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Foto einer Fotografin

Eine kühne Perspektive erprobt diese Pressefotografin, die von B. Federmeyer im Jahr 1929 fotografiert wurde.

(Foto: ullstein bild - Federmeyer )

Fotozentrum Wie Deutschland sein fotografisches Erbe entdeckt hat

Kulturstaatsministerin Grütters plant eine Einrichtung für die Nachlässe von Fotografen. Doch es gibt bereits Bildarchive – eine Vernetzung könnte reichen.
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Düsseldorf Gemessen an den Themen Raubkunst, Kulturgutschutzgesetz und Kolonialismus waren Künstler- und Fotografennachlässe bislang kein Thema für eine gesellschaftliche Debatte in Deutschland. Für Überraschung sorgte deshalb Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), als sie im Hochsommer auf allen Kanälen verbreiten ließ, unser fotografisches Erbe müsse besser bewahrt werden: „Wir brauchen eine zentrale Einrichtung.“

Zugleich verdeutlichte die Politikerin unmissverständlich, warum sie sich für diese von Fachleuten schon vor 20 Jahren erhobene Forderung starkmachte: vor allem aus Angst vor der wirtschaftlichen Verwertung durch Galerien und den Verkauf ins Ausland. „Fotoarchive – Kulturgut oder Handelsware?“, so betitelte die Ministerin ihre erste Diskussionsveranstaltung, zu der sie eine Handvoll Fachleute während der Sommerpause in die Akademie der Künste von Berlin einlud.

Überforderte Museen

„Ich kann und will dem drohenden Verlust wertvollen Kulturguts nicht tatenlos zusehen“, betonte Grütters. Die Museen – Sachwalter des materiellen Kulturerbes – seien allein schon aus Gründen räumlicher Beschränktheit überfordert mit kompletten Künstlernachlässen. In der Regel würden sie auch weder über die finanziellen Mittel noch über die spezialisierten Kenntnisse und technischen Voraussetzungen verfügen, um mit dem hochsensiblen Fotomaterial arbeiten zu können.

Auch Kunsthändler und Galeristen eigneten sich nach Auffassung der Ministerin „nur bedingt“ als Garanten für den Schutz des fotografischen Kulturerbes. Und von den Fotografen selbst würden sich nur wenige selbst um eine langfristige Sicherung ihres Archivs kümmern.

„Man kann nur hoffen, dass die Initiative von Frau Grütters reale Umsetzung erfährt und nicht zerredet wird“, kommentierte Thomas Gaethgens laut einem Bericht der Zeitschrift „Photonews“ in Berlin. Bis 2018 leitete der Kunsthistoriker das Getty Research Institute mit 260 Beschäftigten, von denen allein 56 für die Bearbeitung des sieben Meilen Dokumente umfassenden Archivs zuständig waren.

„Proletarierin liest die Zeitschrift ‚Der Arbeiter-Fotograf‘“. Die Aufnahme entstand 1928. Quelle: Deutsche Fotothek/Hans Bresler
Hans Bresler

„Proletarierin liest die Zeitschrift ‚Der Arbeiter-Fotograf‘“. Die Aufnahme entstand 1928.

(Foto: Deutsche Fotothek/Hans Bresler)

Nun erarbeitet er zusammen mit drei weiteren Beratern die Grundlagen für den Aufbau einer zentralen Einrichtung in Deutschland. Diese soll nach den Vorstellungen der Ministerin systematisch Archive, Vor- oder Nachlässe herausragender deutscher Fotografinnen und Fotografen sammeln, eine Spezialbibliothek einrichten sowie Ausstellungen und Forschungsprojekte ermöglichen.

Der Kurator Thomas Weski, der das Projekt leitet, wollte sich zum Stand der von Grütters beauftragten Machbarkeitsstudie bis Redaktionsschluss nicht äußern. Kein Wunder. Es sind noch keine drei Monate vergangen, seit das Beratergremium benannt wurde, und die Latte hängt hoch. Wie hoch, weiß auch die Fotorestauratorin am Nederlands Fotomuseum Rotterdam, Katrin Pietsch, die mit im Team sitzt. Ihr Institut, das 5,5 Millionen Objekte archiviert hat, berücksichtige alle Aspekte der Fotografie, verfüge über Dienstleistungen, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und über privilegierte Mittel, gab sie in Berlin zu bedenken.

Wünschenswert auch im internationalen Vergleich

Dass ein „Kompetenzzentrum Fotografie“ in Deutschland dringend benötigt würde und auch im internationalen Vergleich unbedingt wünschenswert wäre, steht auch für Ute Eskildsen außer Zweifel. Die ehemalige Fotokuratorin am Museum Folkwang in Essen gehört ebenfalls dem Beraterteam an. Doch sie plädiert auch dafür, die Kooperation mit Institutionen anzustreben, die bereits Vor- und Nachlässe aufnehmen. Es gebe in Deutschland bereits eine große Anzahl bestehender Fotosammlungen, die alle an einer unterfinanzierten Personaldecke leiden würden.

Wie aber müsste eine bundeseigene Institution aufgestellt sein, um das von Grütters gewünschte Ergebnis zu liefern? Unverzichtbar dürfte die Ausstattung mit kompetentem Personal sein. Es muss in der Lage sein, zeitnah die Bedeutung eines Fotografen-Nachlasses zu beurteilen. Und dann braucht es genug Geld, nicht nur für technische Infrastruktur. Derart ausgestattet konnte etwa die „Fotostiftung Schweiz“ überhaupt erst erfolgreich einen beachtlichen Teil des visuellen Kulturerbes ihres Landes sichern.

„Bildnis Gerhard Fieseler“ aus dem Jahr 1927. Quelle: LVR-LandesMuseum Bonn, Dauerleihgabe Schafgans / Schafgans Archiv
Theo Schafgans

„Bildnis Gerhard Fieseler“ aus dem Jahr 1927.

(Foto: LVR-LandesMuseum Bonn, Dauerleihgabe Schafgans / Schafgans Archiv)

Am Ende stellt sich die Frage, ob Grütters“ Vorschlag in eine selbst sammelnde, neu zu errichtende Institution mündet oder in eine Art Kompetenzzentrum als strategischer Partner in einem Netzwerk bereits bestehender Institutionen. So eine Einrichtung gibt es allerdings schon, wenn auch in kleinerem Maßstab: die Deutsche Fotothek mit ihrem 2012 gegründeten „Archiv der Fotografen“ unter dem Dach der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.

Mit 5,5 Millionen Bildern gilt die Fotothek als eines der bedeutendsten deutschen Bildarchive der Kunst- und Fotografiegeschichte. Nicht nur bewahrt und erschließt sie Fotografenarchive oder vermittelt sie an geeignete Kooperationspartner. Sie macht diese Sammlungen auch online sichtbar.

Den Blick über den Hudson River zur George-Washington-Brücke in New York in den 1940er-Jahren. Quelle: Deutsche Fotothek/Tet Arnold von Borsig
Tet Arnold von Borsig

Den Blick über den Hudson River zur George-Washington-Brücke in New York in den 1940er-Jahren.

(Foto: Deutsche Fotothek/Tet Arnold von Borsig)

Das „Archiv der Fotografen“ entwickelten Jens Bove, Leiter der Deutschen Fotothek, und Sebastian Lux, Kurator der Stiftung FC Gundlach Hamburg. Zuvor war die Gründung einer auf Bundesebene angesiedelten Anlaufstelle für Archive und Nachlässe bereits zweimal gescheitert. Zuerst die von dem Sammler Manfred Heiting verfolgte Bemühung um ein „Deutsches Centrum für Photographie“ 1999 in Berlin und 2006 der vergebliche Aufruf zur Gründung einer „Deutschen Stiftung Photographie“ durch den Fotografen und Gründer des Internationalen Hauses der Photographie in Hamburg, F. C. Gundlach, und durch Margot Klingsporn, Chefin der Bildagentur Focus.

„Leider waren die Bildarchive gar nicht in die Initiative von Monika Grütters involviert“, schreibt Jens Bove, Leiter der Deutschen Fotothek, auf Nachfrage des Handelsblatts. Er hielte es für einen Geburtsfehler, wenn die vorhandenen Strukturen und die Expertise der einschlägigen Bildarchive nicht berücksichtigt würden. Die Übergangenen hätten reagiert, eine Interessengemeinschaft „Fotografisches Gedächtnis“ gegründet und noch im August einen Brandbrief an die Ministerin verfasst; hauptsächlich aus der Befürchtung heraus, dass das ins Auge gefasste Fotozentrum zu sehr allein um die künstlerische Fotografie kreisen und die Presse- und Dokumentarfotografie übersehen könnte.

Die Befürchtung ist berechtigt. Museumskuratoren filtern das fotografische Erbe nach eigenen Kriterien. So kam die Fotothek etwa an den Nachlass von Tet Arnold von Borsig, dem Firmenerben des zweitgrößten Lokomotivbau-Unternehmens der Welt, der 1933 emigrierte und später in New York eine zweite Karriere als Fotograf startete. Das Sprengel Museum in Hannover hatte dafür keine Verwendung gehabt.

Unser fotografisches Erbe ist eine vielfältige Angelegenheit, weil es unterschiedlichsten Intentionen entsprang. Das spiegelt zurzeit auf fulminante Weise die im LVR-LandesMuseum Bonn laufende Schau zur „Fotografie in der Weimarer Republik“. Sie ist eine Kooperation mit der Fotothek und der Stiftung F. C. Gundlach. Das Gesamtbild dieser Epoche kann nur aus dem Nebeneinander aller ästhetischen Bildleistungen entstehen, auch aus der Werbung, der Mode- und der Pressefotografie. Ohne die Bildarchive hätten die Kuratoren die Ära in all ihren Facetten nicht darstellen können. Größter Leihgeber ist übrigens die fotografische Sammlung des legendären Ullstein-Verlags (bis 19.1.2020).

Mehr: Kampf um Ressourcen: Lesen Sie hier über die Vermarktung von Künstlernachlässen und warum der Erhalt eines Lebenswerks wichtig ist.

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