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Fotografie Tillmans Suche nach Neuem

Die Düsseldorfer Ausstellung über den erfolgreichen Fotografen Wolfgang Tillmans begeistert mit einem fulminanten Bilder-Kosmos.
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Wolfgang Tillmanns: Was zunächst abstrakt wirkt, erweist sich mit dem Titel „Paper drop (space)“ als Papierborgen von der Seite. Foto: Wolfgang Tillmanns/Kunstsammlung NRW

Wolfgang Tillmanns: Was zunächst abstrakt wirkt, erweist sich mit dem Titel „Paper drop (space)“ als Papierborgen von der Seite.

Foto: Wolfgang Tillmanns/Kunstsammlung NRW

Düsseldorf„Meine Arbeit findet ja eigentlich mit den Augen statt“, sagt Wolfgang Tillmans. Dabei lächeln seine grauen Augen. „Es geht um die Einfachheit der Mittel“, erklärt er dem Journalisten, der die Frage nach der Ausrüstung des Künstlers stellte. „Ich benutze eine einzige Standardlinse.“ Erst 2009 habe er sich eine digitale Spiegelreflexkamera gekauft, „aber kein Profi-High-End-Gerät“. Das ist ihm wichtig.
Der Künstler, Jahrgang 1968, sieht aus, als käme er gerade aus dem Bett, blass, unrasiert und übernächtigt. Er trägt das Haar stoppelkurz, ein bequemes dunkelblaues Sweatshirt über einer weichen grünen Jeans und offene Turnschuhe. Zwölf Tage und Nächte hat Tillmans seine Ausstellung im Ständehaus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, im K21, gehängt. Das Ergebnis ist überwältigend, sinnlich und anregend.

In 15 Sälen entfaltet der Künstler ein Beziehungsgeflecht von Bildern, in dem das figurative neben dem abstrakten Motiv, die postkartengroße Arbeit neben dem meterhohen Abzug hängt. Tillmans hat die Wände vom Boden bis zur Decke genutzt. Die Dimensionen der Arbeiten springen, ihre Anbringungshöhe ebenso. Das hält den Betrachter ständig in Bewegung.
Tillmans spielt nicht nur mit Bildmaterial aus 25 Jahren Arbeit. Er spielt auch mit dem Ausstellungsbesucher. Er dirigiert ihn sanft hin und her, lässt ihn nach oben und nach unten schauen, vor- und zurücktreten. Im Hauptsaal, den der Besucher als Erstes betritt, halten ihn auf zwei gegenüberliegenden Wänden spektakuläre Abzüge von Sonnen- und Sternenhimmel gefangen. Daneben hängen Ensembles von kleinen abstrakten und gegenständlichen Motiven.

Tillmanns facettenreiches Angebot

Wolfgang Tillmanns: Vor seiner monumentalen abstrakten Fotografie „Freischwimmer“ im K21. Foto: dpa

Wolfgang Tillmanns: Vor seiner monumentalen abstrakten Fotografie „Freischwimmer“ im K21.

Foto: dpa

Die brettspielenden Männer im nächtlichen Schanghai locken den Ausstellungsbesucher nah an sich heran. Ebenso die Farbfotografie „Paper drop (light)“ von 2006 direkt daneben, in der Abstraktion und Gegenständlichkeit in eins fallen. Tillmans hat für diese von Sammlern geschätzte Serie einen Papierbogen einfach umgelegt und aus der Nahsicht von der Seite hineinfotografiert. Das in silbrigem Weiß schimmernde Bild lässt sich deshalb aus der Nähe und aus weiterer Entfernung betrachten.

Abstand verlangt hingegen das Dreierensemble nebenan, das kleine Nachtstück im Hochformat mit seinen unscharfen Farbfeldern ebenso wie die große Landschaft mit Sternenhimmel (beide 2010) und die Sonne. Doch die schwarze, winzige Kreisform an ihrem äußersten Rand, die passierende Venus, darf sich der Betrachter auch von nahem ansehen („Venus transit, second contact“, 2004).
Die Welt der kleinen Dinge und die Welt der großen Dinge lässt Wolfgang Tillmans ins Gespräch kommen; Mikro- und Makrokosmos führen eine Koexistenz, das Persönliche, Intime hängt gleichwertig neben dem politischen Ereignis. Für den Künstler hat die Ausstellung den Charakter eines Labors "zum Studium der Welt in vielen ihrer Facetten".
Ob aber jedes Bild auch für sich alleine bestehen kann? „Nichts, was hier hängt, ist nicht auch als Einzelbild geprüft worden“, erklärt der Künstler selbstbewusst. Seine Zuhörer möchten es ihm kaum glauben. Manche Motive erscheinen ihnen dafür fast zu beiläufig, einfach zu banal.

Vielleicht aber wurde das 1992 aufgenommene Farbfoto von „Alex & Lutz sitting in the trees“ eben deshalb zur Ikone. Ein Mann und eine Frau sitzen fast nackt, nur in einen roten und grünen Mantel gehüllt, in einem Baum. Sie sind nicht schön und nicht schick im herkömmlichen Sinne. Aber sie verkörpern ein Lebensgefühl, sie strahlen Authentizität aus; ähnlich wie Tillmans ungeschminkte Aufnahmen des Models Kate Moss von 1996. Das Bild von Alex und Lutz erscheint im Rahmen einer Modestrecke in der Kultzeitschrift i-D, in der Tillmans in der ersten Hälfte der Neunziger viel veröffentlichen kann.
1993, zur Zeit seiner ersten Ausstellung in der Galerie Buchholz in Köln, ist Tillmans Mitte 20 und gilt als Lifestyle-Fotograf. Ein Ruf, der ihn noch begleitet, als er sich längst als Künstler etabliert hat. „Alex & Lutz sitting in the trees“ kostete damals 400 DM, und Christian Boros, führender Werbeunternehmer aus Wuppertal, ist einer seiner ersten Käufer.

Tillmann's Sammler honorieren das Besondere

Tillmans, der im Jahr 2000 mit dem begehrten Turner-Preis ausgezeichnet wird, hat bald Sammler auf der ganzen Welt. Er ist phänomenal erfolgreich, was auch folgende Zahlen spiegeln: 40 000-mal konnte der Kölner Taschen Verlag nach Einschätzung von Buchholz sein erstes Tillmans-Buch weltweit verkaufen, nur 8 000-mal den entsprechenden Band über Baselitz. In Japan wird es dem Künstler zu viel. Als er anlässlich einer Ausstellungseröffnung sprechen soll, blicken ihn Tausende von Gesichtern an. Es kommt zum Nervenzusammenbruch.

Tillmans' Sammler honorieren das Besondere einer Bildsprache, die konventionelle Darbietungsformen verwirft und fortwährend Neues produziert, auch im Umgang mit technischen Materialeigenschaften und chemischen Prozessen in der Dunkelkammer. Dafür geben sie bis zu 200 000 Dollar aus. So viel kosten heute etwa die größten, ohne Kamera, nur mit Licht produzierten Tintenstrahldrucke aus der Serie „Freischwimmer“ (2004), die in Düsseldorf einen ganzen Raum für sich okkupieren.
Die gängigen Größen der Farbabzüge gibt es bei Buchholz noch zu vergleichsweise moderaten Preisen, zuzüglich 19 Prozent Mehrwertsteuer: die kleinen 30-mal-40-Zentimeter-Formate in Zehnerauflage für 8 000 Dollar, das Mittelformat (61 mal 51 Zentimeter) in Dreierauflage zu 16 000 Dollar und das Unikat in 211 mal 145 Zentimetern zu 57 000 Dollar. Von jedem Motiv gibt es auch einen Tintenstrahldruck im Format 208 mal 138 Zentiemeter, der 48 000 Dollar kostet. Dazu kommen noch die abstrakten Bilder in Preislagen bis zu 200 000 Dollar. Hier experimentiert der Künstler gern mit digitalen Printtechniken und zehn verschiedenen Größen.
Die frühen Arbeiten aus den 1990er-Jahren sind inzwischen fast alle verkauft. Auch den brauntonigen „Deer Hirsch“ von 1995 gibt es nicht mehr. Der Tintenstrahldruck, der Tillmans' verstorbenen Freund Jochen Klein im „Gespräch“ mit einem Hirsch zeigt, hat in Düsseldorf die gewaltigen Maße von zwei mal drei Metern und einen Ehrenplatz.
(Bis 7. Juli. Mit der Eintrittskarte wird ein Künstlerbuch ausgehändigt, das nicht im Buchhandel zu beziehen ist. Der Einführungstext und Installationsaufnahmen sind unter kunstsammlung.de und tillmans.co.uk abrufbar.)

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