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Jubiläum 100 Jahre Bauhaus: Hommage an die Kaderschmiede der Moderne

Unzählige Ausstellungen feiern das 100-jährige Jubiläum der Kunst- und Designschule Bauhaus. Die Berlinische Galerie setzt vor allem auf Anekdoten und intime Einblicke.
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Eines von nur acht Tee-Extraktkännchen von 1924. Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Foto: Gunter Lepkowski
Marianne Brandt

Eines von nur acht Tee-Extraktkännchen von 1924.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Foto: Gunter Lepkowski)

Berlin Hundert Jahre nach seiner Gründung wird das Bauhaus in ungezählten Ausstellungen, Vorträgen, Führungen, Reisen und einer Fernsehfolge zu Tode geritten. Es gibt wohl keine deutsche Kulturinstitution, die in einem Jubiläumsjahr so viel Publizität weckte. Dieser temporäre Overkill ist wahrscheinlich unvermeidlich, weil das Bauhaus die didaktische Kaderschmiede einer Moderne ist, an die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos anknüpfen ließ – eine Kunst- und Designschule, die weltweite Ausstrahlung hatte und deren Objekte noch heute unzählige Wohnzimmer der gehobenen Stände zieren.

Das Ideal einer Einheit der Künste unter dem Primat der Architektur wurde vorher nie so vielstimmig ausgelebt wie im Bauhaus, die noch im 19. Jahrhundert gültige Klassentrennung in Künstler und Handwerker so konsequent aufgehoben. Es war eine Bewegung, die verschiedenste Strömungen vereinigte, doch unter einer Prämisse, die der Gründer Walter Gropius unmissverständlich so formulierte: „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“

Nachwirken einer Treppe

In der Jubiläumsausstellung „original bauhaus“, die das Berliner Bauhaus Archiv in der Berlinischen Galerie ausrichtet, spielt jedoch die Architektur nicht die Hauptrolle. Sie ist neben einigen Dessauer Architekturmodellen vorwiegend kleinteilig in reklameträchtigen Fotopostkarten und einer Sammlung von Glasdiapositiven aus dem Besitz von Walter Gropius präsent.

Die Schau beginnt mit einer originalen Werkzeichnung und verschiedenen Nachschöpfungen von Oskar Schlemmers berühmtem Gemälde „Bauhaustreppe“ von 1932: ein Schlüsselwerk von zeitloser Wirkung. Kultischen Charakter hat auch die über einem Klubsessel von Marcel Breuer hängende Kopfmaske Schlemmers: eine Sitzgelegenheit, in der sich Besucher fotografieren lassen können, um die Pose einer bis heute geheimnisvollen Unbekannten nachzustellen, die mit diesen Attributen in einem Foto von 1926 erscheint.

Die Ausstellung zeigt, dass sich Dogma und spielerisch erarbeitete Form ergänzten. Die nach der Werklehre von Josef Albers entstandenen und nach Fotos reproduzierten Werkstoffstudien aus Papier und Metall, die strenges Formbewusstsein verraten, haben ihren sinnlichen, farbenfrohen Kontrapunkt in den Kostümen und Bewegungen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Breiten Raum nehmen die am Bauhaus in den Vorkursen dominierender „Meister“ erarbeiteten Modelle und Zeichnungen ein.

für einen Junggesellen von Josef Pohl in der Ausstellung
Rollender Kleiderschrank

für einen Junggesellen von Josef Pohl in der Ausstellung "Original Bauhaus".

(Foto: imago images / snapshot)

Es gibt viel Lesestoff. Die Geschichte der Bauhaus-Institutionen und ihrer Protagonisten wird an einer Großwand aufgerollt. In den 14 Abteilungen der Schau wird keine pauschale Würdigung betrieben, sondern es werden Geschichten erzählt, die intimere Einblicke in Ereignisse und Produktionsformen geben. Das ist vernünftig, weil die neuen Bauhaus-Museen in Weimar und Dessau den Stoff zur Genüge ausbreiten und das kalifornische Getty Center eine Ausstellung zu den frühen, nahezu vergessenen Bauhaus-Schülern zeigt.

Nur acht Exemplare von Marianne Brandts berühmtem, nie in Serie gegangenem Teeextraktkännchen gibt es. Sieben der Probierstücke in Messing, Bronze und Silber stehen hier in einer Vitrine und ziehen den Blick magisch an. Die zwei ausgestellten Silberexemplare gehören dem Britischen Museum und dem New Yorker Metropolitan Museum. Ein drittes, das 2007 bei Sotheby‘s in New York 361.000 Dollar erzielte, wanderte damals in ein ungenanntes amerikanisches Privatmuseum.

Streng und bedürfnislos

Die Kännchenparade ist eine der „Fallgeschichten“, die hier mit viel Sinn für Anekdote ausgebreitet werden. Eine andere Saga bezieht sich auf eine Ausstellung, die nie stattgefunden hat.1932 sollten 15 Fotomontagen und 32 Aquarelle der Berliner Dada-Künstlerin Hannah Höch in einer Einzelschau in Dessau gezeigt werden, die von den dort bereits regierenden Nationalsozialisten verboten wurde. Acht Werke und die Ausstellungsliste erinnern an diese gescheiterte Veranstaltung.

Der Rundgang gibt auch einen Einblick in die Keramikwerkstatt, die die Entwicklung von Bauhaus-Gefäßen für die industrielle Produktion in Guss-Technik betrieben hat. Eine andere Abteilung zeigt Videos mit Neuinterpretationen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Ein weiteres den kargen „Rollenden Kleiderschrank für einen Junggesellen“, den Josef Pohl 1930 entworfen hat und der in der Ausbauwerkstatt in Dessau in spartanischem Sperrholz entstand: ein Symbol strenger Modernität und höchster Bedürfnislosigkeit, wie sie die Meister selbst in ihren Wohnräumen pflegten.

Das Bauhaus als Marktfaktor

Eine solche Ausstellung, so punktuell sie sich auch auslebt, generiert immer auch einen Nebenblick auf den Markt authentischer Bauhaus-Objekte, womit wir nicht die Reeditionen meinen, wie sie etwa von Knoll, Thonet, Tecta oder Tecnolumen produziert werden.

Hochpreise wie die für das oben genannte Teekännchen werden in Spezialauktionen nur selten geboten. Das Bauhaus als Marktfaktor stand 1991 international im Blickpunkt, als bei Sotheby‘s Objekte der Düsseldorfer Händler-Sammlung Torsten Bröhan unter den Hammer kamen, allen voran Mies van der Rohes Freischwinger-Armlehnstuhl mit Tischchen für die Stuttgarter Werkbundausstellung 1927, der 93.500 Pfund (damals 272.000 DM) realisierte, aber die eigentlichen Stars dieser Auktion waren Silberobjekte des Wiener Jugendstils.

Schlemmers maßidentische Werkzeichnung für das Gemälde Bauhaustreppe, 1932; Carl (Casca) Schlemmers Gemälde
Oskar Schlemmers berühmte „Bauhaustreppe“ inspiriert die Künstler bis heute

Schlemmers maßidentische Werkzeichnung für das Gemälde Bauhaustreppe, 1932; Carl (Casca) Schlemmers Gemälde "Bauhaustreppe" von 1958; Delia Kellers Bild "Die Bauhaustreppe" von 2000 und Brian O’Learys "Study for Senta Clinic Mural" von 2015 (von links nach rechts).

(Foto: Foto: Catrin Schmitt)

Als 1996 bei Sotheby‘s ein weiterer Schub der Design-Sammlung Bröhan versteigert wurde, galten die 100.500 Pfund (damals 252.000 DM) als Sensation, die von einem Londoner Händler für eine Weinkanne in Alpakasilber von Christian Dell, dem Leiter der Metallwerkstatt, geboten wurden. Ein Jahr später erreichte eine frühe Version von Mies van der Rohes Barcelona-Sessel 122.500 Pfund (355.000 DM). Als 2005 die dritte Bröhan-Auktion bei Sotheby‘s ausgeboten wurde, waren Bauhaus-Objekte nur marginal vertreten. Der rührige Händler-Sammler verkaufte 2012, sichtlich enttäuscht über die magere Resonanz im Lande, seine vierte Kollektion zu einem zweistelligen Millionenpreis der Chinesischen Akademie in Hangzhou.

Auch weiterhin gab es einsame Rekordpreise. Extrem hoch kam im Dezember 2007 bei Phillips in New York ein Teeglas auf Porzellan mit Nickelgriff von Josef Albers, das 268.000 Dollar erzielte. Im Oktober 2017 organisierte Sotheby‘s eine kleine, aber feine Bauhaus-Auktion in London mit nur 34 Objekten, in der Marcel Breuers Lattenstuhl „Modell ti 1a“ auf 308.750 Pfund (367.000 Euro) stieg.

Im Schatten des Art Déco

Das sind Ausnahmenotierungen, die musealen Raritäten gelten. Für normale und immer noch erreichbare historische Stücke hat sich der Markt deutlich normalisiert. Das zeigen jüngere deutsche Auktionen. Von 10.000 bis 17.000 Pfund (24.000 bis 40.000 DM) rangierten Stahlrohrmöbel mit Korbgeflecht von Ludwig Mies van der Rohe bereits in Sotheby‘s Bauhaus-Auktion 1996.

Der Breuer-Lattenstuhl „ti 1a“, der im Juni 2019 in der Bauhaus-Auktion des Münchener Hauses Quittenbaum ausgeboten wurde, erreichte 40.000 Euro. Den Höchstpreis erzielte hier die zweite Version des Breuer‘schen Klappsessels „B4“ mit 54.000 Euro. Wieder einmal war es ein Silberobjekt, das in der umfangreichen Bauhaus-Auktion der Villa Grisebach im Juni 2019 den höchsten Preis erzielte: ein Tee- und Kaffeeservice, das 1927 von Naum Slutzky für einen Hamburger Architekten geschaffen wurde. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ließ sich dieses Kult-Ensemble 225.000 Euro kosten.

Bei all diesen Spitzenpreisen kann nicht übersehen werden, dass das Bauhaus, was seine internationale Marktposition betrifft, nach wie vor im Schatten des französischen Art Déco steht. Von den Millionenpreisen, wie sie Schlüsselwerke von Jacques-Emile Ruhlmann, Pierre Chareau oder die seit 1907 in Paris tätige Eileen Gray erreichen, sind die formstrengen Bauhaus-Produkte noch weit entfernt. Das schmälert ihre Bedeutung nicht. Sie sind eben keine Kinder des Überflusses, sondern Ausdruck einer Lebensform, die sich durch Funktionalität dem Luxus verweigert.

Mehr: Quergelesen. Lesen Sie hier, welche Bauhaus-Bücher mehr als einen Blick verdienen

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