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Junge Malerei in Deutschland Der Königsdisziplin den Puls gefühlt

Die Kunstmuseen von Bonn, Wiesbaden und Chemnitz sondieren das vielseitige Spektrum zeitgenössischer Malerei. Produktionsstandort ist Deutschland.
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Die Künstlerin arbeitet mit einem Fundus an Formen und Stilen, die an Gesehenes erinnern. Quelle: Kristina Schuldt/Eigen + Art
Kristina Schuldt „reverse“

Die Künstlerin arbeitet mit einem Fundus an Formen und Stilen, die an Gesehenes erinnern.

(Foto: Kristina Schuldt/Eigen + Art)

Bonn Malerei, die an den Grenzen des Bildes zu Ende ist: Etwas so Lapidarem, ja Selbstverständlichem ist schon länger keine größere Übersichtsschau mehr gewidmet worden. Jetzt haben es zeitgleich drei Museen in Deutschland gewagt und dabei den Fokus auf die in diesem Land arbeitende, jüngere Künstlergeneration der Ende Zwanzig bis Anfang Vierzigjährigen begrenzt.

„Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ heißt die Ausstellung, die in den Kunstmuseen von Bonn, Wiesbaden und Chemnitz gleichzeitig eröffnete und schon vor im Vorfeld die Kritiker auf den Plan rief. „Angstblüte oder erstes Auftrumpfen der Jungmeister im 21. Jahrhundert?“ provozierte der Kritiker Carl Friedrich Schröer auf seiner Sendeplattform „eiskellerberg.tv“. Er hält es für eine „Anmaßung“, die immer wieder totgesagte und neu beatmete Malerei in „all ihren Erscheinungsformen“ vorstellen zu wollen.

Bilder, nicht älter als drei Jahre

Rund 500 Werke werden insgesamt gezeigt, an jedem Ort mindestens drei von jedem Künstler, die meisten Bilder nicht älter als drei Jahre. In Bonn, wo 177 Arbeiten zusammenkommen, musste dafür sogar fast die gesamte Sammlung ausgeräumt werden.

Dass eine Ausstellung über das klassische „Tafelbild“, das regelmäßig auch als kommerziell korrumpierte „Flachware“ diskreditiert wird, verteidigt werden muss, mag nicht jedem einleuchten. Denn sowohl in Museen als auch in Galerien und auf Kunstmessen macht die Malerei ihrem Beinamen „Königsdisziplin“ alle Ehre.

Nach wie vor gilt das klassische Format „Ölgemälde“ als der wichtigste Bereich des Kunstmarkts. Neun von zehn Sammlern erwerben Gemälde. Als hätte es den Ausstieg aus dem Bild nie gegeben. Als hätten die Grenzüberschreitungen der Avantgarde nicht jahrzehntelang den Kunstdiskurs bestimmt.

Nur vorübergehend im Hintertreffen

Und so war es kein Zufall, dass eine der ersten Ausstellungen, die dem vorübergehend ins Hintertreffen geratenen Medium Mitte der Neunzigerjahre den Puls fühlten, „Das Abenteuer der Malerei“ betitelt wurde. Seither ist knapp ein Vierteljahrhundert vergangen.

Zeit für erneute Bestandsaufnahmen. Basel beleuchtete 2002 mit „Painting on the move“ das zeitgenössische Schaffen vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts; der Frankfurter Kunstverein legte 2003 in „deutschemalerei zweitausenddrei“ den Querschnitt durch ein einziges Jahr.

Trifft mit seinem Zynismus den Zeitgeist. Quelle: Sebastian Gögel/Laden für Nichts/Foto: Christiane Fricke
Sebastian Gögel „Leumund“

Trifft mit seinem Zynismus den Zeitgeist.

(Foto: Sebastian Gögel/Laden für Nichts/Foto: Christiane Fricke)

Eine Ausstellung, die sich auf die Generation jener Künstler konzentriert, die fast ausnahmslos noch nicht lange der Akademie entwachsen sind, hat es noch nicht gegeben. „Wir folgen keiner vorgefassten Theorie, wir gucken in die Breite“, beschrieb Stefan Berg, Leiter des Kunstmuseums Bonn, die Art und Weise, wie die Kuratoren der drei Museen an das Projekt herangingen.

Wer sich für einen Besuch zumindest einer Station genügend Zeit nimmt, erkennt, dass es am Produktionsstandort Deutschland ein reiches Biotop malerischer Ansätze gibt. Auffällig ist die Dominanz der abstrakten Malerei.

Eine figurengesättigte Bildwelt, wie sie sich bei Neo Rauch und seinen Jüngern aus der nicht abgerissenen Maltradition Ostdeutschlands entwickelte, ist seltener anzutreffen. Sie begegnet dem Betrachter nur vereinzelt, etwa in den von verrückten Gestalten bevölkerten Bildwelten eines Moritz Schleime. Schade nur, dass sie allzu sehr an die Arbeiten des viel älteren Daniel Richter erinnern. Für Déjà-vu-Erlebnisse sorgt auch Simon Modersohn, ein Urenkel Otto Modersohns und jüngster Künstler der Schau.

Die Tradition im Nacken

Es entsteht der Eindruck, dass den jungen Malern die gewaltige Tradition des Mediums zwar im Nacken sitzt, sie sich diese jedoch unbekümmert aneignen und zugleich durchdacht weiterverarbeiten. Kristina Schuldt komponiert auf der Leinwand gleich ein ganzes Bündel von Formen und Kunststilen, die sie unterschiedlichsten Quellen, auch der Onlineplattform Instagram, entnimmt. Erkennbar bezieht sich etwa Hannes Michanek in seinen apokalyptischen Landschaften auf die Rückenfigur der Romantik.

Sebastian Gögel gelingt mit seinem Doppelporträt zweier gepanzert wirkender Gestalten ein packender Rückgriff auf die futuristischen Maschinenmenschen eines George Grosz oder Otto Dix. Dagegen praktiziert der in Cottbus lebende David Lehmann einen kruden Realismus bis hin zur Auflösung malerischer Formen. Auf seinem 5,40 Meter langen „Halbzeit“-Triptychon kombiniert er die Lust am Umgang mit Farbe und Formen mit politischen und malereigeschichtlichen Anspielungen, etwa auf die Jungen Wilden der 1980-Jahre.

Mit Werken von Alicia Viebrock (li.) und Max Frintrop. Quelle: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert
Blick in die Ausstellung im Kunstmuseum Wiesbaden

Mit Werken von Alicia Viebrock (li.) und Max Frintrop.

(Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Erkunden, was mit malerischen Mitteln auf der Bildfläche passiert, wo eine Haltung deutlich wird – das ist den Organisatoren der Ausstellung weitgehend gelungen. In Bonn setzen skripturale Bilder gleich in den ersten Räumen markante Akzente. Die Kuratoren mussten eine Auswahl treffen. Denn es zeigte sich, dass das Spiel mit der Schrift sehr viele Künstler interessiert.

Mit selbst gebauten Pinseln und dünn gelösten Tusche- und Acrylfarben bringt Max Frintrop riesige, buchstabenähnliche Abbreviaturen auf große Formate. Peppi Bottrop dagegen bedeckt die ungrundierte Leinwand mit einem mehr oder weniger verdichteten Zeichengeflecht, aufgetragen mit Kohle, Grafit und einem pastosen Kupferpigment.

Technoide Bildwelten

Eine eigene Kategorie bilden die riesigen Formate von Moritz Neuhoff. Ähnlich wie Frintrop arbeitet er mit selbst gebautem Werkzeug. Das Ergebnis sieht einmal aus wie mit pastoser Farbe vermalte riesige Pinselstriche, ein anderes Mal wie ein Dripping-Gemälde in der Tradition eines Jackson Pollock. Was von Nahem flach erscheint wie ein Druck, ist in Wirklichkeit auf feinste Weise gemalt.

Etwas Technoides haftet auch den aus unzähligen Schichtungen aufgebauten Bildern von Benedikt Leonhardt an, die im selben Raum hängen. Nur das stehen gebliebene Weiß, mit dem die Kanten abgeklebt wurden, verrät, dass sie menschengemacht sind.

Die Suche nach dem Hund

An einer Stelle verlässt die Ausstellung ihre selbst gewählte Beschränkung auf das Tafelbild: nämlich dort, wo Alexander Pröbster die verzweifelte Suche nach seinem entlaufenen Hund Bild werden ließ. Da gibt es die große, schwarz grundierte Leinwand, auf der der Künstler mit winziger Schreibschrift die über 500 Rückmeldungen seiner Vermisstenanzeige transkribierte. Daneben aber liegen die fotografischen Abzüge mit den Bildern der im Wald platzierten Infrarotkameras. Zum Mitnehmen.

Die Ausstellung ist spannend, weil sie das Verwandte nicht allzu streng sortiert. Durchgesetzte Positionen wie etwa die Arbeiten von Alicia Viebrock oder Franziska Holstein halten sich sehr in Grenzen. So kann Malerei wieder zum Abenteuer werden.

Mehr: Neuer Blick auf die Künstler der DDR: Lesen Sie hier, wie der Düsseldorfer Kunstpalast mit Vorurteilen aufräumt.

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