Justizkrimi am Kunstmarkt Kunsthändler Yves Bouvier über „Monacogate“: „Ich sollte die Richter beeinflussen“

Seit Jahren kämpft der Kunsthändler Yves Bouvier gegen Klagen seines Ex-Kunden Dmitri Rybolowlew. Im Interview erläutert der Schweizer, wie es dazu kam.
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„Er geht wahrscheinlich davon aus, dass man die meisten Leute, auch die Presse, kaufen kann.“ Quelle: Jerome CHATIN/EXPANSION-REA/laif
Kunsthändler Yves Bouvier

„Er geht wahrscheinlich davon aus, dass man die meisten Leute, auch die Presse, kaufen kann.“

(Foto: Jerome CHATIN/EXPANSION-REA/laif)

ParisDie Klagen erregen seit 2015 großes Aufsehen in der Kunstwelt. Der russische Milliardär Dmitri Rybolowlew beschuldigt seinen Kunstlieferanten Yves Bouvier des Betrugs. Jetzt malt der Schweizer Kunsthändler ein ganz anderes Bild der Geschehnisse.

Schon wenn man den nur in einer Handvoll Exemplare existierenden Katalog der Sammlung durchblättert, staunt man: Alle großen Namen der Malerei des 20. Jahrhunderts sind präsent. Von Gauguin über Picasso bis Rothko. Dazu noch El Greco und Leonardo da Vinci. Eine Kollektion, die viele Sammler gerne hätten. Yves Bouvier stellte von 2003 bis 2014 für den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew Highlights der Kunstgeschichte für mehr als zwei Milliarden Schweizer Franken zusammen.

Aber im Jahr 2008 lief es weder privat noch geschäftlich gut für den damals 42-Jährigen. Seine Frau Elena Rybolowlewa reichte in der Schweiz die Scheidung ein. Im Ural begannen die Untersuchungen wegen der von seinen Kali-Minen verursachten Umweltkatastrophe.

Trotzdem brachte deren Verkauf dem Russen ein Milliardenvermögen ein. Deswegen wurde er vom Genfer Gericht in erster Instanz im Jahr 2014 zur Zahlung von mehr als vier Milliarden Franken an seine Exfrau verurteilt. Das Ehepaar Rybolowlew einigte sich 2015 außergerichtlich.

Für Rybolowlew war Bouvier lange ein Vertrauter, doch aus dem Freund wurde ein Feind. Der Russe meint, dass der Schweizer zu hohe Margen bei den Kunstverkäufen kassierte. Im Februar 2015 stellte er Bouvier eine Falle: Er lockte ihn nach Monaco in sein Penthouse, wo ihn die Polizei festnahm. 72 Stunden vernahmen die Sicherheitskräfte des Fürsten den Schweizer. Er kam erst frei, als er eine Kaution von zehn Millionen Euro versprach.

Rybolowlew klagte zudem in verschiedenen Metropolen der Welt, denn er ist davon überzeugt, er habe Bouvier für Kunst und Möbel eine Milliarde Dollar zu viel bezahlt. Der Russe prozessiert auch gegen Sotheby’s in New York wegen angeblicher illegaler Absprachen mit Bouvier.

Vom Freund zum Feind Bouviers gewandelt. Quelle: ullstein bild
Dmitri Rybolowlew

Vom Freund zum Feind Bouviers gewandelt.

(Foto: ullstein bild)

Aber vor einem Jahr wendete sich das Blatt. Die juristischen und medialen Auseinandersetzungen der Kontrahenten offenbarte das sogenannte „Monacogate“. Philippe Narmino, der Justizminister des Steuerparadieses am Mittelmeer, bat um die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand.

Denn Schweizer und französische Medien hatten ausführlich über die freundschaftlichen Kontakte berichtet, die vermutlich zwischen Teilen der Polizei und Justiz des Fürstentums und der Anwältin des russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew existierten: Einladungen zum Essen, ins Skiparadies oder ins Fußballstadion, die angeblich im Namen des Hauptaktionärs des Fußballklubs AS Monaco spendiert wurden.

In der Folge kam es sogar zur Anklage des damaligen Generalstaatsanwalts, der das Verfahren gegen Bouvier einleitete. Nun sitzen Rybolowlew, seine Anwältin sowie die Frau und der Sohn des zurückgetretenen monegassischen Justizministers in Monaco selbst auf der Anklagebank. Das Handelsblatt bat Yves Bouvier um seine Version. Rybolowlew und seine Ex-Frau lehnten wiederholt Interviewanfragen ab.

Herr Bouvier, Sie haben der Genfer Justiz im Jahr 2015 erzählt, dass Ihr Kunde Dmitri Rybolowlew Sie dazu zwingen wollte, die Genfer Richter zu beeinflussen. Was ist da passiert?
Im August 2014 lud mich Dmitri Rybolowlew nach Saint-Tropez ein, wo – wie oft – auch seine Anwältin Tetiana Bersheda präsent war. Er beklagte sich, seine Scheidung belastete ihn ziemlich. Verständlich, denn er wurde in Genf in erster Instanz zur Zahlung von vier Milliarden Franken verurteilt. Er bat mich, ihm zu helfen, das heißt, Mittel und Wege zu finden, um die juristische Waage zu seinen Gunsten auszubalancieren. Ich sollte versuchen, die Richter des Berufungsgerichts zu beeinflussen.

Als schweizerischer Geschäftsmann und Kunsthändler verfügen Sie über Beziehungen. Was passierte nach diesem Gespräch?
Ich hoffte, Dmitri Rybolowlew und seine Anwältin nicht ernst nehmen zu müssen. Aber er kommt aus dem Ural. Seiner Mentalität entsprechend geht er wahrscheinlich davon aus, dass man die meisten Leute, auch die Presse, kaufen kann. Dementsprechend kam Frau Bersheda im Herbst 2014 auf das Gespräch zurück und ließ mir per Boten ein versiegeltes Kuvert überbringen. Das Kuvert enthielt eine Liste mit Namen – ich begriff erst später, dass es sich um die Richter des Genfer Gerichtshofs handelte – außerdem die genauen Aktenzeichen, die nur den Betroffenen bekannt sind.

„Ihr Wert liegt bei rund 200 Millionen Euro.“ Quelle: VG - Bildkunst
Pablo Picasso „Hochzeit der Pierrette“

„Ihr Wert liegt bei rund 200 Millionen Euro.“

(Foto: VG - Bildkunst)

War es wirklich klar, was man von Ihnen verlangte?
Ein versiegeltes Kuvert, per Boten übermittelt!

Was haben Sie getan?
Zuerst unternahm ich gar nichts. Aber am 22. November, dem Geburtstag von Herrn Rybolowlew, lud er mich nach Monaco ein, und die Anwältin wurde deutlicher. Man gab mir zu verstehen, dass der Restbetrag für das letzte verkaufte Bild, das heißt Mark Rothko, „Nr. 6 Violett, Grün und Rot“, nicht bezahlt wird und dass ich den Auftrag für den „Boss“ erledigen muss.

Laut Herrn Rybolowlew sollten Sie im Jahr 2014 mehrere Kunstwerke verkaufen. Dies sei Ihnen aber nicht gelungen.
Um den Rothko zu bezahlen, sollte ich im September 2014 eine Skulptur von Amedeo Modigliani, „Kopf“, für 60 Millionen Dollar zurücknehmen. Ich übernahm sie zu diesem Preis, obwohl ich Herrn Rybolowlew beim Ankauf einen Nachlass gab und er effektiv nur 45 Millionen Dollar bezahlt hatte.

Wie ging es weiter?
Im Oktober 2014 wollte er, dass ich weitere Werke verkaufe, weil er Geld bräuchte. Wir sind die ganze Liste der Sammlung durchgegangen. Ich habe ihm erklärt: Dieses Bild ist für eine Auktion in London oder New York, jenes eher für einen Privatverkauf. Ich erklärte ihm, wie man vorgeht, um nicht zu zeigen, dass man verkaufen möchte. Aber das geht nicht von heute auf morgen! Zum Beispiel: Angeblich interessierte sich Katar für das Bild von Gustav Klimt, „Wasserschlangen II“. Man hätte es für 300 Millionen nach Katar verkaufen können. Er gab es für 180 Millionen ab.

Wer hat es gekauft?
Angeblich ein Asiate. Rybolowlew verlangte von mir, mehrere Bilder rasch zu verkaufen, was unmöglich war. Ein Kunstwerk hat nur dann eine Verkaufskapazität, wenn es einen potenziellen Käufer gibt. Wenn Sie ankommen und losposaunen: Ich habe das oder jenes zu verkaufen, sind Sie tot.

Einen solchen „Kopf“ hatte auch Rybolowlew besessen. Quelle: Sotheby’s 2014
Amedeo Modigliani

Einen solchen „Kopf“ hatte auch Rybolowlew besessen.

(Foto: Sotheby’s 2014)

Sie können also weder die Gemälde verkaufen, noch wollen Sie Ihrem Kunden angeblich einen strafbaren Dienst erweisen. Wie reagierte er?
Beinhart. Wie Sie wissen, bin ich im Februar 2015 in eine juristische Falle geraten. Untersuchungshaft, monatelange Untersuchungen. Dann die Entdeckungen der freundschaftlichen Beziehungen zu einem Teil der damaligen Justiz und der Polizei durch Leute aus dem Umkreis von Rybolowlew. Als Konsequenz die Demission des monegassischen Justizministers Philippe Narmino. Die Anklage des ehemaligen Generalstaatsanwalts Jean-Pierre Dréno, der die Untersuchung gegen mich einleitete. Der Abgang des Untersuchungsrichters, der mich anklagte …

Alles als „Monacogate“ bekannt. Wann tauchte die Geschichte mit dem Kuvert wieder auf?
Im Rahmen der Scheidungsaffäre des Ehepaars Rybolowlew wurde ich 2015 als Zeuge vom Büro des Genfer Generalstaatsanwalts vernommen. Ich erzählte dem Staatsanwalt Olivier Jornot die Episode mit dem Kuvert. Im Hinblick auf die schwerwiegenden Fakten setzte dieser sofort einen seiner Staatsanwälte darauf an und begann eine Untersuchung. Die Sache wurde sehr ernst genommen.

Im September dieses Jahres wurde die dreijährige Untersuchung eingestellt, das heißt die Integrität der Genfer Justiz bestätigt, aber Ihre Denunziation als berechtigt befunden. Die Akte ist inzwischen abgelegt, da es zu keiner strafbaren Handlung kam.
Vorläufig ist es so.

Ganz etwas anderes: Sie haben dem Ehepaar Rybolowlew 2007, also vor dem Scheidungsantrag, Möbel für 25 Millionen Euro verkauft. Ich habe den Vertreter von Herrn Rybolowlew mehrfach gefragt, ohne jemals eine Antwort zu erhalten: Um welche Art Mobiliar handelte es sich?
Damals wollte er ein Haus in Genf bauen – eine Art Kleines Trianon wie in Versailles. Der Architekt und ich stellten ein rund hundertseitiges Buch zusammen. Wir dachten an Möbel des 18. Jahrhunderts mit königlicher Provenienz, also prunkvolle Kommoden und Ähnliches.

Wo sind die Möbel?
Keine Ahnung.

Sie haben ihm doch auch einen Picasso der gesuchten blauen Periode, „Die Hochzeit der Pierrette“, verkauft. Es hängt nicht in der aktuellen Ausstellung im Musée d’Orsay. Die Kuratorin sagte mir, Herr Rybolowlew hätte das Gemälde veräußert. Wissen Sie das?
Gerüchten zufolge – aber die sind mit Vorsicht zu behandeln – soll er das Bild verkauft haben. Aber ich weiß es echt nicht. Meiner Meinung nach liegt der Wert der „Hochzeit der Pierrette“ bei rund 200 Millionen Euro. Alle Personen, die Picasso damals malte, befinden sich auf dem Bild. Ich habe es ihm für 44 Millionen Dollar verkauft.

Welche Bilder zählten noch zu den absoluten Meisterwerken der Sammlung Rybolowlew?
Neben der „Hochzeit der Pierrette“ waren das Klimts „Wasserschlangen II“ und Rothkos „Nr. 6, Violett, Grün und Rot“. Und vor allem der „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci, derzeit das teuerste Bild der Welt. Dmitri Rybolowlew – und vielleicht auch ich selbst – können uns glücklich preisen, dieses Gemälde zum Preis von 450.300.000 US-Dollar verkauft zu haben. Ich persönlich verspüre keinen Neid, wenn meine Geschäftspartner Geld verdienen. Ich gratuliere ihm, einen Mehrwert von etwa 325.000.000 Dollar mit einem einzigen Verkauf erzielt zu haben.

Herr Bouvier, ich bedanke mich für das Interview.

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