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Fondation Carmignac Gestion Mit der Firmensammlung auf die Insel

Die Kunstsammlung des französischen Financiers Edouard Carmignac ist eklektisch. Zu Hause ist sie auf einer Insel im Mittelmeer. Ein Ortsbesuch.
23.08.2018 - 15:50 Uhr Kommentieren
Im Park stößt der Flaneur auf die gewaltigen Eier des Land Art-Künstlers. Quelle: Foundation Carmignac Geston
Nils-Udo "La couvée" (2018)

Im Park stößt der Flaneur auf die gewaltigen Eier des Land Art-Künstlers.

(Foto: Foundation Carmignac Geston)

Porquerolles Der Finanzberater und zweifache Milliardär Edouard Carmignac ist ein eleganter, weißhaariger Herr, der maßgeschneiderte Anzüge trägt. Je nach Laune verbreitet Carmignac den diskreten Charme der Bourgeoisie, besonders in Gesellschaft von Damen, denen der erfahrene Verführer mit sichtlichem Vergnügen erzählt, dass er fünf Kinder hat, im Sommer nur barfuß geht und als Kunstsammler „stricto sensu“ keine Kunstberater hat.

Gestik und Mimik des Siebzigjährigen haben etwas Aristokratisches. Der Mann ist es gewohnt, gehört zu werden und Erfolg zu haben. An den Finanzmärkten der Welt ist er als Gründer der Vermögensverwaltungsgesellschaft Carmignac Gestion bekannt. Seine Mitarbeiter, die das Gesellschaftskapital mit der Firmenleitung gemeinsam halten, bezeichnen den Chef als „kühnes Finanzgenie“.

Das 1989 gegründete Unternehmen gehört mit zu den führenden Geldverwaltungen in Europa. Daher setzt ihn die französische Ausgabe von „Forbes“ im Reichenranking Frankreichs mit zwei Milliarden Euro an die 33. Stelle. Dagegen stuft das französische Magazin „Challenge“ Carmignac mit 1,5 Milliarden Euro ein – was er prompt bestreitet – und verweist ihn auf Platz 64 der vermögenden Franzosen.

Im Jahr 2000 gründete der Kunstliebhaber die Fondation Carmignac Gestion. Die Firmenstiftung für zeitgenössische Kunst eröffnete Anfang Juni auf Porquerolles ein exzeptionelles Kunst- und Kulturzentrum. Zwar liegt die Mittelmeerinsel nah an der Côte d’Azur, aber ein Boot braucht man trotzdem, um die Sammlung zu sehen. Die Fahrt mit der Fähre dauert 15 Minuten und kostet knapp 20 Euro.

Edouard Carmignac sammelt seit rund 30 Jahren zeitgenössische Kunst, wobei sein einziges Kriterium für die Ankäufe ist, dass die Werke ihn unmittelbar ansprechen. Seine Favoriten sind Roy Lichtenstein, Gerhard Richter, Jean-Michel Basquiat und Ed Ruscha. Bis zur Eröffnung der Fondation Carmignac Gestion hingen die circa 300 Werke der Sammlung in den Büroräumen der Nobeladresse am Pariser Place Vendôme. Seine Mitarbeiter können sich je nach Affinität ein Werk für ihren Arbeitsplatz aussuchen.

Der Sammler hat ein Faible für Ed Ruscha. Hier steht er vor dem Gemälde
Edouard Carmignac

Der Sammler hat ein Faible für Ed Ruscha. Hier steht er vor dem Gemälde "Level as Level".

(Foto: Matthieu Salvaing)

Einmal im Jahr schreibt die Stiftung den mit 50.000 Euro dotierten „Prix Carmignac du Photojournalisme“ aus. Seit 2009 wird der Preis zu einem vorgegebenen Thema in einer Konfliktzone vergeben. Die preisgekrönten Reportagen appellieren an die Betrachter wie kaum andere heutzutage.

Große Spannbreite der Sammlung ist groß

Die Spannbreite der zeitgenössischen Sammlung von Carmignac ist groß: von einfach Rezipierbarem (wie einem abstrakten Gemälde von Marc Torikian) bis zu den bekannten Namen. Im November 2017 wagte der Franzose einen kleinen Seitensprung zu den Altmeistern, als er im Pariser Hôtel Drouot eine von Sandro Botticelli und seiner Werkstatt gemalte „Jungfrau mit Granatapfel“ für 791.282 Euro erwarb. „Botticelli ist der einzige nicht-zeitgenössische Maler, der mich berührt“, erklärt er dem Handelsblatt den unerwarteten Kauf.

Ein anderes Extrem hängt im Konferenzraum der Pariser Zentrale: eine Reihe Bilder im Comic-Stil von Olaf Breuning, auf denen jedes große Strichmännchen einen Buchstaben im Mund hält: Man liest „I D I O T S“; typisch für den Humor des Hausherrn, der sich gerne locker lächelnd über Konventionen hinwegsetzt.

In seinem Büro hingen – links und rechts neben dem Großformat von Gerhard Richter „Grüner Strich“ von 1982 – zwei Porträts von Andy Warhol: „Lenin“ und „Mao“. Ein Überraschungseffekt für seine Besucher. Beide Gemälde befinden sich derzeit in der Eröffnungsausstellung der Stiftung Carmignac, „Sea of Desire“, die der Wiener Kurator Dieter Buchhart in Szene setzte.

Schwebende Fische speien lautstark Wasser. Quelle: Fondation Carmignac Gestion; VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Bruce Nauman „One Hundred Fish Fountain“ (2005)

Schwebende Fische speien lautstark Wasser.

(Foto: Fondation Carmignac Gestion; VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Die Porträts der beiden historisch prägenden Figuren Lenin und Mao erinnern Edouard Carmignac voll Ironie an seine Kindheit in Peru, wohin sein Vater Anfang der 1950er-Jahre wegen der angeblichen Bedrohung durch die französischen Kommunisten mit der Familie emigrierte. Edouards Praxis als Polospieler, ein Sport für Superreiche, stammt aus der peruanischen Ära.

Dass sich der Financier auch als Sammler unter die vermögende Oberschicht reiht, indiziert die kolossale Installation von Bruce Nauman, „One Hundred Fish Fountain“ von 2005, die in die Villa Carmignac integriert wurde: Einhundert im Raum quasi schwebende Fische speien lautstark Wasser. Gerüchten zufolge beglich Carmignac bei der Galerie Gagosian etwa 20 Millionen Dollar für diese raumfüllende Installation.

Aufträge im zweistelligen Millionenbereich

Im zweistelligen Millionenbereich rangieren auch die Aufträge für die Megaskulpturen rund um die Villa Carmignac, darunter ein „Nest“ mit Riesenmarmoreiern von Nils Udo, ein Spiegel-Labyrinth von Jeppe Hein, mehrere Aufträge an Miquel Barcelo und andere internationale Stars.

Der Kaufpreis des 2011 erworbenen Geländes soll sich auf 30 Millionen Euro belaufen, wozu die immensen Bauarbeiten kommen, da das provenzalische Haus monatelang hochgestemmt blieb, um sieben Meter unter der Erde die 2.000 Quadratmeter Ausstellungsräume zu schaffen. Denn die Insel Porquerolles ist Naturschutzgebiet, man „darf keinen Zentimeter anbauen“, wie Charles Carmignac, der älteste Sohn und Leiter der Fondation Carmignac, erklärt.

Dementsprechend schufen die Architekten einen unterirdischen Bau, der Ruhe, Gelassenheit und stimmige Ein- und Ausblicke vermittelt. Der 1978 geborene Lockenkopf Charles verfügt – im Gegensatz zu seinem Vater – über die Geduld eines Engels, die romantisch-poetische Ausstrahlung des langjährigen Gitarristen eines Sextetts und die scharfe Intelligenz des Vaters.

Will man Näheres darüber wissen, dass eine öffentlich-rechtlich anerkannte Unternehmensstiftung eigentlich 60 Prozent ihrer Kosten steuerlich absetzen kann, umschiffen Vater und Sohn konsequent das Thema. Finanzielle Fragen seien unerwünscht, warnte eine Mitarbeiterin.

Wenn Edouard Carmignac in Jeans, Polohemd und blauer Schirmmütze sich vor dem großen Eröffnungsfest beim Mittagsbuffet unter die Journalisten mischt, bestürmen ihn die Neugierigen. Er weicht mit einer Pirouette aus: „Wenn man liebt, kalkuliert man nicht.“ Prompt fragt das Handelsblatt, ob er dies zu seinen Architekten auch sagte. Der Herr des Hauses reagiert überrascht, lacht, steht auf und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Schade, man hätte ihn gerne zu seinen ganzseitigen Anzeigen in diversen Tageszeitungen befragt, mit denen er ab 2012 an Staatspräsident François Hollande appellierte: Er warnte vor unzureichenden steuerlichen Regelungen und vor zu hohen Staatskosten, die Frankreich in zu tiefe Verschuldung trieben. Damit bewies Carmignac Mut, Risikobereitschaft und Sachkenntnis – und schuf sich viele Feinde. Angepasstes Stillhalten entspricht jedoch keineswegs dem Charakter von Edouard Carmignac.

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