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Grünes Gewölbe Neue Erkenntnisse: Warum es die Diebe in Dresden so leicht hatten

Das Sicherheitsglas in der Vitrine im Grünen Gewölbe versagte. Bei Experten stößt das auf völliges Unverständnis. Die Ermittler haben indes neue Erkenntnisse über die Täter.
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Nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe arbeitet die Polizei auf Hochtouren. Quelle: dpa
Spurensicherung in Dresden

Nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe arbeitet die Polizei auf Hochtouren.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Eine „Mission Impossible“ – so beschrieb Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes von Dresden, den Einbruch in sein Heiligtum: Erst vor vier Jahren sei das gesamte Sicherheitskonzept im Grünen Gewölbe überprüft worden. Doch es stellt sich heraus, dass die Mission wohl doch nicht so ganz unmöglich war – eher viel zu einfach.

Selbst Syndram zeigte sich überrascht davon, wie schnell die Kunstdiebe in der Schatzkammer das Glas der Vitrine mit wenigen Axthieben zerstörten. „Das, was uns der Lieferant des Sicherheitsglases versprochen hat, hat er nicht gehalten“, äußert er sich betroffen. 

Dass die Dresdner Diebe am vergangenen Montag bei ihrem Jahrhundertraub so schnell an ihr Diebesgut gelangen konnten, stößt auch bei Experten auf Unverständnis. Christoph Hahn, Inhaber und Geschäftsführer eines der weltweit größten Anbieter von Sicherheits- und Panzerglasscheiben, findet klare Worte. „Es ist seit über einem Jahrzehnt State of the Art, dass man Angreifer locker 10, 20 und mehr Minuten davon abhalten kann, die Glasscheibe einer Vitrine zu zerstören“, sagt der Silatec-Chef.

Sein Unternehmen in der Nähe von München gehört zu den führenden Anbietern, wenn es darum geht, Juwelen, Luxusuhren und Kunst hinter Glas abzusichern, sie aber gleichzeitig hinter transparenten Scheiben ohne Farbverschiebungen einem Publikum zu präsentieren.

Dass dies längst möglich ist, bestätigt auch der Kieler Juwelier und Diamantenhändler Ulf Breede: Sicherheitsglas biete für die Präsentation inzwischen keine Nachteile mehr. Früher sei entsprechendes Glas noch grünlich gewesen, das gehöre jedoch längst der Vergangenheit an.

Nach dem spektakulären Schmuckdiebstahl vom vergangenen Montag kommen die Ermittler nur in kleinen Schritten voran. Mittlerweile weiß die Polizei zumindest, dass vier Täter am Tatgeschehen beteiligt waren. Das zeigen Videos, die die Polizei ausgewertet hat.

Der aktuelle Bericht der ermittelnden Beamten macht auch deutlich, was die Erhellung des Geschehens erschwert: „Die Tatortarbeit gestaltet sich sehr aufwendig. Dies auch aufgrund der Tatsache, dass die Einbrecher einen Pulverlöscher am Tatort entleerten, um Spuren zu verwischen.“

Bei der Sonderkommission gingen bislang mehr als 200 Hinweise ein – ein entscheidender war aber offenbar noch nicht dabei.

Das Schloss wurde am Mittwoch wieder für die Öffentlichkeit freigegeben, das Gewölbe blieb aber noch geschlossen. Quelle: dpa
Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe

Das Schloss wurde am Mittwoch wieder für die Öffentlichkeit freigegeben, das Gewölbe blieb aber noch geschlossen.

(Foto: dpa)

Ein Ergebnis des spektakulären Dresdner Juwelendiebstahls steht allerdings jetzt schon fest: Viele Museen nehmen die Tat zum Anlass, ihr Sicherheitskonzept nachzubessern. So steht bei Silatec-Chef Hahn sein Telefon nicht mehr still.

Das Unternehmen kann schließlich auf namhafte Referenzkunden verweisen: das Rijksmuseum in Amsterdam, das Kunstmuseum in Basel, die Schatzkammer in Wien sowie die Sempergalerie gehören ebenso dazu wie Bulgari-Geschäfte weltweit und Shops von Cartier, Rolex oder Gucci.

Über die wenigen Axthiebe, nach denen die Vitrine im Grünen Gewölbe zu Bruch ging, ist Hahn fassungslos. „Und auch ein wenig über manche Berichterstattung“, sagt er. Sicheres Glas würde für den Betrachter ja nicht automatisch dicker. Die Transparenz bliebe tadellos erhalten.

Dann erklärt er, wie Museen weltweit normalerweise ihr Sicherheitskonzept angehen. So wird genau berechnet, wie lange die Polizei braucht, bis sie nach einem Alarm am Ort des Geschehens ist. Entsprechend wird die Sicherheitsscheibe bestellt: Sie muss 10, 20, 30 oder auch 60 Minuten standhalten, bis sie mit roher Gewalt überwunden ist. „Alles kein Problem“, urteilt der Firmenchef.

Die Branche teilt Sicherheitsglas in vier Kategorien mit weiteren Unterteilungen ein. Grundsätzlich gibt es die Kategorien Durchwurfhemmung, Durchbruchhemmung, Durchschusshemmung und Sprengwirkungshemmung. „Diese Widerstandsklassen und Bezeichnungen geben an, welchem Angriffsgewicht, welchem Angriffswerkzeug oder welcher Angriffswaffe die Scheibe für eine definierte Zeit standhalten muss. Das ist wichtig zu wissen, da keine Scheibe dem dauerhaften Angriff standhalten kann“, erklärte Uwe Reier, Geschäftsführer der Vitrinen- und Glasbau Reier GmbH im sächsischen Lauta.

Bis die Polizei eintrifft

Auch die Polizei rät, den Fokus im Sicherheitskonzept auf den mechanischen Schutz der wertvollen Stücke zu setzen. Denn Elektronik könne überwunden werden, pure mechanische Hindernisse wie eine widerstandsfähige Glasscheibe hielten die Täter dagegen möglichst lange am Tatort fest, bis die Polizei dort eintrifft. 

Für Juwelier Breede scheint die Staatshaftung ein weiteres Problem zu sein. „Eine Versicherung hätte ganz bestimmt auf angemessener Sicherung bestanden“, vermutet er. Dem stimmt der Kölner Kunstversicherungsmakler Stephan Zilkens zu: „Eine Versicherung würde sich den Sachverhalt ansehen und bestimmte Sicherheitsmaßnahmen vorschreiben.“

Wenn es dann trotz aller Sicherheitsvorkehrungen zum Diebstahl gekommen ist, haben die betroffenen Museen oftmals größeres Interesse daran, die gestohlenen Gegenstände wiederzubekommen als dass die Straftat aufgeklärt wird, weiß Andreas Simon. Der Inhaber einer Detektei im nordrhein-westfälischen Siegburg und ehemalige langjährige Vorsitzende der größten Berufsvereinigung Bundesverband Deutscher Detektive bestätigt, dass auch er bereits entsprechende Anfragen erhalten habe.

Auch auf Täterseite bestünde oft ein potenzielles Interesse: „Die schlagen einfach zu und merken erst danach, dass sich bestimmte Dinge nicht verkaufen lassen“, sagt Simon.

Auch ein Bruststern des Polnischen Weiße r Adler-Orden wurde entwendet. Quelle: dpa
Gestohlener Orden

Auch ein Bruststern des Polnischen Weißer Adler-Orden wurde entwendet.

(Foto: dpa)

Auch von Kirchen hat Simon nach Diebstählen bereits entsprechende Anfragen gehabt. Gibt es einen Auftrag von Museen oder eventuell, falls vorhanden, von Versicherungen, streuen die Detektive laut Simon gezielt Informationen in einschlägigen Kreisen, um Kontakte zu den Tätern herzustellen und einen eventuellen Rückkauf-Deal zu initiieren. „Vergleichen kann man das mit vermögenden Eltern, die bereit sind, Lösegeld zu bezahlen, um ihre entführten Kinder zurückzubekommen.“ 

Die Detektive selbst sind am Rückkauf dann in aller Regel nicht beteiligt, da sie leicht in eine rechtliche Grauzone geraten könnten: „Schließlich handelt es sich bei den gestohlenen Sachen dann ja um Hehlerware“, sagt Simon, der seit Jahrzehnten im Detektivgeschäft tätig ist und dementsprechend weiß, welche rechtlichen Grundlagen Detektive keinesfalls verlassen dürfen. „Im Rahmen der Wiederbeschaffung kann es dann natürlich auch zu einer Aufklärung der Straftat kommen“, sagt Simon.

Michael John, Leiter der Abteilung Technischer Dienst/ Bau, Technik, Sicherheit der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sagte zum Geschehen, dass der Raub einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze 2017 aus dem Berliner Bode-Museum, als die Täter ebenfalls mit einer Axt zu Werke gingen, und der aktuelle Vorfall in Dresden „ganz sicher dafür sorgen werden, dass die Standards diskutiert werden. Wohin die Diskussionen führen, kann man jetzt noch nicht sagen.“

Sicherheitskonferenz in der Planung

Zu diesem Schluss ist offensichtlich auch Staatsministerin Monika Grütters gekommen. Weil das brutale Vorgehen der Dresdner Täter die gestiegenen Sicherheitsanforderungen deutlich gemacht habe, plant sie jetzt zusammen mit dem Deutschen Museumsbund eine Fachtagung: „Wir müssen uns im Rahmen der Sicherheitskonferenz mit der Frage auseinandersetzen, wie Museen ihre Objekte künftig gegen ein derart brutales Vorgehen schützen können und gleichzeitig in gewohnter Weise für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.“

Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Einbruch in das Trierer Landesmuseum vor wenigen Wochen. Einbrecher versuchten dabei, im Münzkabinett den Trierer Goldschatz, bestehend aus 2600 Münzen, zu stehlen. Mit Vorschlaghämmern und roher Gewalt schlugen sie auf eine Glasvitrine ein, die den Schatz beherbergte. Das Glas splitterte, gab aber nicht nach. Der Goldschatz blieb in Sicherheit, die Täter machten sich ohne Diebesgut davon.

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