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Geschmackswandel Teil 2 Die Begeisterung für Künstlerinnen kennt keine Epochengrenzen

Werke von Frauen, aber auch zeitgenössische Arbeiten aus Afrika erobern den Markt. Ein Streifzug durch die jüngsten Trends im Kunstgeschäft.
02.05.2020 - 09:56 Uhr Kommentieren
Die überdimensionale Bronzeplastik steht am Guggenheim Museum in Bilbao. Quelle: Ander Gillenea/AFP via Getty Images; VG Bild-Kunst, Bonn
Louise Bourgeois’ Spinnen-skulptur „Maman“

Die überdimensionale Bronzeplastik steht am Guggenheim Museum in Bilbao.

(Foto: Ander Gillenea/AFP via Getty Images; VG Bild-Kunst, Bonn)

Berlin Künstlerinnen standen über Jahrhunderte hinweg im Schatten ihrer malenden Väter oder Ehemänner. Nun werden sie entdeckt, treten endlich ins Rampenlicht. Viele ihrer Werke verzeichnen hohe Kurssprünge. In den vergangenen drei Jahren zählte dieser Trend zu den herausragenden auf dem Kunstmarkt. „Wir leben in einer fruchtbaren und positiven Zeit für die Kunst von Frauen“, sagt Maria Balshaw, Direktorin der Londoner Tate Britain. In ihrem Haus füllte sie neun Säle mit den Werken von sechzig Künstlerinnen.

Die neue Begeisterung für die Werke weiblicher Künstler kennt keine Epochengrenzen. Sie gilt den Heldinnen der Klassischen Moderne und Protagonistinnen der Gegenwartskunst gleichermaßen. Fast könnte man meinen, die „#MeToo“-Debatte hätte den Kunstmarkt mit frischem Elan belebt.

Altgediente Marktikonen der Klassischen Moderne wie Frida Kahlo und Sonia Delaunay etwa stehen schon seit zwei Jahrzehnten hoch im Kurs. Für die kunsthistorisch hoch angesehene Grafik und Skulptur von Käthe Kollwitz dagegen stagniert der Markt.

Umso erstaunlicher ist die rasante Marktkarriere von Tamara de Lempicka. Die Polin ist dem plakativen, lasziv gefälligen Frauenbild des Art Déco verpflichtet. Alles liegt in der Oberfläche der Bilder: Glamour und Sex-Appeal. Das zieht Sammler wie den Juwelenhändler Lawrence Graff oder Popstar Madonna seit geraumer Zeit an. Lempickas 1932 datiertes Bildnis der Marjorie Ferry rückte im Februar dieses Jahres bei Christie’s mit 16,3 Millionen Pfund erstmals in eine achtstellige Preisregion auf.

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    Die Neubewertung der Kunst von Frauen hat viele Facetten. Oft nimmt sie im Museum ihren Ausgang. Seit dem Bauhaus-Jahr 2019 erfasst sie auch Entwürfe der im Schlagschatten ihrer männlichen Kollegen stehenden Bauhaus-Designerinnen. Sie feiert die Schwedin Hilma af Klint als esoterische Pionierin der abstrakten Malerei.

    Oder sie schwemmt die Porträts der deutsch-schwedischen Malerin Lotte Laserstein in Auktionen und Galerien. Trendsetter bei Letzterer war die Berliner Nationalgalerie. Sie hatte 2010 Lasersteins Gruppenbildnis „Abend über Potsdam“ für eine halbe Million Euro erworben. So weit die kunsthistorisch-musealen Neubewertungen.

    Aber es gibt auch reine Marktphänomene. Eine rasante Preiskarriere auf dem Markt für zeitgenössische Kunst weisen die monumentalen Akte der Britin Jenny Saville auf. Der Höhenflug begann 1998 in der Auktion mit Werken aus der Sammlung des Werbers Charles Saatchi bei 51.000 Pfund. Er endete mit bislang nicht überbotenen 9,5 Millionen Pfund, die Sotheby’s im Oktober 2018 für das Riesenporträt einer korpulenten Schönen realisieren konnte.

    Beherrscht wird das Bild von einem mächtigen, absturzgefährdeten Leib. Quelle: Stephen Chung, ZUMA Press; VG Bild-Kunst, Bonn
    Jenny Saville „Propped“

    Beherrscht wird das Bild von einem mächtigen, absturzgefährdeten Leib.

    (Foto: Stephen Chung, ZUMA Press; VG Bild-Kunst, Bonn)

    Überfällig war die Aufwertung der Protagonistinnen des Abstrakten Expressionismus. Seit den späten 1940er-Jahren setzte etwa dieser in Nordamerika gepflegte Stil auf Emotion und Spontanität – ohne Regeln und vor allem ohne Figuren.

    Neben Marktmagneten wie Mark Rothko oder Jackson Pollock entwickelten Joan Mitchell und Agnes Martin eine freie lyrische Malerei. Die der „New York School“ verpflichtete Joan Mitchell hatte 2018 eine Sternstunde. Das Gemälde „Blueberry“ bescherte Christie’s den Rekorderlös von 16,6 Millionen Dollar – wenige Tage zuvor hatte der Großgalerist David Zwirner die exklusive Vertretung der Künstlerin gemeinsam mit der Joan Mitchell Foundation verkündet.

    Während die abstrakte Expressionistin Mitchell die Farbe in kraftvollen Hieben verteilt und ansprechend verdichtet, ordnet Agnes Martin zarte Töne reihenweise an. Ihre formal strenge, stark reduzierte Bildsprache ist seit einigen Jahren bei Käufern recht gefragt. Jeweils 5,7 Millionen Dollar erlösten zwei Hauptwerke aus den Achtzigerjahren im Frauen fördernden Marktjahr 2018.

    Begehrte Spinne „Maman“

    Es ist schon erstaunlich, dass die Auktionszuschläge für diese Amazonen der Nachkriegskunst inzwischen höher liegen als die für ihre männlichen Kollegen. Die Preise etwa für Kenneth Noland und Morris Louis stagnieren seit Jahren. Doch das alles ist noch eher bescheiden im Vergleich zu der Marktposition der franko-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois. Deren in unterschiedlichen Formaten gegossene Bronze-Spinne „Maman“ ist ein Geschmackssymbol unserer Zeit geworden.

    Zehn dieser Exemplare beherrschen die Skala der Bourgeois-Höchstpreise. Mit 32 Millionen Dollar steht ein 7,5 Meter hohes Exemplar seit einer Mai-Auktion 2019 bei Christie’s in New York ganz oben.

    Als höchster Auktionszuschlag für das Werk einer Künstlerin wurde diese Summe bis jetzt nur von einem 1926 entstandenen Blumenbild der Amerikanerin Georgia O’Keeffe übertroffen. Dafür konnte Sotheby’s 44,4 Millionen Dollar im Jahr 2014 einstreichen.

    Blitzerlöse auch für afrikanische Kunst

    Blitzerlöse für Kunst von Frauen sind markt- und geschmacksprägend geworden. Das gilt auch für zeitgenössische Kunst aus Afrika – ein zweiter bedeutender Markttrend. Denn wer die jüngsten Wendungen der Geschmacksgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert verstehen will, darf auch diese Entwicklung nicht übersehen: Museen und Sammler erwerben gezielt zeitgenössische Kunst aus Afrika.

    Ausgelöst wurde der Trend durch neu eingerichtete Afrika-Abteilungen in Topmuseen, die zeitgenössische Kunst global betrachten. Dennoch war die Preisentwicklung für viele überraschend. So hatte kaum ein Marktbeobachter mit den 21,1 Millionen Dollar gerechnet, die eine stark farbige Picknick-Szene des 1955 in Alabama geborenen Malers Kerry James Marshall im Mai 2018 bei Sotheby’s erzielte. Farbige amerikanische Künstlerinnen wie Tschabalala Self und Kara Walker haben wachsende Ausstellungspräsenz und Preise, die 2019 von fünfstelligen Notierungen in die 400.000-Dollar-Region stiegen.

    Über 21 Millionen Dollar bewilligte der US-Rapper Sean „Diddy“ Combs für dieses Gemälde. Quelle: Sotheby’s
    Kerry James Marshall „Past Times“

    Über 21 Millionen Dollar bewilligte der US-Rapper Sean „Diddy“ Combs für dieses Gemälde.

    (Foto: Sotheby’s)

    Der Markt für afrikanische Kunst läuft gut, aber er ist noch entwicklungsfähig. Zwar hat der ghanaische Künstler Amoako Boafo mit 675.000 Pfund im Februar 2020 bei Phillips seinen bis dato gültigen Marktkurs glatt verzehnfachen können. Aber die einschlägigen Auktionen bringen zurzeit noch wenige Künstler über die magische Schwelle von 100.000 Dollar.

    An der Spitze tummeln sich nur zwei Künstler: Der Nigerianer Ben Enwonwu mit einem Frauenporträt, das bei Sotheby’s den Überraschungspreis von 1,1 Millionen Pfund erzielte. Und der Ghanaer El Anatsui mit einer aus Flaschenkapseln komponierten Wandarbeit zum gleichen Preis.

    Ob Kunst von Frauen, Kunst aus Afrika oder populäre Namen und Motive – eine kontinuierliche Geschmackserweiterung ist das Postulat eines florierenden Kunstmarkts. Das gilt besonders für das untere, um neue Sammler werbende Marktfeld. Die junge Sammellust wird inzwischen von Auktionshäusern mit Themenversteigerungen und Online-Auftritten gefördert (siehe Geschmackswandel Teil 1).

    Gemaltes Affentheater um den Brexit

    So hat Sotheby’s im März in einer Online-Auktion zeitgenössischer Kunst 5,1 Millionen Pfund eingespielt. Dort wurde auch eine Grafik des öffentlichkeitsscheuen Künstlers Banksy ausgeboten. 375.000 Pfund erzielte das berühmte Blatt „Girl with Balloon“, von dem ein anderes, halb geschreddertes Exemplar im Oktober 2018 im selben Haus rund eine Million Pfund eingespielt hatte.

    Banksy ist zwar mit dem Schimpansen-Parlament, das im Oktober 2019 bei Sotheby’s 9,9 Millionen Pfund realisierte, einer der teuersten britischen Künstler. Doch das gemalte Affentheater um den Brexit ist wohl mehr der Triumph einer Zeiterscheinung.

    Im Rampenlicht der Rekordpreise

    Der Geschmackswandel erweitert periodisch das Programm der Kunstmärkte und der Ausstellungen. Manchmal geschieht das im Gleichschritt, bisweilen aber schreiten die Auktionen als Geschmackspioniere voran. Das war etwa der Fall bei der britischen Malerin Cecily Brown und deutschen Starkünstlern wie Martin Kippenberger und Albert Oehlen.

    Wer dagegen die Besucherzahlen der großen Museen betrachtet, erkennt eher traditionelle Geschmacksmuster. Dementsprechend hatten jüngst Ausstellungen zu van Gogh, Picasso, Chagall, Gauguin und Michelangelo die höchsten Besucherzahlen.

    Viele Künstler, die plötzlich im Rampenlicht der Rekordpreise stehen, müssen ihre langlebige Spitzenposition daher erst noch unter Beweis stellen. Denn die Nachhaltigkeit von Blitzkarrieren bestätigt sich immer erst nach zwanzig bis dreißig Jahren.

    Mehr: Geschmackswandel Teil 1: Neue Verkaufsstrategien lassen historische Sammelgebiete aufleben

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