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Gegenständliche Malerei Karin Kneffel malt Obst so, als könnte man es anfassen

Der Betrachter meint, Karin Kneffels Malerei greifen oder betreten zu können. Eine Retrospektive feiert eine Künstlerin, die das Staunen lehrt.
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Perfekt ausgeleuchtete Äpfel im XXL-Format täuschen die Augen. Quelle: VG Bild-Kunst 2019/Kunsthalle Bremen
Karin Kneffel: „Ohne Titel“, 1996

Perfekt ausgeleuchtete Äpfel im XXL-Format täuschen die Augen.

(Foto: VG Bild-Kunst 2019/Kunsthalle Bremen)

Bremen Früchte? Wer malt heute, im Zeitalter der Fotografie und der befreiten, zumeist abstrakten Malerei, noch Obst? Trauben oder Äpfel, so prall und üppig, dass sie förmlich von der Leinwand herunterzuplumpsen scheinen?

Als Karin Kneffel vor rund 20 Jahren mit ihren ersten Früchtebildern im XXL-Format den Kunstmarkt betrat, weckte sie bei vielen Künstlerkollegen, Kritikern und Betrachtern Unverständnis. Stillleben waren am Ende des 20. Jahrhunderts ein Tabu. Doch wer so urteilt, hat nicht genau hingeschaut. Kneffels Werke, von denen einige jetzt auch in der großen Schau „Karin Kneffel. Still“ in der Bremer Kunsthalle hängen, haben mit der klassischen Gattung kaum etwas zu tun. Es geht nicht um Symbole für Vergänglichkeit oder den Reichtum der göttlichen Schöpfung, sondern um pure Malerei.

Wahre Charakterstudien

Diese roten Äpfel waren für die 1957 in Marl geborene Malerin in allererster Linie eine malerische Aufgabe. Ihr ging es um Farbe, um Plastizität, um Licht, um Raum. Typisch Kneffel. Wer durch die neun Säle der Bremer Ausstellung schlendert, wird immer wieder in solche Blickfallen tappen. Vieles auf den Bildern dieser stets gegenständlich arbeitenden Künstlerin wirkt offensichtlich, ist dann aber doch nicht das, was es auf den ersten Blick scheint.

Das fängt schon im Eingangsraum an, den 77 kleine Ölbilder, alle im Format 20 mal 20 Zentimeter, mit Köpfen von Haustieren zieren: Schafe, Rinder, Ziegen, einige Schweine und Hühner. Es sind wahre Charakterstudien, Stück für Stück. So einheitlich der Bildausschnitt, der Hintergrund und die Machart, so individuell ist jeweils die Ausführung. Für Karin Kneffel waren das klassische Porträts, als sie die Bilder zwischen 1991 und 1993 malte. Nur eben nicht von Menschen. Menschen seien ihr psychologisch zu schwierig, begründet sie lapidar die Wahl ihrer tierischen Sujets. Tiere tauchen auch später häufig auf ihren Bildern auf.

Kneffel hat an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. Sie war Meisterschülerin bei Gerhard Richter. Wie dieser arbeitet sie auch in Serien. Wenn ein bestimmtes Thema sie erst einmal gepackt hat, dann bleibt sie dran. Und dabei scheint Kneffel fast systematisch die klassischen Themen der Malerei neu zu definieren.

Wassertropfen wie Edelsteine

Wie etwa beim Krefeld-Projekt. Für eine Ausstellung in den Kunstmuseen Krefeld begann sie 2009, sich mit der Geschichte der in der niederrheinischen Stadt ansässigen Kunstsammlungen Esters und Lange auseinanderzusetzen. Zunächst malte sie alte Fotografien von Interieurs der von Ludwig Mies van der Rohe errichteten Wohnhäuser der Industriellen und Sammler ab. Dabei rückte sie die darauf abgebildeten Kunstwerke ins Zentrum. Viele dieser klassisch modernen Werke wurden von den Nazis beschlagnahmt und sind heute über die ganze Welt verstreut. Karin Kneffel hat sich auf die Spuren der Werke begeben und die Bilder am neuen Ort dargestellt, von Los Angeles bis zum Städel in Frankfurt.

Im Zeitalter von Sammlungsforschung und Restitutionsfragen hätte dies ein hochpolitisches Konzept werden können. Für die Malerin bot das Thema jedoch in erster Linie die Gelegenheit, sich auf ihre ganz eigene Weise mit dem Interieur als künstlerisches Genre zu beschäftigen. Regelmäßig verkompliziert sie die Darstellung der Innenräume. Der Blick hinein fällt häufig durch Fensterscheiben mit Regentropfen oder Nebelflächen. Die Wassertropfen sind äußerst präzise ausgearbeitet und legen sich wie Edelsteine über die darunterliegende Malfläche.

Überragende Technik

Bei den Schwarz-Weiß-Bildern nach alten Fotografien der Häuser Esters und Lange tut sich wieder eine Blickfalle auf. Bestimmte Bildpartien wirken mit pastoser roter Farbe umrahmt oder durchgestrichen. Aber wie bei allen Oberflächen von Karin Kneffel sind auch diese Markierungen in Wirklichkeit mit feinem Pinsel gemalt. Alle Bilder von Karin Kneffel haben einen gleichmäßigen Farbauftrag – alle Wassertropfen, Graffitizeichnungen, Verwischungen und Lichteffekte sind daher malerisch gleich behandelt wie die Bildmotive im Hintergrund – und ohne Fokus gemalt. Das zeichnet seit fast drei Jahrzehnten die überragende Technik dieser Malerin aus.

150 Gemälde und Aquarelle zeigt die Ausstellung, die von Bremen aus ins Museum Frieder Burda nach Baden-Baden weiterwandert (12.10. bis 8.3). Burda zählt zu den kontinuierlichen Sammlern der Arbeiten von Karin Kneffel. Ein ausführlicher Katalog begleitet die sehenswerte Ausstellung – und belegt die Schwierigkeit, diese enorm plastische, räumliche Malerei in Druckform wiederzugeben. In diesem Fall geht wirklich nichts über die Begegnung mit den Originalen.

„Karin Kneffel. Still“ bis 29.9. in der Kunsthalle Bremen. Der Katalog verlegt Schirmer/Mosel. Er kostet 49,80 Euro, im Museum 29 Euro.

Mehr: Privatmuseum: Lesen Sie hier über die Zusammensetzung der Sammlung des Unternehmers und Sammlers Peter Klein.

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