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Filmförderung Die Macht der Öffentlich-Rechtlichen über das Kino

Filmproduktionen, die nicht mit den „Geschmacksvorgaben“ von ARD und ZDF vereinbar sind, haben es schwer bei den Öffentlich-Rechtlichen. Von mutigen Filmen, der Zwangsehe von TV und Kino und Grenzen des Crowdfundings.
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Entfesselte Bestie in weißem Kleid: Der Samurai, gespielt von Pit Bukowski, zieht mordend durch ein Dorf in Brandenburg. Quelle: Screenshot

Entfesselte Bestie in weißem Kleid: Der Samurai, gespielt von Pit Bukowski, zieht mordend durch ein Dorf in Brandenburg.

(Foto: Screenshot)

BerlinEin Fremder im Frauenkleid zieht durch ein kleines Dorf. Mit einem Samurai-Schwert zerschlägt er alles, was ihm in die Quere kommt – erst sind es Gartenzwerge, später Menschen. Doch statt den grausamen Verbrecher zu jagen, fühlt sich der junge Dorfpolizist mehr und mehr von ihm angezogen.

Till Kleinerts Film „Der Samurai“ lässt sich in die Tradition der blutrünstigen Midnight-Movies aus den 70er Jahren einreihen und wurde nach seiner Premiere auf der Berlinale von Publikum und Kritikern gefeiert. Dass es diesen Film überhaupt gibt, ist ein kleines Wunder. Es ist das Ergebnis eines Kampfes gegen die Branche, die Geschmacksvorgaben der Öffentlich-Rechtlichen, von großem Mut und großem Risiko beim Filmemachen

Eine Redakteurin vom „Kleinen Fernsehspiel“ (ZDF) – einer Sendereihe für Filme und Dokumentationen von Nachwuchsregisseuren – hatte das Filmemacherkollektiv „Schattenkante“, zu dem Kleinert gehört, gefragt, ob sie nicht eine Idee für einen Thriller hätten. Düster sollte der Stoff sein und der Film erst spät abends gezeigt werden.

Gemeinsam entwickelten Kleinert und seine Partner Anna und Linus de Paoli mit der Redakteurin den Stoff zum Samurai. „Je näher die Redaktionssitzung rückte, in der endgültig über das Projekt abgestimmt wurde, umso nervöser wurde die Redakteurin“, erinnert sich Anna de Paoli, Produzentin des Films.

„In der Besprechung hat die Geschichte wohl allen gefallen“, sagt de Paoli. Trotzdem erhielten die Filmemacher eine Absage. Der Stoff sei „nicht mit den öffentlich-rechtlichen Geschmacksvorgaben vereinbar“. Das hätte der Todesstoß für das Projekt sein können. Denn diese „öffentlich-rechtlichen Geschmacksvorgaben“ entscheiden in Deutschland nicht nur darüber, welche Filme abends in der ARD oder im ZDF laufen. Sie entscheiden auch maßgeblich mit darüber, welche Filme ins Kino kommen.

Zwar gibt es eine umfangreiche Filmförderung, das Gesetz schreibt jedoch vor, dass 20 Prozent der gesamten Kosten eines Kinofilms nicht staatlich subventioniert sein dürfen. Privatinvestoren, wie es sie im gesamten angelsächsischen Raum gibt, sind hierzulande selten. „Bis auf ein paar große sind deutsche Produzenten fast immer entkapitalisiert – sie haben kein Geld, das sie in die Filme investieren können“, sagt Regisseur Dennis Todorovic der nach „Sascha“ an seinem zweiten Kinofilm arbeitet.

Ohne die öffentlich-rechtlichen Sender könne man in Deutschland kaum einen Film ins Kino bringen, sagt Michel Morales vom unabhängigen Produzentenverband. „Die Zwangsehe zwischen Fernsehen und Kino ist meiner Meinung nach die Geißel des deutschen Films“, sagt de Paoli. „Die Stoffe müssen fernsehtauglich sein. Wie will man da Kinofilme machen?“

Trotz der Absage des ZDF arbeitete de Paoli weiter an der Realisierung des Samurais. Sie reichte den Stoff, welcher auch Kleinerts Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie werden sollte, bei der Filmförderung Medienboard Berlin-Brandenburg ein und hoffte auf 150.000 Euro. „Das war schon das Minimum – Gagen konnten wir mit dem Budget nicht bezahlen“, sagt die Produzentin. Doch die Aussichten auf eine Förderung waren alles andere als gut.

Üblicherweise ist für den Erhalt einer Filmförderung die Beteiligung eines Senders Bedingung. „Wir mussten sie davon überzeugen, dass wir das Projekt künstlerisch, organisatorisch und finanziell ohne Sender stemmen konnten. Sicher waren da auch unsere preisträchtigen vorherigen Arbeiten und die Koproduktion mit der Filmhochschule hilfreich“, sagt de Paoli. Am Ende stellte das Medienboard 120.000 Euro in Aussicht – die Filmemacher sollten das Geld jedoch nur bekommen, wenn sie einen Nachweis über die Schließung der Finanzierungslücke in Höhe von 30.000 erbringen konnten.

„Produzent wird zum Vasall des Senders“

Zu Beginn fürchten die Dorfbewohner einen Wolf, am Ende wünschen sie, es wäre einer gewesen: Der Mann mit einem Samurai-Schwert hinterlässt eine Spur des Todes. Quelle: Screenshot

Zu Beginn fürchten die Dorfbewohner einen Wolf, am Ende wünschen sie, es wäre einer gewesen: Der Mann mit einem Samurai-Schwert hinterlässt eine Spur des Todes.

(Foto: Screenshot)

Die Summe versuchten die jungen Filmemacher über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo einzutreiben. „Mit Abzügen hatten wir am Ende 10.000 Euro zusammen“, sagt die Produzentin, die restlichen 20.000 bekamen sie von der Animationsfilmfirma Hahn Film, die Linus de Paolis Vater gehört. „Nach dieser Erfahrung weiß ich, dass Crowdfunding für mich kein alternatives Finanzierungstool sein wird“, lautet Anna de Paolis Resümee.

„Es ist ganz lustig, wenn man sonst nicht zu tun hat. Aber wenn man effektiv produzieren will, nimmt die Organisation der Crowdfunding-Kampagne zu viel Zeit in Anspruch.“ Hinzu kommt, dass 95 Prozent der Förderer Freunde und Bekannte des Filmemachertrios sind. „Die hätten wir auch so fragen können“, sagt sie.

„Ich fand die Idee des Crowdfundings anfangs toll“, erinnert sich Michel Morales. „Aber das Finanzierungstool nützt eigentlich nur den Großen, die es gar nicht nötig haben. Die Avantgarde, die die Filme macht, die wir in ein paar Jahren für wichtig halten, wird davon nicht profitieren“, glaubt der Produzent. „Die Abhängigkeit von den Sendern bleibt also weiter bestehen.“

Der Einfluss der Sender geht noch über die Finanzierung des nicht-subventionierten Anteils hinaus. Weil ein Teil der GEZ-Gebühren in staatliche Filmförderungen fließen, entscheiden Fernsehredakteure auch darüber, welche Kinofilmprojekte finanziert werden sollen. Dass sie häufig bemüht sind, erstmal die Filme mit staatlichen Mitteln zu versorgen, die auch ihre Sender fördern, ist in der Branche ein offenes Geheimnis.

Auch während der Produktion haben die Redakteure maßgeblichen Einfluss auf die Filme. „Sie reden beim Drehbuch mit, beim Casting und später beim Schnitt – obwohl sie als Festangestellte kein wirtschaftliches Risiko tragen“, sagt Morales. „Ein Produzent wird so zum Vasall eines Fernsehsenders.“ Dennis Todorovic glaubt, dass die Verbindung von Fernsehsendern mit Kinofilmproduktionen nicht folgenlos bleibt: „Unser ganzes Fördersystem führt dazu, dass viele von den kleineren Produzenten vor allem fernsehtaugliche Stoffe anbieten – aber eigentlich keine Kinoformate.“

Dass der deutsche Film auf Festivals wie Cannes keine große Rolle spiele, dürfe nicht verwundern, sagt Morales. „Wir bringen geschliffene Fernsehfilme ins Kino.“

Aber es gebe auch andere Förderbeispiele, sagt Anna de Paoli. Lars von Trier habe seinen Film „Antichrist“ mit der Unterstützung des ZDF und deutscher Filmförderungen finanziert. „Der trifft ja auch nicht gerade die ,öffentlich-rechtlichen Geschmacksvorgaben'“, sagt sie und führte dieses Argument auch beim Ringen um die Finanzierung ihres eigenen Stoffes ins Feld.

Lars von Trier habe gezeigt, dass man ihm vertrauen kann, bekam sie zu hören. „Wie können wir als junge Filmemacher denn jemals so ein Vertrauen gewinnen, wenn die Sender nicht den Mut haben, auch außergewöhnliche Projekte zu fördern“, fragt Anna de Paoli. Oder anders gesagt: Mit mutlosen Filmen gewinnt die Branche international keine Preise.

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1 Kommentar zu "Filmförderung: Die Macht der Öffentlich-Rechtlichen über das Kino"

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  • die Überschrift ist falsch! Es müsste lauten die Bevormundung der Bevölkerung durch die öffentlich rechtlichen!" Ursprünglich gegründet, um nach der dunkelsten Zeit Deutscher Geschichte, eine objektive Nachrichtenberichterstattung für die Bevölkerung zu sichern. Heute ein riesiger geldschluckender Molloch. Am Schlimsten finde ich dabei Zwangsgebühren und Werbung! Wenn schon Zwangsgebühren dann bitte keine Werbung!!! aber das wird nur ein Traum bleiben, da dort Expolitiker eine Ruhepolster für sich finden.