostendorf bei der Filmpremiere von „Human Flow“ spontan Plakate signiert. Sie alle haben für die fiftyfifty-Kunstauktionen für den guten Zweck gespendet. „Die Künstler sind begeistert, dass wir für ihre Werke so viel erlösen.“

Warum kann fiftyfifty so erfolgreich Kunst verkaufen? Obdachlose und Kunst – für Hubert Ostendorf ist das eine naheliegende Verbindung. „Auch viele Künstler führen ein randständiges Leben.“

Das stimmt. Nur fünf Prozent der ausgebildeten Künstler können von ihrer Kunst leben. Das belegt die Statistik. Nicht wenige von ihnen backen kleine Brötchen, leben am Rand der Gesellschaft.

Der fiftyfifty-Chef hat in drei Jahren 60 Wohn-Einheiten à 80.000 Euro erworben. Quelle: fiftyfifty; Peter Lauer
Hubert Ostendorf

Der fiftyfifty-Chef hat in drei Jahren 60 Wohn-Einheiten à 80.000 Euro erworben.

(Foto: fiftyfifty; Peter Lauer)

„Einige waren selbst obdachlos. Etwa Günther Uecker, der uns immer sehr unterstützt, hatte nach seiner Flucht in den Westen mal in einem Caritasheim gewohnt“, sagt Ostendorf. „Auch der Schriftsteller und Grafiker Günter Grass hat mehrfach im Caritasheim übernachtet.“

Immer wieder schaffen Künstler extra ein Werk für fiftyfifty. Jörg Immendorff rief Hubert Ostendorf von sich aus an – bereits vom Tode gezeichnet. „Ey, komma vorbei, ich hab‘ was für euch gemacht“, sagte der 2010 verstorbene Künstler damals am Telefon. Er hatte eine Affen-Skulptur gemacht, nicht mit einem Pinsel in der Hand wie üblich, sondern mit einem Stein in der Hand und einer Maurerkelle: „Der Affe baut das Haus für Obdachlose“.

Ostendorf spricht lebhaft und faktensicher. Düsseldorf hat rund 2.000 Obdachlose. Etwa 1.700 nächtigen in Notunterkünften und Notwohnungen. Doch gut 300 Menschen leben ständig auf der Straße.

Deshalb hat der Mann mit der grauen Kurzhaarfrisur eine Mission, die über das Machen eines Straßenmagazins hinausgeht. „Wir wollen Obdachlose von der Straße holen.“ Weil es auf dem Mietmarkt keine Wohnungen für Obdachlose gibt, „kaufen wir Apartments in bürgerlichen Häusern zu Marktpreisen. Und betreuen die Bewohner, wenn sie es möchten.“

Die Geschichten von Franz, Markus und „Socke“ sprudeln nur so aus Ostendorf heraus. Sie haben es geschafft, wieder Fuß zu fassen im bürgerlichen Leben, seit sie ein Dach über dem Kopf haben. Einer hat sogar eine Weiterbildung durchgezogen und in einem neuen Beruf begonnen.

„Housing First“ heißt dieses erfolgsgekrönte Modell aus Amerika, das den Wohnungslosen ohne den Umweg über temporäre Notunterkünfte direkt mit einer eigenen Wohnung oder einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft versorgt. Der Ansatz ist so genial wie würdevoll. Der Fernsehsender Vox drehte kürzlich eine Serie über Housing First, die vor Weihnachten sechs Mal eine Stunde laufen wird.

„Wir als kleiner Verein haben in drei Jahren 60 Wohneinheiten à 80.000 Euro gekauft“, bilanziert Hubert Ostendorf nicht ohne Stolz. Die Einnahmen mit den Kunstversteigerungen liegen pro Jahr etwa bei 400.000 bis 500.000 Euro. Doch die Kunstkäufer spenden noch mal eine Million Euro.

Enttäuscht ist der Vorkämpfer aber von der Stadt Düsseldorf. „Wenn wir das schaffen, müsste die Stadt Düsseldorf das doch auch schaffen.“ Seine Mitstreiter und er haben alle Entscheidungsträger der Stadt getroffen und informiert. „Am Ende bekamen wir und unser Partner in Sachen Housing First, die Diakonie, zehn Wohnungen versprochen. Doch wir kriegen sie einfach nicht.“

Als Unternehmen trägt fiftyfifty sogar zum Steueraufkommen der Stadt bei. „Bevor wir das Geld in Beton für Obdachlose investieren, bezahlen wir noch Körperschafts- und Gewerbesteuer auf die Erlöse durch Kunst an die Stadt“, empört er sich.

Nach und nach wieder Fuß fassen im bürgerlichen Leben. Quelle: Katharina Mayer
Bewohner eines Housing-First-Projekts

Nach und nach wieder Fuß fassen im bürgerlichen Leben.

(Foto: Katharina Mayer)

Einen Landespolitiker hingegen konnte Ostendorf überzeugen. NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) fördert den Housing-First-Fonds, den fiftyfifty zusammen mit „Dem Paritätischen NRW“ aufgelegt hat. Der Fonds hilft der Wohnungslosenhilfe im Land, Apartments zu kaufen. Von den angepeilten 100 Wohnungen in ganz NRW haben 14 Träger der Wohnungslosenhilfe bereits 29 Wohnungen erworben.

Ohne die Kunst gäbe es den Fonds mit seinem Volumen von 1,2 Millionen Euro nicht. Er verdankt sich ausschließlich einer einzigen Spende von Gerhard Richter. Richter schenkte fiftyfifty 2015 die ganze Fünfer-Auflage „Cage f.ff. I-VI“, insgesamt dreißig abstrakte Arbeiten.

Die sechs Motive der 90 mal 90 cm großen Quadrate schillern in vielen Farben. Sie sind Farboffsets nach Fotos von Richters „Cage“-Gemälden. Edel auf Alu-Dibond unter Plexiglas aufgezogen werten die rückseitige Handsignatur, die Nummerierung und der Eintrag im Oeuvreverzeichnis die Werke zusätzlich auf.

Die Bilder des Kölner Malers zählen zu den am höchsten gehandelten auf dem Kunstmarkt. Gemälde wechseln inzwischen für zweistellige Millionenpreise die Hand. Bislang haben Verkauf und Versteigerung der Cage-Farboffsets Einzelpreise zwischen 80.000 und 130.000 Euro gebracht. Im Auktionshaus Van Ham in Köln lagern noch zwei Sätze zur Versteigerung und zur Verwandlung in Betongold.

Weihnachtsgeschenk von Gerhard Richter

Gerhard Richter beschenkt den Verein immer wieder. „An einem Donnerstag kurz vor Weihnachten ruft mich Gerhard Richter an. Und fragt, ob ich das Bild „Mutter mit Kind am Strand“ kenne? Ja natürlich,“ antwortet der Kenner Ostendorf. Von dieser Edition habe er noch zwei, brauche aber nur eine. „Die andere können Sie sich gerne abholen“, sagt Gerhard Richter.

Ostendorf fährt am Freitag nach Köln, holt das bereits gerahmte, großformatige Bild ab. Dank eines gepflegten Emailverteilers von 10.000 Kunstinteressierten in aller Welt ist die Edition bereits am Samstag verkauft. „Für einen sehr guten Preis von 100.000 Euro“, schmunzelt Marktbeobachter Ostendorf. Und wie der Zufall es will, ist am selben Tag eine passende Wohnung auf Immoscout annonciert.

Die Straßenzeitung erscheint seit 1995; die Auflage sinkt jedoch mit der Digitalisierung der Medien. Quelle: fiftyfifty
fiftyfifty

Die Straßenzeitung erscheint seit 1995; die Auflage sinkt jedoch mit der Digitalisierung der Medien.

(Foto: fiftyfifty)

Der fiftyfifty-Chef gibt das eben eingenommene Geld sofort wieder aus. Und kann am Ende einen 79-Jährigen von der Straße holen, der mit Unterbrechung fast 50 Jahre auf der Straße gelebt hatte. „Der wäre auf der Straße gestorben“, begründet Ostendorf die Wahl. Für Housing First wählt der Verein Obdachlose mit der schlechtesten Prognose aus.

Warum sind Künstler fiftyfifty gegenüber so aufgeschlossen? „Die Resonanz bei den Künstlern haben wir uns erarbeitet in bald 25 Jahren“, erklärt Ostendorf selbstbewusst. Den Künstlern gefalle, dass sie aus ihrer Sicht mit einem begrenzten Einsatz, dazu beitragen können, dass Menschen ganz unten am Rande geholfen wird.

Die Preise für die Bilder legt das Team in Absprache mit den Künstlern fest. „Wir verschleudern die Kunst nicht.“ Künstlerinnen und Künstler schätzen den respektvollen Umgang mit ihren Spenden. „Wir präsentieren sie gut. Genau nach den Vorgaben des Künstlers, was das Passepartout und den Künstlerrahmen betrifft,“ beschreibt Hubert Ostendorf die Zusammenarbeit mit Conzen, dem in Düsseldorf alteingesessenen Fachbetrieb für Rahmen.

Mit farbigen Kugelschreibern auf MDF-Platte gezeichnetes Original. Diese gerahmten Zeichnungen sind bei den Kunstliebhabern sehr beliebt. Quelle: fiftyfifty
Mazakuzu Kondo „Eisvogel“

Mit farbigen Kugelschreibern auf MDF-Platte gezeichnetes Original. Diese gerahmten Zeichnungen sind bei den Kunstliebhabern sehr beliebt.

(Foto: fiftyfifty)

Für die wöchentlich wechselnden Online-Auktionen von fiftyfifty spenden nicht nur Künstler. Auch Sammler, Galeristen, Nachlässe und Editeure unterstützen den Verein. Die Kunden sitzen in Amsterdam, Paris, Brüssel. „Eine Thomas Ruff-Edition wird auf der ganzen Welt gekauft.“ Für „Cassini 13“, einen C-Print der Saturn-Sonde Cassini in 100er-Auflage von Thomas Ruff, muss der Kunstfreund 2.900 Euro bezahlen.

Wer nur 120 Euro ausgeben kann, findet einen 3d-gescannten Flachdruck von Hermann-Josef Kuhna in leuchtenden Farben auf der Homepage. Oder eine der beliebten Kugelschreiberzeichnungen eines Eisvogels von Mazakuzu Kondo für 3.400 Euro.
Wie immer bei der Kunst, muss der Interessierte die Beschreibung im Netz oder in der Mail verstehen. Ein Flachdruck ist ein Plakatdruck und eben keine Originalgrafik, die viel kostspieliger wäre.

Der Festpreis von „nur“ 4.000 Euro für den eingangs erwähnten „Boxenstopp“ von Andreas Gursky hat eine einfache Erklärung. Es ist kein Foto, sondern ein Plakat- oder Offsetdruck. Das sieht freilich nur, wer den bei Experten üblichen Fadenzähler ans Auge legt.

Die Signatur vorne auf dem Motiv macht das indes auch klar. Der Kenner weiß, dass Gursky Originale nur hinten signiert. Doch die Anziehungskraft und Bildgewalt von Gursky sind riesig. Der Offsetdruck, der direkt vom Künstler kommt, wird ein Highlight sein im Frühjahr 2020 auf der Auktion zum 25-jährigen Jubiläum des Straßenmagazins fiftyfifty im NRW-Forum.

Mehr: Mäzenin in Düsseldorf: Gemeinsinn geht vor Gier. Lesen Sie hier, wie die Kunstsammlung NRW zu einem weiteren Gemälde von Gerhard Richter kam.

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