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InterviewUlrike Lorenz: „Die Dichter müssen vom Sockel“

Die Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar will den biedermeierlichen Muff aus den Dichterhäusern vertreiben und junge Leute aus aller Welt neugierig machen.Susanne Schreiber 09.06.2022 - 15:03 Uhr Artikel anhören

„Das mit dem Genie nehmen uns jüngere Generationen doch gar nicht mehr ab.“

Foto: Klassik Stiftung Weimar

Weimar. Im Gespräch mit Susanne Schreiber erläutert Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, wie sie den biedermeierlichen Muff aus den Dichterhäusern vertreiben will. Dazu gehört auch ein Computerspiel mit dem die Gäste in Johann Wolfgang von Goethes Arbeits- und Gedankenwelt eindringen können. Wichtig ist Ulrike Lorenz die Einbindung eines möglichst diversen Publikums. Und Ausstellungen, die schon mal auf dem Straßenpflaster stattfinden.

Welche Rolle kommt Goethes virtuellem Zeichentisch innerhalb der Digitalisierungsstrategie der Klassik Stiftung zu?
Er ist ein extrem reizvoller Prototyp in unserer großen Digitalen Transformation. Wir loten mit der digitalen „Öffnung“ dieses von Goethe als Arbeitsinstrument selbst entworfenen Möbels Möglichkeiten und Grenzen eines neuen Vermittlungsansatzes aus, der dezidiert die Aura des Objekts mit dem digitalen Spiel verknüpft. Einerseits machen wir Lust auf das Original, das etwas sehr Intimes hat: es offenbart das Wesen des Dichters, der ein Wahrnehmungsmensch war und sich von Zeichnungen beim Schreiben inspirieren ließ. Zugleich öffnen wir völlig neue, spielerische Zugänge in die zahlreichen Schubladen, Geheimfächer und Klappfunktionen. Goethe plaudert quasi aus dem „Nähkästchen“. Wir locken im Modus des Computergames zum Erkunden und Verstehen des entrückten, oft auch nur akademisch wahrgenommenen Dichters. Das ist ein Wagnis. Wir wollen herausfinden, mit welchen digitalen Methoden historische Überlieferungen auf die nächste Generation übertragbar sind.

Sie sind dabei, die vielen Museen der Stiftung neu auszurichten. Was ist Ihr Ziel?
In der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe werden immer auch Normvorstellungen verhandelt, politische und gesellschaftliche Entwicklungen erläutert, Kontexte hergestellt. Was erzählen uns Briefe des Weltliteraten Goethe oder die Ausstattung der Schlösser oder der Sessel des sterbenden Nietzsche über Macht und Hierarchien? Über die Vorstellung von Schönheit, die Möglichkeiten der Selbstentfaltung, die Grenzen von Freiheit? Uns kommt es vor allem darauf an, mit unseren heutigen Fragen an die überlieferten Zeugnisse heranzutreten und für ein diverses breites Publikum zum Sprechen zu bringen.

Wie kann die Stiftung etwa einer Feministin den weißen alten Mann Goethe nahebringen?
Ich glaube, das hat die Autorin Jagoda Marinić mit ihrem Essay in unserem Magazin „klassisch modern“ auf exemplarische Weise vorgeführt: Indem sie sich in eine sehr persönliche Beziehung zu ihm setzt und seine Lebensäußerungen mit ihrer Realität als zeitgenössische, geistesgegenwärtige Autorin abgleicht. Um dann aber voller Erstaunen zum lebendigen Kern des Alten durchzudringen mit all seinen menschlichen Schwächen und Stärken, an den sie heute ganz locker anknüpfen kann. Eine Beziehung kann aber auch aus Kritik und Ablehnung entstehen – wir wollen Widerstände nicht in Wohlgefallen auflösen.

Was soll in der Klassik Stiftung anders werden?
Wir beziehen unsere Verzauberungskraft aus der zum Orientierungswissen aufbereiteten und sorgfältig verknüpften Vielfalt der historischen Sammlungen, Orte und Kontexte. Wenn wir über alle Gattungen und Institutionen hinweg konstruktiv zusammenarbeiten, entsteht ein so breites, anschlussfähiges und zugleich intellektuell anspruchsvolles Programm. Das fächern wir gerade in unserem Themenjahr „Sprache“ auf. Einen für alle spürbaren Mehrwert aus der Einheit der Stiftung zu ziehen, ist eine ständige Herausforderung. Die Öffnung der Stiftung in die Breite der Gesellschaft und der Mut, Haltung zu zeigen, sind Voraussetzung für gesellschaftliche Relevanz.

Die „Sprachsplitter“ regen zum Nachdenken und zu Selfies an.

Foto: Klassik Stiftung Weimar

Wie soll Goethe heute präsentiert werden? Ganz ohne Geniekult geht es doch nicht.
Das mit dem Genie nehmen uns jüngere Generationen doch gar nicht mehr ab. Die Dichter müssen vom Sockel und gleichzeitig rücken ihre uns fremd gewordenen literarischen Werke in den Fokus. Denn das ist der Kern von Weimar. Wir wagen dieses Jahr etwas Verrücktes: bringen Poesie in den Alltag der Leute, machen sie zum Stolperstein des Staunens und zum Kommunikationsanlass. Unsere „Sprachsplitter“ mit Zitaten der Klassiker, aber auch mit Erinnerungsanstößen an die Sprachzerstörung in der nationalsozialistischen Diktatur ziehen sich durch ganz Weimar.

Wie muss man sich die „Sprachsplitter“ vorstellen?
Das sind weiß-schwarze Stolpersteine an 13 Orten in Weimar. Der Text ist so angebracht, dass man herumgehen und ihn im Kopf zusammensetzen muss. Alle Zitate haben uns heute noch etwas zu sagen.

Ein Beispiel bitte.
„Getretner Quark wird breit nicht stark“, sagte Goethe im Westöstlichen Diwan.

Was lässt die Neupräsentation von Goethes Wirken weg?
Wir wollen den biedermeierlichen Muff aus den Inszenierungen der Dichterhäuser vertreiben. Unsere Kuratorin Petra Lutz nennt das „Verwohnzimmerung“. Stattdessen geht es darum, diese Gedenkstätten ebenso wie unsere Erinnerungskultur als eine Erzählung mit vielen Schichten zu begreifen, eine spannende Konstruktion vieler Generationen in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, bei der wir unserer deutschen Kultur bei ihrer Verfertigung zusehen können. Das ist für junge neugierige Leute aus aller Welt spannender als Spitzengardinen und Topfpflanzen.

Themenjahr Sprache in Weimar: Zu entdecken sind 13 verschiedene Sprachexplosionen im Stadtraum von Weimar und in den Museen.

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