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Interview Videokunstsammlerin Julia Stoschek: „Eine absolute Katastrophe“

Die renommierte Sammlerin über die Corona-Kollateralschäden für die Kunstszene, ihren Ärger über Berlin und die Probleme ihres Familienkonzerns Brose.
29.10.2020 - 11:05 Uhr Kommentieren
„Der Hunger der Menschen nach Kunst, nach Austausch, nach Leben ist groß.“ Quelle: Jonas Lindström für Handelsblatt Magazin
Julia Stoschek

„Der Hunger der Menschen nach Kunst, nach Austausch, nach Leben ist groß.“

(Foto: Jonas Lindström für Handelsblatt Magazin )

Düsseldorf Es ist ihr verflixtes 13. Jahr: 2007 startete Julia Stoschek in Düsseldorf ihr erstes Museum für zeitbasierte Medienkunst. Und obwohl sie mittlerweile zu den bekanntesten Sammlerinnen der Welt gehört, ist das Jahr 2020 doch das härteste, das sie wohl je erlebt hat. Corona macht nicht nur ihrer Sammlung, den Künstlern und der ganzen Szene schwer zu schaffen. Die globalen Lockdowns haben auch Stoscheks Familienkonzern, den Coburger Autozulieferer Brose, hart erwischt.

Frau Stoschek, die Kunstwelt wird von den Maßnahmen gegen Corona besonders schwer getroffen: Vielen Kreativen sind alle Einnahmequellen versiegt. Manche fühlen sich, als seien sie Opfer landesweiter Berufsverbote. Wie erleben Sie die Szene?
In einer ganz schlimmen Verfassung, das besorgt mich sehr. Die Künstlerinnen und Künstler, die ich in meinen beiden Häusern in Düsseldorf und Berlin präsentiere wie aktuell Jeremy Shaw, sind da noch in einer privilegierten Position angesichts ihrer internationalen Bekanntheit. Aber ich sehe jede Menge Einzelschicksale in den unterschiedlichsten Bereichen, die sehr hart getroffen sind: Film, Musik, bildende Kunst… Finanziell stellt Corona eine absolute Katastrophe dar.

Immerhin haben Sie zuletzt Ihre beiden Museen wieder öffnen können …
… und insofern geht es uns zumindest noch weitaus besser als der Kunstszene etwa in Kalifornien, wo ich Anfang des Jahres noch war und seither wirklich alles geschlossen ist: Kinos, Museen, Bühnen aller Art, Restaurants. Dort kommt verschärfend hinzu, dass eine Hire & Fire-Mentalität dominiert. Viele Menschen aus dem Kunst- und Kulturbereich haben dort ihren Arbeitsplatz verloren, und anders als in Deutschland gibt es weniger staatliche Förderung.

Sie waren noch im Frühjahr in L.A.?
Bis März sogar, ja. Anfangs bekam ich von Corona wenig mit. Ich hatte dort eine Reihe von Gesprächen mit Vertretern aus Politik und Kultur, weil die Neugier auf das, was wir hier mit der Sammlung machen, so groß ist. Und dann kam ich mit einem der letzten Flieger nach Deutschland in den völlig unerwarteten Lockdown.

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    Blick in die Ausstellung
    Elaine Sturtevant in der Julia Stoschek Collection

    Blick in die Ausstellung "NUMBER EIGHT: STURTEVANT" (2014). Im Vordergrund die 2010 entstandene Videoinstallation "Elastic Tango".

    (Foto: Stoschek Collection; Foto: Şirin Şimşek)

    Sie sind Gesellschafterin des Familienkonzerns Brose, der als Autozulieferer derzeit ebenfalls echte Probleme hat. Wie erleben Sie in dieser Rolle die Situation?
    Die Industrie ist generell schwer getroffen. Auch unsere Produktion ist um rund 25 Prozent eingebrochen. Glücklicherweise produzieren wir vor allem Schließ-, Tür- und Sitzsysteme, die in jedem Automobil gebraucht werden. Für uns ist es daher gleich wertvoll, ob ein Auto mit Elektromotor oder klassischem Verbrenner angetrieben wird. Trotzdem leidet natürlich auch unser Geschäft stark.

    Was bedeutet Corona dann für Ihr Budget, das sich ja aus den Brose-Gewinnen speist?
    Dass auch wir als Stiftung kräftig sparen müssen. Zum Beispiel wollten wir dieses Jahr zum zehnten Todestag von Christoph Schlingensief eine große Retrospektive präsentieren. Das musste ich leider absagen, auch weil sich viele seiner Werke nicht in meinem Sammlungsbestand befinden. Das wäre ein gewaltiger Aufwand gewesen, den wir leider nicht zu stemmen in der Lage sind. Ich bedauere das sehr.

    Im Mai drang durch, dass Sie Ihr Berliner Ausstellungshaus aus der Hauptstadt abziehen wollen. Wie steht’s aktuell?
    Von Wollen konnte keine Rede sein. Es ist so, dass uns die Bundesimmobilienanstalt als Vermieter klargemacht hat, dass das Gebäude hier in der Leipziger Straße ab 2022 renoviert werden muss. Insofern müssen wir in jedem Fall ausziehen.

    Ihnen wurde offenbar sogar eine kräftige Mieterhöhung angekündigt…
    Für die Zeit nach den Renovierungsarbeiten, ja. Ich finde das schwer zu verstehen, wenn man bedenkt, welchen Effekt wir mit der Sammlung für den Standort haben. Bei all dem hilft mir der enorme nationale und internationale Zuspruch, den wir erfahren. Ich hätte niemals gedacht, für wie wertvoll die Sammlung von derart vielen Kulturschaffenden aus verschiedenen Bereichen erachtet wird. Die besorgten Briefe und Mails haben uns einerseits sehr beschäftigt, aber auch wahnsinnig gefreut.

    Auch andere berühmte Sammler wie etwa Mick Flick und Thomas Olbricht kehren Berlin den Rücken. Was ist mit der Stadt los?
    Die einzelnen Fälle haben ihre individuellen Gründe und Problemstellungen. Klar ist aber, dass die Stadt für private Sammler und Initiativen kein einfaches Pflaster ist: Wer fühlt sich angesichts unterschiedlicher vertikaler und horizontaler Zuständigkeiten verantwortlich? Wo steht ein Ansprechpartner zur Verfügung, der mir ein Gefühl von Planungssicherheit vermittelt? Vieles wurde in der Vergangenheit als selbstverständlich angenommen.

    Man hat Ihnen auch keine alternativen Standorte anbieten können?
    Die Unterstützung und auch die Kreativität hielten sich leider in Grenzen. Das Gebäude, in dem die Sammlung in Berlin seit 2016 residiert, war in den sechziger Jahren das tschechoslowakische Kulturzentrum und atmet bis heute diesen Geist, umgeben von der eher brutalistischen Architektur der damaligen DDR. Ich habe mich sehr in den Standort verliebt und übrigens als Mieterin einen enormen Aufwand in die Renovierung unserer Räume gesteckt, als wir einzogen: Das beginnt bei museumspädagogischen Fragen, geht weiter bei historisch sensiblen architektonischen Belangen bis hin zum schnöden Abstellen von Wasserschäden, Erneuerung der Elektrik etc. … Allein die Umsetzung der Brandschutzauflagen hat immense Kosten verursacht.

    Wie geht’s jetzt weiter?
    Ich hoffe zunächst einmal, dass wir im Februar 2021 unsere nächste große Sammlungsausstellung eröffnen können. Man spürt ja überall, wie groß der Hunger der Menschen nach Kunst ist, nach Austausch, nach Leben. Es sind so verrückte Zeiten. Da kann die sehr politische Medienkunst zur Diskussion beitragen. Sie ist nicht so repräsentativ wie ein Warhol über dem Kamin, aber meist sehr intensiv, trägt zur Meinungsbildung und einem absolut notwendigen Austausch bei. Das ist übrigens einer der Hauptaspekte, warum mich diese jüngste Kunstform von allen so sehr fasziniert: Niemand bleibt unberührt. Jeder, der unsere Ausstellungen sieht, bildet sich eine Meinung. Und darum geht es ja.

    Sie bringen Ihre Sammlung derzeit ins Internet. Ist der Transformationsprozess bereits abgeschlossen?
    Nein, Stand heute sind bereits fast 90 von insgesamt etwa 900 Werken online. Das Projekt ist aufwendig: Wir arbeiten eng mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammen, ohne deren Zustimmung wir nichts veröffentlichen. Daneben gibt es die technische Seite, bei der wir höchste Standards voraussetzen. So werden einige Dateien nach Jahren neu bearbeitet. Am Ende sollen alle Werke verfügbar sein, rund um die Uhr und ohne Bezahlschranke. So etwas hat es in der Kunstgeschichte meines Wissens noch nicht gegeben. Alles, was ich gesammelt habe, die „eigentlichen“ Werke, sind dann online anzusehen. Für jeden. Egal wo auf der Welt.

    Einerseits scheint das völlig logisch bei Medienkunst. Aber verlieren die Werke dadurch nicht ihre Einzigartigkeit?
    Die Medienkunst war immer schon die demokratischste aller Kunstgattungen. Sie zielte grundsätzlich darauf ab, möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht zu werden. Ihre Limitierung kam erst durch den Markt.

    Fehlt aber im Netz nicht die dritte Dimension? Das Museums-Erlebnis?
    Deshalb wird das Museum auch immer ein wichtiger Ort bleiben. Das Onlinestreaming auf dem eigenen Bildschirm kann den Ausstellungsbesuch nicht ersetzen. Im Gegenteil glaube ich, dass ein vereinfachter Zugang und die Möglichkeit der intensiven Auseinandersetzung mit Videokunst on demand Lust auf ein Ausstellungserlebnis macht.

    Frau Stoschek, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Internationale Medienkunst: Sammlerin Julia Stoschek zieht ihre Kunst aus Berlin ab

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