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Florian Peters-Messer Kunst hat nicht schön zu sein

Der Immobilienunternehmer Florian Peters-Messer sammelt Kunst zu politisch brisanten Themen. Zur Zeit ist seine Kollektion in Bremen zu Gast.
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In Bremens Weserburg kann der Immobilienunternehmer seine Kunstsammlung zum ersten Mal in größerem Umfang vorstellen.
Florian Peters-Messer

In Bremens Weserburg kann der Immobilienunternehmer seine Kunstsammlung zum ersten Mal in größerem Umfang vorstellen.

Bremen Seine Familie war immer kulturinteressiert gewesen. Documenta-Besuche, Pina Bausch in Wuppertal, die Düsseldorfer Kunstmuseen und Galerien seien ihm „schon mit 18“ vertraut gewesen, erzählt der Kunstsammler Florian Peters-Messer. Sein Bruder ist der Opernregisseur Jakob Peters-Messer. Nach einem Studium in Oxford und Paris hat Peters-Messer lange in Berlin gelebt, bevor er an den Niederrhein zurückkehrte.

Seine Sammlung zeitgenössischer Kunst möchte er gern mit der Öffentlichkeit teilen, sagt er. Teile wurden 2010 und 2012 erstmals in der Städtischen Galerie Viersen gezeigt. Die jetzige Schau in Bremen sei aber der erste richtige große Aufschlag.
Ein blutiges Riesengebiss, das in einer merkwürdigen Konstruktion eingebaut ist. Silbern-stählerne, spitz zulaufende Zähne, zwischen die man nicht geraten möchte. Ein Folterinstrument, das den Delinquenten aufspießt? So ein Ding wie in Kafkas fiktiver „Strafkolonie“? Oder eine jener realen Gerätschaften, die sich die Menschen seit ihren frühesten Zivilisationen immer wieder ausdenken, um andere Menschen zu quälen?

Barbarei oder Bastelei?

Was der Schweizer Installationskünstler Thomas Hirschhorn mit seiner Konstruktion 1997 schuf, erscheint jedoch ebenso bedrohlich wie lächerlich. Denn die vermeintliche Quälmaschine ist aus billigsten Materialien hergestellt – aufgestapelten Klapptischen, Pappe, Alufolie, Klebeband. Ein wie beiläufig hinzugefügtes Foto, das aus einem beliebigen Familienalbum stammen könnte, zeigt indes eine Massenhinrichtung aus dem Zweiten Weltkrieg. Und da vergeht dem Betrachter das Schmunzeln. Abbild der Barbarei oder bloße Bastelei? Zumindest ein Kunstwerk, das ein breites Gedankenfeld eröffnet. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund hat es der Viersener Immobilienunternehmer und Kunstsammler Florian Peters-Messer für seine Sammlung erworben, die derzeit rund 400 Arbeiten zumeist mit einem klar politischen Charakter umfasst.

Ein Teil der Kollektion ist jetzt in der Reihe „Junge Sammlungen“ in der Bremer Weserburg zu sehen, ein anderer Teil war bis vor kurzen im Berliner Ausstellungsraum Salon Dahlmann, den der finnische Unternehmer und Sammler Timo Miettinen in unmittelbarer Nähe zur Gedächtniskirche betreibt.

Die Bremer Ausstellung mit dem Titel „What Paradiese?“ zeigt die politische Ausrichtung dieser Sammlung ganz explizit. Da ist zum Beispiel die lakonische Fotoserie, die Julian Röder 2011 auf der Waffenmesse in Abu Dhabi aufnahm und auf denen das Geschäft mit dem todbringenden Gerät unangenehm alltäglich wirkt. Oder jene Bilder, die der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo an einem der am stärksten verunreinigten Orte der Erde gemacht hat –einer Müllkippe am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra, auf der westlicher Elektroschrott entsorgt wird. Dort verbrennen junge Menschen die Schrottteile, um wertvolle Metalle wie Kupfer und Aluminium zu gewinnen, wobei giftige Dämpfe entstehen. Die Fotos zeigen aber keine „Opfer“, sondern stolze Menschen, die hier im erbarmungslosen Überlebenskampf ihr Auskommen finden.

Ibrahim Sulley nahm der südafrikanische Fotograf auf der Müllkippe am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra auf. Die Menschen verbrennen westlichen Elektroschrott, um wertvolle Metalle zu gewinnen. Dabei entstehen giftige Dämpfe. Publiziert wurde die 2009/2010 entstandene Serie im Buch
Pieter Hugo

Ibrahim Sulley nahm der südafrikanische Fotograf auf der Müllkippe am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra auf. Die Menschen verbrennen westlichen Elektroschrott, um wertvolle Metalle zu gewinnen. Dabei entstehen giftige Dämpfe. Publiziert wurde die 2009/2010 entstandene Serie im Buch "Permenent Error", erschienen bei Prestel 2011

(Foto: Pieter Hugo; Kollektion Peters-Messer)

„Ich stamme aus einer Familie, die seit 200 Jahren Unternehmer hervorbringt und in der immer ein soziales Verantwortungsgefühl ausgeprägt war“, erklärt Florian Peters-Messer sein Eintreten für Kunst, die nicht schön zu sein hat. „In der Kunst berühren mich die politisch-soziologischen Kerninhalte einfach am meisten.“

Peters-Messer sammele Kunst, die keinen Konsens, sondern ganz bewusst einen Dissens erzeugt, kommentiert Peter Friese, den dezidierten Blick des Sammlers. Friese, der bis Ende September Direktor des Bremer Sammlermuseums Weserburg war, hatte Peters-Messer nach Bremen geholt. „Es sind Arbeiten, die keine Antworten geben, sondern den Betrachter dazu auffordern, die richtigen Fragen zu stellen.“

Gesprengte Wohnsilos

Beispiele für Fragestellungen sind in Hülle und Fülle zu sehen. Etwa Peggy Buths Film „Demolition Flats“, der kommentarlos Sprengungen von Wohnsilos in der Pariser Banlieue aneinanderreiht – Großwohnsiedlungen, die einmal mit den Versprechungen der architektonischen Moderne behaftet waren, jetzt aber zum Symbol für die gesellschaftliche Spaltung geworden sind. Eine Frage drängt sich förmlich auf: Lassen sich solche sozialen Verwerfungen einfach mit der Abrissbirne beseitigen?

Die Installation „Rotterdam-Rostock“ von Erik van Lieshout hatte Peters-Messer direkt von der 4. Berlin Biennale weggekauft– eine filmische Dokumentation der Nachwenderepublik, die der Künstler auf einer Reise quer durchs Land aufnahm. „Diese Arbeit halte ich für genauso wichtig wie Gerhard Richters Baader-Meinhof-Zyklus“, urteilt Peters-Messer aufgrund der soziologischen Präzision des Projekts.

hielt die Lakonie fest, mit der auf der Waffenmesse in Abu Dhabi das Geschäft mit dem todbringenden Gerät inszeniert wird. Quelle: Julian Röder; Kollektion Peters-Messer
Julian Röder

hielt die Lakonie fest, mit der auf der Waffenmesse in Abu Dhabi das Geschäft mit dem todbringenden Gerät inszeniert wird.

(Foto: Julian Röder; Kollektion Peters-Messer)

Das mag sehr selbstbewusst klingen, und doch basieren die Aussagen des Sammlers zu seinen Besitztümern auf einem fundierten Wissen. Parallel zu seiner unternehmerischen Tätigkeit hat sich der 54-Jährige kontinuierlich mit Kunst beschäftigt.

Vor zehn Jahren verkaufte Peters-Messer das ererbte Großhandelshaus Joh. Peters sen. in Viersen, das sich auf Farben und Bodenbelege für das Malerhandwerk konzentrierte, an den Branchenriesen Akzo Nobel. Danach konzentrierte er sich auf das Geschäft mit Gewerbeimmobilien, das er mit nur noch einem weiteren Mitarbeiter betreibt. Im Bürogebäude des ehemaligen Großhandels ließ er sich eine Wohnung einrichten. Hier würde er „die etwas handzahmeren Dinge“ aus seiner Sammlung hängen – und immer wieder umhängen.

Dass Künstlerinnen und Künstler seiner eigenen Generation einen Schwerpunkt seiner Sammlung bilden, verhehlt Peters-Messer nicht. Thomas Hirschhorn, Manfred Pernice, Sabine Hornig – Leute, die in den Neunzigern den Durchbruch hatten, bevorzugt in Berlin.

Dem Centre Pompidou weggeschnappt

Sammeln ist für ihn Leidenschaft und auch Jagd. Eine Arbeit von Gregor Schneider, die sich mit seinem Projekt „Haus Ur“ im ebenfalls niederrheinischen Rheydt befasste, habe er zehn Jahre lang verfolgt, bevor er sie jetzt über eine Auktion erwerben konnte. Und eine der 13 Arbeiten von Thomas Hirschhorn in seiner Sammlung habe er dem Centre Pompidou weggeschnappt, wie er mit Stolz erzählt.

Künftig möchte er seine Sammlung eher in die Tiefe als in die Breite erweitern, wie er sagt. Im Berliner Kunstherbst hat er aber auch junge Kunst gekauft, etwa eine Arbeit von Okka-Esther Hungerbühler, die gerade mal ein Jahr vor der Wiedervereinigung geboren wurde.

Irgendwann, so Florian Peters-Messer, könnte er sich vorstellen, seine Sammlung an ein öffentliches Museum zu übergeben. Ein eigenes Sammlermuseum möchte er sich aber nicht bauen. „Dafür bin ich wohl nicht eitel genug“, sagt er lachend.
Nur eines kann er sich nicht vorstellen: ein Leben ohne Kunst: „Die Beschäftigung mit der Kunst ist für mich einfach notwendig – um wach zu bleiben und als Mittel gegen die Engstirnigkeit.“

„What Paradise“ bis 10. Februar 2019 in der Weserburg, Bremen. Die. bis So. 11 bis 18 Uhr, Do. 11 bis 20 Uhr.

Die Sammlung im Internet: sammlung-peters-messer.de

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