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Frühjahrsauktionen in London Der Brexit jagt dem globalisierten Kunstmarkt keine Angst ein

Die Auktionen für Impressionismus und Moderne in London lassen keinen Zweifel: Die Politik hat keinen Einfluss auf den Kunstmarkt. Es geht um Kunst – und um sonst nichts.
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Das hintersinnige Doppelporträt „L’Étoile du Matin“ (1938) kam mit 5,3 Millionen Pfund gut über seine Schätzung. Quelle: Sotheby’s, Magritte, VG Bildkunst, 1938
René Magritte

Das hintersinnige Doppelporträt „L’Étoile du Matin“ (1938) kam mit 5,3 Millionen Pfund gut über seine Schätzung.

(Foto: Sotheby’s, Magritte, VG Bildkunst, 1938)

LondonSotheby’s und Christie’s in London haben mit ihren Auktionen für Impressionismus und Moderne die Frühjahrssaison des Kunsthandels eröffnet. Dies wird immer gespannt erwartet, aber vor allem im diesem Jahr stellten sich einige Fragen: Würden die Häuser die guten Ergebnisse des Vorjahres selbstbewusst weitertragen? Würden sie den weltwirtschaftlichen Unruhen und dem Brexit-Chaos Rechnung zollen müssen; und würden sich die angehobenen Käufergebühren auf die Auktionen auswirken?

Auf diese Fragen gibt es nun eine klare Antwort. Käufer stören weder steigende Transaktionskosten noch politische Begehrlichkeiten. Es geht um die Kunst (oder ums Investment) und um sonst nichts.

Sotheby’s überraschte dabei wie schon im Vorjahr mit einer kleinen, gut ausgewählten Abendauktion von nur 24 Losen, zuzüglich 17 Losen, die in der Surrealismus Auktion zum Aufruf kamen. So wurde ein attraktives Angebot präsentiert, dessen Frische und Schwerpunkt auf der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts von den Bietern dankbar angenommen wurde.

Das brachte dem Haus 87,7 Millionen Pfund ein, von denen die allerdings wesentlich schwächere Surrealismus-Sektion nur etwas über 13 Millionen beisteuerte. Es wurden 82 Prozent der Lose verkauft. Lag das Haus damit zwar am oberen Ende des erwarteten Gesamtergebnisses von 62,2 bis 89,3 Millionen Pfund, so verzeichnete es doch auch seit zehn Jahren das niedrigste Ergebnis in dieser Kategorie.

Zahme Venedigvedute

Höhepunkt war Claude Monets recht zahme Ansicht des Dogenpalastes in Venedig von 1908, die bei einer Schätzung von 20 bis 30 Millionen Pfund 27,5 Millionen Pfund einspielte und damit zum teuersten Los der Woche und zur teuersten der ca. 37 Venedig-Ansichten des Freiluftmalers wurde.

Der Attraktion des Bildes, das vor kurzem in der Ausstellung zu Monet und der Architektur in der Royal Academy in London zu sehen war, lag vor allem in seiner Marktfrische. Seit dem Erwerb der Arbeit 1926 durch Erich Goeritz war sie in derselben Sammlung verblieben und wurde hart von verschiedenen Bietern, darunter auch Interessanten aus Japan, umworben.

Insgesamt lag der Schwerpunkt Sotheby‘s allerdings nicht auf den französischen Impressionisten des 19. Jahrhunderts, sondern auf den deutschen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Ernst Ludwig Kirchners Frühwerk „Mädchen auf dem Diwan“ stammt von 1906, dem Jahr, in dem sich die Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ formierte, zu deren Gründern der damalige Architekturstudent zählte.

Die mit Öl und Lack auf Leinwand gemalte „Tischgesellschaft“ (1923) erzielte 2.6 Millionen Pfund. Werke des Bauhaus-Künstlers sind sehr rar auf dem Kunstmarkt. Quelle: Sotheby’s
Oskar Schlemmer

Die mit Öl und Lack auf Leinwand gemalte „Tischgesellschaft“ (1923) erzielte 2.6 Millionen Pfund. Werke des Bauhaus-Künstlers sind sehr rar auf dem Kunstmarkt.

(Foto: Sotheby’s)

Kirchner behielt das auf Pappe gemalte Bild anscheinend im Atelier, stammt es doch aus seinem Nachlass und wurde nun vom Museum of Modern Art in New York veräußert. Es erzielte respektvolle 3,8 Millionen Pfund und kam damit an die obere Taxe. Von den Münchnern Blauen Reitern stammte Wassily Kandinskys spätes abstraktes Bild „Vertiefte Regung“ von 1928, das in der Mitte der Schätzung von 5,5 bis 7,5 Millionen Pfund einen anonymen Käufer fand (6,1 Millionen Pfund).

Mehr als Christie’s setzt Sotheby’s einen Schwerpunkt auf den 100. Geburtstag des Bauhauses in Dessau und Weimar, der bedeutenden Kunst- und Architektenschule, der neben Kandinsky auch Oskar Schlemmer angehörte. Diesen Künstler sieht man auf Auktionen eher selten, vor allen mit wichtigen Arbeiten.

Sein Tafelbild „Tischgesellschaft“ von 1923 gehört damit sicher zu den historisch bedeutsamsten Angeboten der Woche, was die vielen Interessenten und Bieter bestätigten. Auf 1 bis 1,5 Millionen Pfund geschätzt, ersteigerte ein russischer Sammler das Gemälde trotz des eher bescheidenen Zustandes (mit vielen Krakelées in der Bildoberfläche) für 2,6 Millionen Pfund, ein neuer Rekord für Schlemmer.

Sechs Arbeiten deutscher und österreichischen Kunst brachten dem Haus alleine 25,5 Millionen Pfund, ein klares Signal für das anhaltende internationale Interesse an Werken in Museumsqualität aus dieser Region. Das Schlemmer-Gemälde sowie sechs weitere Papierarbeiten des Künstlers wurden nebst einigen anderen kleineren Arbeiten von den Erben der 2016 verstorbenen Chemikerin und Wella Erbin Dr. Erika Pohl-Ströher eingeliefert.

Das Haus hatte bereits im letzten Jahr mit großem Erfolg einen Teil ihrer Miniaturen-Sammlung versteigert; in diesem Jahr kommen weitere Teile daraus zum Verkauf.

Sehr interessierte asiatische Bieter

Abgesehen von deutscher Kunst scheint vor allem der Surrealist René Magritte in aller Munde zu sein. Bei Sotheby’s konnte „L’Etoile du Matin“ von 1938 überzeugen, das 5,3 Millionen Pfund erzielte (Taxe 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund). Zum Erfolg der Auktion insgesamt trug vor allem das pan-asiatische Interesse bei.

Auffällig war die aktive Teilnahme japanischer Telefonbieter. Aber das Haus berichtet auch von Bietern aus Taiwan oder Süd-Korea, die sich zu denen aus China und Hongkong gesellen.

Segelte Sotheby’s relativ ruhig in das neue Jahr, so muss sich für das Christie’s Management diese Woche wie eine Sturmfahrt anfühlen. Ambitioniert ging das Haus mit gleich drei Teilauktionen in die Abendauktionen und bot somit mehr als doppelt so viele Lose wie Sotheby’s an.

Selbstsicher erhoffte sich das Haus, 180 bis 230 Millionen Pfund umzusetzen und den Konkurrenten damit weit vorweg zu segeln. Aber Auktionen können immer überraschen und Christie’s Auktionator Jussi Pylkannen musste gute Miene zum bösen Spiel machen, als neun der 21 angebotenen Lose einer aus Amerika stammenden Privatsammlung unverkauft blieben, was einer Verkaufsrate von nur 57 Prozent entspricht.

Für den 1930 entstandenen „Kopf eines Jungen Mädchens“ wurden 611.250 Pfund geboten, der höchste Preis, der je für eine Papierarbeit des Künstlers geboten wurde. Quelle: Christie's; Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde

Für den 1930 entstandenen „Kopf eines Jungen Mädchens“ wurden 611.250 Pfund geboten, der höchste Preis, der je für eine Papierarbeit des Künstlers geboten wurde.

(Foto: Christie's; Nolde Stiftung Seebüll)

Zu den Verlieren gehörten Claude Monets spätes Seerosenbild „Saule pleureur et bassin aux nymphéas“ von 1916–1919, für das man sich alleine um die 40 Millionen Pfund erhoffte, und Vincent Van Goghs „Portrait de femme: buste, profil gauche“, das auf 8 bis 12 Millionen Pfund geschätzt wurde.

Mit einer Reserve von wohl schon reduzierten 6 Millionen Pfund musste man bei 5.8 Millionen aufgeben. Die Einlieferer, von Bloomberg als das amerikanische Sammlerbrüderpaar Monte und Neil Wallace aus Boston identifiziert, müssen so mit ungefähr der Hälfte der erwarteten Einnahmen nach Hause gehen, um die 50 Millionen Pfund. Sie hatten im Voraus keine Garantien ausgehandelt.

Rekorderlös für Caillebotte

Zu den Erfolgen der Sammlung zählte hingegen Paul Cezannes Fruchtstillleben mit Äpfeln und Pfirsichen („Nature morte de pêches et poires“ 1885-1887), das bei Schätzung auf Anfrage um die 20 Millionen Pfund 21,3 Millionen Pfund erzielte.

Erfolgreich war auch Pierre-August Renoirs attraktive Landschaft „Sentier dans le bois“ (1874–1877), die bei regem Interesse für 12,7 Millionen Pfund einem europäischen Paar im Saal zugeschlagen wurde (Taxe 7,5 bis 10,5 Millionen Pfund). Es sicherte sich im Verlauf des Abends auch Gustave Caillebottes „Chemin Montant“ von 1881 und ließ sich dies weitere 16,6 Millionen Pfund kosten (Taxe 8,5 bis 10 Millionen Pfund). Damit setzten sie sich gegen lebhaftes Interesse anderer Bieter durch und schufen einen neuen Weltrekord für den Franzosen.

In der Hauptauktion überragte das durch eine Drittparteiengarantie abgesicherte pointillistische Hauptwerk „Le Port au soleil couchant, Opus 236 (Saint-Tropez)“ von 1892. Es wurde für die Rekordsumme von 19,5 Millionen Pfund verkauft (Schätzung 13 bis 18 Millionen Pfund). Quelle: Christie's
Paul Signac

In der Hauptauktion überragte das durch eine Drittparteiengarantie abgesicherte pointillistische Hauptwerk „Le Port au soleil couchant, Opus 236 (Saint-Tropez)“ von 1892. Es wurde für die Rekordsumme von 19,5 Millionen Pfund verkauft (Schätzung 13 bis 18 Millionen Pfund).

(Foto: Christie's)

In der Hauptauktion überragte wie erwartet das durch eine Drittparteiengarantie abgesicherte pointillistische Hauptwerk von Paul Signac, „Le Port au soleil couchant, Opus 236 (Saint-Tropez)“ von 1892, das für eine Weltrekordsumme von 19.5 Millionen Pfund verkauft wurde (Schätzung 13 bis 18 Millionen Pfund). Edgar Degas kleinformatige Studie dreier Tänzerinnen verdreifachte die Schätzung auf 3,5 Millionen Pfund (Taxe 800 000 bis 1,2 Millionen).

Die 34 surrealistischen Arbeiten fanden trotz des späten Abends willige Käufer und brachten dem Haus allein 44 Millionen Pfund ein. Gleich sieben Magritte-Bilder und vier Arbeiten Victor Brauners machten hier das Rennen. Ein Telefonbieter alleine sicherte sich neun Arbeiten. Magrittes „Le lieu commun“ (1964) erzielte im erwarteten Bereich 18,4 Millionen Pfund.

Bieter aus über 50 Ländern

Christie‘s erzielte für die 67 von 82 angebotenen Lose letztlich 165,7 Millionen Pfund und den zweithöchsten Umsatz seiner Geschichte. Ein Vergleich zeigt interessanterweise fast eine Aufsplitterung des Marktes. Sotheby’s Top Ten verzeichnen nur zwei Franzosen und nur eine Arbeit vor 1900, Christie’s hingegen sieben Franzosen und sechs Werke des 19. Jahrhunderts.

Sotheby’s gab sich globaler, mit Bietern aus über 50 Ländern. Christie’s gab nur die Hälfte an. Ob sich dieser Trend hält, wird sich ja spätestens bei den Auktionen der gleichen Kategorie in New York zeigen.

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