Barnaba Fornasetti

„Es ist spannend, ein bereits verwendetes Dekor neu zu interpretieren, indem ich es von einem Objekt auf ein anderes übertrage.“

(Foto: Nicoló Lanfranch für Handelsblatt Magazin)

Italienische Künstlerfamilie Wie Barnaba Fornasetti das künstlerische Erbe seines genialen Vaters in die Welt trägt

Vor genau 30 Jahren starb das Mailänder Multitalent Piero Fornasetti. Die Früchte seiner künstlerischen Arbeit verwaltet mittlerweile sein Sohn.
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MailandSie verfolgen einen hier auf Schritt und Tritt. Sie blicken von Tischen, Stühlen, Leuchten und Schränken herüber. Selbst Aschenbecher und Vasen schauen den Besucher unentwegt an. Diese dunklen Augen. Es ist kein Starren, das einem Angst einflößt. Man fühlt sich eher freundlich begleitet als beobachtet.

Willkommen im einstigen Zuhause von Piero Fornasetti, dem Meister des Ornaments, dessen Werk jeder kennt, weil es omnipräsent geworden ist. Die Geschichte seiner Arbeit ist auch die Geschichte einer sanften und charmanten Inflation.

Der im Jahre 1988 verstorbene Mailänder Maler, Grafiker und Illustrator begnügte sich keineswegs damit, seine Motive nur auf Papier oder Leinwand zu verewigen. Er übertrug sie auf Möbel und Einrichtungsgegenstände – und dachte seine Motive von der Fläche in die dritte Dimension hinaus.

So wurde die Casa Fornasetti in Mailand Zeichenatelier, Werkstatt, Showroom, Wohnraum und Wunderkammer gleichermaßen – und hat ihren seltsam aus der Zeit gefallenen Charme bis heute beibehalten: ein begehbares Gesamtkunstwerk. „Fast alle Objekte haben eine starke kommunikative Energie. Ihre Dekore erzählen von Träumen, von der Kindheit, von einer anderen Zeit“, sagt Piero Fornasettis Sohn Barnaba.

Heute lebt er allein in dem zweigeschossigen Stadthaus, wacht über einen Nachlass von mehr als 13.000 Zeichnungen und Objekten und mehrt ihn zugleich. So wie sein Vater die Dimensionen seiner Kunst dauernd erweiterte, so trägt sein Sohn diese Kunst heute hinaus in die Welt. Man kann auch sagen: Er hat das Fornasetti-Merchandising in eine neue Dimension geschossen, wie es sonst wohl nur den beiden Engeln auf Raffaels „Sixtinischer Madonna“ widerfuhr.

Barnabas Vater war ein Besessener, der sich mit eiserner Disziplin sein eigenes Universum schuf. Sein bekanntestes Motiv ist das Gesicht der italienischen Operndiva Lina Cavalieri, das er allein in über 350 verschiedenen Dekoren verewigt hat. Durch Zufall ist Fornasetti 1952 auf ein Foto der Sängerin gestoßen, die einst als schönste Frau der Welt galt.

Casa Fornasetti – ein begehbares Kunstwerk
Traum-Fabrik
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Die Archive des 1988 verstorbenen Piero Fornasetti werden von seinem Sohn Barnaba verwaltet.

Ideen-Schmiede
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Seinen Schreibtisch in der Bibliothek hat Piero Fornasetti einst wie eine miniaturisierte Bühne angelegt.

Ess-Klasse
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Die Küche wird von unzähligen Schmetterlingen bevölkert, die Piero Fornasetti auf Möbel und Böden auftrug. Die Türen führen hinaus in den eigenen Garten.

Tanz-Boden
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Der Salon im Obergeschoss der Casa Fornasetti wird bei Festen zur Tanzfläche. Die Regale sind mit Tausenden Schallplatten und CDs gefüllt.

Traum-Raum
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Tapeten mit Wolkenmotiven überziehen die Wände im Schlafzimmer. Der Sekretär ist von Piero Fornasetti genutzt worden, um nächtliche Ideen sofort zu Papier zu bringen.

Dass sie zu diesem Zeitpunkt längst verstorben war, ließ Fornasetti nur noch freier und spielerischer ans Werk gehen: Er stellte die Cavalieri als griechische Statue dar, als Schmetterling, aber auch als Schlachtschiff oder mit Schnurrbart

Bizarr, sonderbar – und bequem

Auch Schmetterlinge, Eulen, Fische, verschiedenste Pflanzenarten oder Architekturelemente gehörten zu Fornasettis bevorzugten Themen, die er hundertfach variierte. „Die bizarren und sonderbaren Dinge haben ihm gefallen. Doch zugleich hat er einen ausgeprägten Sinn für den praktischen Gebrauch gehabt. Ein Stuhl musste immer bequem für ihn sein“, erklärt Barnaba Fornasetti.

Nachdem sein Vater am 9. Oktober 1988 verstorben war, übernahm er die Leitung dieses ganz besonderen Mailänder Kulturbetriebs. Und es ist wohl auch sein Verdienst, dass die Entwürfe nicht in Vergessenheit gerieten, sondern heute weit bekannter sind, als sie zu ihrer Entstehungszeit je waren.

Das Gesicht der italienischen Operndiva Lina Cavalieri verewigte der Mailänder Künstler in über 350 verschiedenen Dekoren. Quelle: Corbis via Getty Images
Piero Fornasetti

Das Gesicht der italienischen Operndiva Lina Cavalieri verewigte der Mailänder Künstler in über 350 verschiedenen Dekoren.

(Foto: Corbis via Getty Images)

Barnaba Fornasetti hat Lizenzen an Hersteller von Möbeln, Geschirr, Fliesen, Stoffen, Tapeten, Leuchten, Teppichen bis hin zu Krawatten vergeben. Bis heute sucht er nach neuen Anwendungsmöglichkeiten. „Es ist spannend, ein bereits verwendetes Dekor neu zu interpretieren, indem ich es von einem Objekt auf ein anderes übertrage“, sagt der stets farbenfroh gekleidete Unternehmer.

In einem Seitenflügel seines Hauses beschäftigt er ein gutes Dutzend Mitarbeiter, die sich um die Produktion und den Vertrieb kümmern sowie das umfangreiche Archiv nach Motiven durchforsten, die zu neuem Leben erweckt werden könnten. Jedes Jahr wächst das Portfolio um weitere Produkte an. „Wir denken allerdings nicht wie in der Mode in Kollektionen. Was wir im vergangenen Jahr gezeigt haben, bleibt weiterhin bestehen und wird um Neues ergänzt“, so der bestens in der Designszene vernetzte 68-Jährige.

Die Geschichte vom späten Ruhm

Wie umfangreich das Fornasetti-Universum längst geworden ist, zeigt das eigene Ladengeschäft an der Via Senato Ecke Corso Venezia im Mailänder Modequartier. Doch der Name Fornasetti, der früher allenfalls in Italien bekannt war, hat die internationale Bühne längst erobert.

Umso tragischer klingt die Geschichte vom späten Ruhm. Mit seinen fantasievollen und häufig ironisch aufgeladenen Entwürfen bewegte sich Piero Fornasetti zwischen allen Fronten. Für die Modernisten seiner Zeit waren seine Motive zu traditionell. Für die Traditionalisten waren sie zu modern. Unterstützung fand er dennoch von prominenter Seite.

„Alles muss heute immer rational, praktisch und funktional und sparsam sein. Wenn wir von so vielen Gedanken eine Auszeit brauchen, müssen wir zurück auf die alten Dinge schauen. Fornasetti bringt uns dazu, das Dekorative auf eine zeitgemäße Weise zu sehen und zu lesen“, schrieb Gio Ponti begeistert. Der berühmte Mailänder Architekt und Erbauer des Pirelli-Turms war in den Vierziger- und Fünfzigerjahren ein häufiger Besucher im Hause Fornasetti.

„Jeden Mittwoch kam er zum Mittagessen vorbei. An der Polytechnischen Universität, die gleich um die Ecke liegt, hatte er damals eine Professur. Beim Essen sind viele Ideen und gemeinsame Projekte entstanden“, erinnert sich Barnaba Fornasetti. Ponti übertrug seinem Vater zum Beispiel die Inneneinrichtung von Apartments und Villen sowie die Ausstattung der Erste-Klasse-Kabinen auf dem Transatlantikdampfer „Andrea Doria”, aber auch die Gestaltung der Säle im Kasino von San Remo.

Eskapistische Wirkung

Die eskapistische Wirkung, die Gio Ponti den Fornasetti-Entwürfen bescheinigte, hält bis heute an. Seine Werke entführen in eine andere Welt, an einen anderen Ort. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie heute umso mehr geschätzt werden. In einer zunehmend digitalen, rast- und atemlosen Gegenwart wächst nicht nur die Sehnsucht nach echten, handfesten Dingen, sondern ebenso nach Atmosphäre.

Ein einziger Fornasetti-Wandteller vermag die Wirkung eines ganzes Raums zu verändern und ihn mit narrativen Momenten aufzuladen. Der Alltag wird zur Bühne, auf der sich die Generation Instagram auf Anhieb zu Hause fühlt. Große Geschichte und kleine Familienhistörchen inklusive.

Er wurde 1950 in Mailand geboren. Wie sein Vater Piero hat er an der dortigen Accademia di Brera Kunst studiert. Im Anschluss arbeitete er mit dem Textildesigner Ken Scott zusammen und renovierte mehrere Häuser in der Toskana, bis er 1982 in den elterlichen Betrieb einstieg. Seit dem Tod seines Vaters leitet er das Familienunternehmen und belebt jedes Jahr weitere Entwürfe aus dem Archiv seines Vaters, in dem sich rund 13.000 Zeichnungen und Objekte finden. Quelle: Nicoló Lanfranch für Handelsblatt Magazin
Barnaba Fornasetti

Er wurde 1950 in Mailand geboren. Wie sein Vater Piero hat er an der dortigen Accademia di Brera Kunst studiert. Im Anschluss arbeitete er mit dem Textildesigner Ken Scott zusammen und renovierte mehrere Häuser in der Toskana, bis er 1982 in den elterlichen Betrieb einstieg. Seit dem Tod seines Vaters leitet er das Familienunternehmen und belebt jedes Jahr weitere Entwürfe aus dem Archiv seines Vaters, in dem sich rund 13.000 Zeichnungen und Objekte finden.

(Foto: Nicoló Lanfranch für Handelsblatt Magazin)

Mein Großvater hat Opernmusik gehört wie andere Leute heute Pop. Diese Leidenschaft hat er auch an meinen Vater weitergegeben, der allerdings eher klassische Musik und keine Oper gehört hat“, erklärt Barnaba Fornasetti. 2016 hat er an einer Neuproduktion der Mozart-Oper „Don Giovanni“ mitgearbeitet. Während der Modedesigner Romeo Gigli die Kreativdirektion übernahm und die Kostüme entwarf, stattete Barnaba das Bühnenbild und sämtliche Requisiten mit Motiven seines Vaters aus.

Musik spielt auch im Leben des Sohns eine wichtige Rolle. Obwohl Barnaba Fornasetti selbst schon im Rentenalter ist, hat er sich den Ruf eines fabelhaften DJs erarbeitet. Wenn er wie jedes Jahr zur Mailänder Möbelmesse eine große Party gibt, wandeln die Gäste nicht nur durch den romantisch verwilderten Garten und die Säle der Casa Fornasetti. Zur späteren Stunde bittet der Hausherr zum Tanz im oberen Salon und legt bis in die Morgenstunden seine Lieblingsplatten auf. Immer unter den Augen von Lina Cavalieri.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 am Kiosk erwerben.

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