Glenstone Collection Prachtbau auf der grünen Wiese – Amerikas größtes Privatmuseum öffnet seine Tore

Mitten auf dem Land, unweit von Washington, steht Amerikas wohl größtes Privatmuseum. Ein Milliardär macht jetzt seine Sammlung zugänglich.
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Wie eine graue Stadt der Türme sieht der Museumsneubau aus. Quelle: Glenstone
„The Pavilions“

Wie eine graue Stadt der Türme sieht der Museumsneubau aus.

(Foto: Glenstone)

PotomacWichtige internationale Ausstellungen zeitgenössischer Kunst führen unweigerlich den Namen Glenstone als Leihgeber im Kleingedruckten auf. Insider wissen schon lange, dass es sich dabei um die Privatsammlung superber Qualität des Unternehmers Mitchell Rales und seiner Frau Emily Wei Rales handelt. Der Name Glenstone bezeichnet den Landsitz in Potomac, Maryland, auf dem das Privatmuseum untergebracht ist. Bisher war es allerdings nur sehr begrenzt zugänglich.

Das änderte sich Anfang Oktober mit der Eröffnung ihres spektakulären „The Pavilions“ genannten neuen Museums, das in einer guten halben Stunde Autofahrt von Washington, D. C., zu erreichen ist. Sein Vermögen verdankt der Milliardär Mitchell Rales, 62, dem 1984 zusammen mit seinem Bruder Steven gegründeten überaus erfolgreichen internationalen Mischkonzern Danaher Corporation mit Hauptsitz in Washington.

Vor zwölf Jahren baute ihm der angesagte Architekt Charles Gwathmey im sehr wohlhabenden Städtchen Potomac auf einem ehemaligen Jagdgelände eine großzügige, lichtdurchflutete Villa nebst benachbartem privatem Museum. Heute bezeichnet Rales das Museum lächelnd als sein „starter museum“.

Keine Angst vor Sperrigem

Anfangs sammelte Rales noch Abstrakte Expressionisten. Erst unter dem Einfluss seiner jüngeren Frau Emily Wei Rales, 42, mit der er seit 2008 in zweiter Ehe verheiratet ist, schwenkte er über zur zeitgenössischen Kunst. Heute besitzt ihre Glenstone Foundation über 1.300 Werke, die eine Steuererklärung von 2015 mit 1,3 Milliarden Dollar bewertete.

„Wir kaufen nur die wichtigsten Künstler ab dem Zweiten Weltkrieg, bevorzugen herausfordernde Arbeiten, die im Gedächtnis haften bleiben und auch andere Künstler beeinflusst haben“, erklärt Wei Rales ihre Richtlinien. Bevor sie die eigene Sammlung aufbaute, war sie als Kunsthistorikerin und Kuratorin bestens in der New Yorker Szene vernetzt.

Die Rales sammeln sehr in die Tiefe. Es gibt Werkblöcke von Louise Bourgeois, Robert Gober oder Roni Horn. Sie schrecken auch vor Sperrigem oder Schwierigem nicht zurück. Um überhaupt für Glenstone in Betracht gezogen zu werden, müssen Künstler aber bereits etwa 15 Jahre lang aktiv sein. Inzwischen listet das Museumsinventar über 200 Namen. Die meisten kommen aus den USA, aber auch aus Lateinamerika, Europa und Asien, hier besonders Japan.

Budget ohne Limit

Um den Fortbestand dieses vielleicht größten Privatmuseums der USA zu sichern, wollen die Rales in den nächsten Jahren einen Vorstand nebst Stiftungsvermögen einsetzen. Aber sie bestehen auf ihrer ganz persönlichen Sicht der Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; die künftigen Verantwortlichen dürften nur Werke von hier bereits repräsentierten Künstlern anschaffen.

Im lauten Messezirkus oder auf Auktionen sucht man das Paar vergebens. Wenn die Marktschlaglichter auf bestimmte Namen oder Strömungen fallen, hat es seine Erwerbungen meist schon getätigt: „Wir pflegen enge Beziehungen zu Künstlern und kaufen überwiegend auf dem Primärmarkt.“

Das hat die beiden in der Gunst der Händler natürlich ganz nach oben katapultiert. Sie sind unter anderem gute Kunden bei Hauser & Wirth, David Zwirner und Matthew Marks. „Wir müssen nichts von einem Vorstand genehmigen lassen und sind auch nicht an ein Budget gebunden, da können wir zügige Kaufentscheidungen treffen“, sagt Kuratorin Nora Cafritz.

Das Sammlerpaar pflegt gute Beziehungen zu den Künstlern. Quelle: Julie Skarratt
Emily Wei Rales und Mitchell Rales

Das Sammlerpaar pflegt gute Beziehungen zu den Künstlern.

(Foto: Julie Skarratt)

Zur Vorbereitung des Neubaus, der zusätzlich rund 4.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche bereitstellt – die sich übrigens mit dem neuen New Yorker Whitney Museum of American Art messen können –, besuchten die Rales über 50 Museen in der ganzen Welt, sei es im amerikanischen La Jolla oder in Kanazawa (Japan). „Besonders angetan waren wir von der zukunftsweisenden Menil Collection und ihrer spektakulären Sammlung in Houston und dem Louisiana Museum of Modern Art“, resümiert Wei Rales.

Ein von der Fondation Beyeler angeregter Seerosenteich steht in Potomac im Zentrum, um das sich zehn Räume unterschiedlicher Proportionen legen. 200 Millionen Dollar soll die Konstruktion verschlungen haben, alles wurde aus der eigenen Tasche bezahlt.

Folgt man dem sanft gewundenen Pfad vom Parkplatz an der „Arrival Hall“ vorbei an hügeligen Wiesen, neu gepflanzten Bäumen und Jeff Koons’ riesiger blumenbesetzter Skulptur „Split Rocker“ (2000), geraten nach einigen Minuten langsam die Betonkuben des Museumskomplexes in den Blick. Sie scheinen aus der Wiese zu wachsen.

Die Assoziation mit der mittelalterlichen Stadtanlage von San Gimignano, der „Stadt der Türme“, ist durchaus beabsichtigt. Insgesamt lassen die Rales 93 Hektar, die einst zur Fuchsjagd genutzt wurden, bewirtschaften.

Hingucker mit roter Zipfelmütze

Die Presseeröffnung fand ausgerechnet an einem grau-verhangenen Morgen statt. Grautöne in scheinbar unzähligen Abstufungen dominierten außen und im Inneren; grau sind auch die von der Pariser Designerin Aï Bihr entworfenen Uniformen der zahlreichen freundlichen „Guides“, die nur zu gern über die ausgestellte Kunst aufklären möchten.

Fast wie ein Schock begegnet dem Besucher da in der gar nicht langweiligen Monotonie die mannshohe, tomatenrot lackierte Skulptur „Big Phrygian“ (2010–2014) – Starauftritt für Martin Puryears Zipfelmütze aus Zedernholz.

Die Eröffnungsausstellung bietet einen ersten imposanten Überblick mit 65 Sammlungshighlights, von Abstrakten Expressionisten bis in die New Yorker Szene der 1980er-Jahre. Sie beeindruckt aber vor allem durch maßgeschneiderte Langzeitpräsentationen von On Kawara, Cy Twombly oder Lygia Pape.

Als technisch besonders kompliziert stellte sich die Installation von Robert Gobers „Untitled“ (1992–2007) mit einer Reihe konstant laufender Waschbecken heraus. Um die 70-mal habe sich der Architekt mit Gobers Studio getroffen, um die Installation perfekt zu installieren.

Mikado in der Grube

Und besonders eindrucksvoll ist natürlich Michael Heizers zum ersten Mal realisierte Skulptur „Collapse“ (1967/ 2016) mit ihren 15 über elf Meter langen Cortenstahlbalken, die scheinbar mühelos wie Mikadostäbchen in einer tiefen Grube in einem offenen Hof arrangiert wurden.

Die Rales hoffen, etwa 100.000 Besucher jährlich anzulocken. Der Eintritt ist stets frei. Es wird empfohlen, sich über Glenstone.org einen Besuchstermin zu sichern.

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