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Grisebach-Auktion Warum eine historische Bildserie von August Sander unter den Hammer kommt

Grisebach versteigert Restbestände aus dem Art Photography Fund, darunter ein 70-teiliges Konvolut mit Abzügen, an denen der Fotograf August Sander mitwirkte.
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Aus der stilbildenden Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Die Aufnahme entstand 1929, den Abzug fertigte zwischen 1961 und 1963 Gunther Sander an, der Sohn August Sanders. Quelle: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
August Sander: Berliner Kohlenträger

Aus der stilbildenden Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Die Aufnahme entstand 1929, den Abzug fertigte zwischen 1961 und 1963 Gunther Sander an, der Sohn August Sanders.

(Foto: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Düsseldorf August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“ betitelte Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft ist das wohl ehrgeizigste und einflussreichste Langzeitprojekt in der Geschichte der deutschen Fotografie. Etwas mehr als 70 Bilder aus diesem unvollendeten, aber epochalen Porträtwerk ließ Sander 1961 bis 1963 von seinem Sohn Gunther für eine Wanderausstellung in großem Format abziehen, nachdem er von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) den Kulturpreis erhalten hatte. Jetzt werden 70 Bilder dieses historischen und in dieser Form nur einmal existierenden Konvoluts, an dem der Meister noch persönlich mitwirkte, bei Grisebach zur Taxe von 300.000 bis 500.000 Euro versteigert.

Spekulatives Kunstinvestment

Die jüngste Herkunftsgeschichte dieser Bilderserie, die das Auktionshaus nicht preisgibt, wirft ein Licht auf ein Marktsegment, das gewöhnlich eher wenig Transparenz zeigt. Verkauft wurde die Tranche 2009 von Enkel Gerd Sander nämlich an den damals anderthalb Jahre alten Art Photography Fund der Merit Alternative Investments GmbH, einen Fonds, der im Steuerparadies Cayman Islands gelistet war und sich ursprünglich ausschließlich an institutionelle Anleger richtete. Es war das erste spekulative Kunstinvestment weltweit, das sich auf Fotografie konzentrierte.

Das Motiv gehört zu den erfolgreichsten des Porträtwerks „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Quelle: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
August Sander "Handlanger"

Das Motiv gehört zu den erfolgreichsten des Porträtwerks „Menschen des 20. Jahrhunderts“.

(Foto: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Inzwischen wurde der Fonds aufgelöst; die noch nicht veräußerten Restbestände werden versteigert. Das betrifft neben dem Sander-Konvolut weitere 205 Lose diverser Künstler aller Epochen der Fotografie. „Einige Investoren erhielten im Zuge der Abwicklung auch Werke des Fonds statt einer Zahlung“, ist von Friedrich Kiradi, einem der beiden Geschäftsführer von Merit AI, zu erfahren. Das ist aber auch alles, denn Manager und Betreuer, der Wiener Galerist Johannes Faber, sind an eine Vertraulichkeitsvereinbarung gebunden.

Die Sander-Tranche stand in den letzten Jahren immer wieder zum Verkauf. Faber bot sie wiederholt auf Messen an, so auf der Tefaf-Messe 2012 zum Preis von 2,8 Millionen Euro. Anfang 2017 hatte sie Henrik Berinson in Kommission. Er stellte sie in seiner Galerie in Berlin aus und nahm sie im selben Jahr auch mit auf die Art Basel. 1,3 Millionen Euro war seinen Angaben zufolge die Verhandlungsbasis. Doch es biss keiner an.

Auffällig ist zweierlei: Das Konvolut ist recht niedrig geschätzt, was sicher auch am saftigen Aufgeld liegt, das durch die Regelbesteuerung auf fast 50 Prozent kommt. Außerdem verwundert, dass die einzelnen Teile nicht noch separat aufgerufen werden wie meist üblich. Diandra Donecker, Mitgeschäftsführerin von Grisebach, begründet das Vorgehen mit „der Bedeutung und Einmaligkeit des Konvoluts“, dem man sich verpflichtet fühle.

Die Maler W. Bongard und G. Brockmann wurden zwischen 1922 und 1925 fotografiert. Den Abzug machte Gunther, der Sohn August Sanders erst 1961 bis 1963. Quelle: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
August Sander "Bohème"

Die Maler W. Bongard und G. Brockmann wurden zwischen 1922 und 1925 fotografiert. Den Abzug machte Gunther, der Sohn August Sanders erst 1961 bis 1963.

(Foto: Grisebach; VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Allein mit den prominenten Motiven, zu denen etwa die Jungbauern, der Konditormeister, der Kohlenträger, die Boxer oder der Handlanger zählen, könnte locker die untere Schätzung erreicht werden. Erinnert sei an die zugegebenermaßen ehrgeizigen 450.000 Euro, die die Galerie Hauser & Wirth auf der jüngsten Paris Photo für einen Abzug des „Handlangers“ von 1960 verlangte. 2013 testete August Sanders Urenkel Julian Sander den Markt noch mit einer Million Euro für den „Konditormeister“. Ein Preis, der heute jedoch nicht mehr realisierbar wäre. Bereits die knapp 750.000 Dollar, die Sotheby’s Ende 2014 für einen frühen Print des „Handlangers“ aus der Sammlung Howard Stein erzielte, sind ein Ausnahmepreis.

Ein sich abschwächender Markt gefährdet aber das Geschäftsmodell eines Fonds. Er kann Erträge nur durch Kaufen und Verkaufen generieren. Allein um seine Kosten aufzufangen, müsste sich ein Werk in den fünf bis zehn Jahren Haltedauer im Preis etwa verdoppeln, schätzt der Sammler und ehemalige Berater für Kapitalmarktprodukte, Mario von Kelterborn.

Weltwirtschaft mit im Kalkül

Für die Auflösung des Fonds spricht auch, dass der Steuervorteil der Cayman Islands bald Vergangenheit ist. Ab 2020 hat sich das Überseegebiet dazu verpflichtet, die Namen der Eigentümer der dort ansässigen Firmen in einem öffentlichen Register zu führen. Angesichts der weltwirtschaftlichen Unsicherheiten dürften institutionelle Anleger wie Banken und Versicherungen vorsichtig werden. Von Kelterborn erinnert an die große Finanzkrise nach der Lehman-Pleite: „Damals gab es Preise für Aktien und für Gold, aber Kunst war so gut wie gar nicht mehr sekundär verkäuflich und wenn, dann nur mit hohen Abschlägen.“

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