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Kapitalismus Mannheim zeigt, wie die wirtschaftliche Lage die Kunst beeinflusst

Was fällt zeitgenössischen Künstlern zu den Themen Globalisierung, Arbeitswelt und Finanzkrise ein? Ein Rundgang durch die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim.
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In dem Video der Mixed-Media-Videoinstallation (2004) ironisiert die argentinische Künstlerin die schweißtreibende Arbeit für Geld im Zeitalter der Digitalisierung. Quelle: Andrea Rosen Gallery, New York; Julia Stoschek Collection
Mika Rottenberg „Tropical Breeze“

In dem Video der Mixed-Media-Videoinstallation (2004) ironisiert die argentinische Künstlerin die schweißtreibende Arbeit für Geld im Zeitalter der Digitalisierung.

(Foto: Andrea Rosen Gallery, New York; Julia Stoschek Collection)

MannheimNicht abreißender Andrang beweist, dass die Kunsthalle Mannheim mit dem Thema Kapitalismus richtig liegt. Über 50.000 Besucher nahmen bereits die von Direktorin Ulrike Lorenz gemeinsam mit Eckhardt Gillen und Sebastian Baden erarbeitete Sonderausstellung in den Blick. Auf zwei Etagen zeigt sie, wie die wirtschaftliche Lage Stil und Themen der Künstler beeinflusst.

Teil eins der Ausstellung „Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie“ blickt erstmals auf das Phänomen des heimatverbundenen Realismus. Der hat sich in den 1920er- und 1930er-Jahren gleichzeitig zur deutschen Neuen Sachlichkeit, auch den USA und in der Sowjetunion ausgebildet – trotz entgegengesetzter Wirtschaftssysteme (s. HB vom 4.10.2018).

Mitdenken per App erwünscht

Teil zwei löst sich von der territorialen Bindung. Hier kommen zeitgenössische Künstler zu Wort, die sich zwischen 2008 und 2018 mit Themen wie Arbeitswelt, Globalisierung, Finanzkrise und Protest beschäftigt haben. Der anspruchsvolle Parcours im ersten Stock des Neubaus erfordert informationsbegierige Betrachter, die sich in das jeweilige Konzept eindenken — per Führung, App oder Katalog. Denn nicht alle Arbeiten erschließen sich so humorvoll und schnell wie Mika Rottenbergs ironiesatte Mixed Media-Installation „Tropical Breeze“.

Arbeit für Geld stellt die Argentinierin in einem Laster so schweißtreibend wie skurril dar. Denn die schwarze Fahrerin befördert ihre feuchten Kosmetiktücher via vorsintflutlichem Seilzug in den Laderaum. Dort werden sie wieder gefaltet und neu verpackt als wären sie frisch. Rottenberg stellt das sinnbildliche Setting bewusst der Entmaterialisierung der digitalen Welt gegenüber.

Um die Mengenverhältnisse nationaler Goldreserven geht es Alicia Kwade. In Zusammenarbeit mit dem Goldschmiedeatelier Georg Hornemann hat sie „GoldVolks“ geschaffen. Dutzende von Ketten mit würfelförmigen Anhängern sind in einem Kasten streng in proportionaler Größe je nach recherchiertem Wohlstand aufgehängt. Einsamer Spitzenreiter: die USA.

Der Traum vom schnellen Geld durch Blockchain Mining erinnert an ein Brettspiel. Quelle: Simon Denny, Hanstein Collection, Brüssel, Galerie Buchholz
Simon Denny „Disobedient (Reasons For Imprisonment)“

Der Traum vom schnellen Geld durch Blockchain Mining erinnert an ein Brettspiel.

(Foto: Simon Denny, Hanstein Collection, Brüssel, Galerie Buchholz)

Institutionenkritik tragen Thierry Geoffroy und die in Performances auftretende Aktivistengruppe „Volume V“ um Georg Winter vor. Goeffroy bemängelt, dass Großausstellungen elitär sind und vom Geld regiert werden. Er klinkt sich wie ein Partisan in die Documenta ein mit Minizelten, auf denen u.a. steht: „Die Krise mit Mitteln der Ästhetik anzusprechen, löst sie nicht.“ Wohl wahr.

Die 50 Künstler und Kollektive von „Volume V“ bringen aus Völklingen die Erfahrung mit, wie postindustrielle Orte das Leben bereichern können. Sie malen keine Bilder und verstehen Plastik eher wie Joseph Beuys im Sinn der sozialen Plastik, also als Interaktion von Menschen. Sie involvieren Mannheimer, die nicht ins Museum gehen, mit Fragen nach deren Lebensbedingungen und entwickeln gemeinsam daraus Projekte.

Choreographie im öffentlichen Raum

So trägt etwa die Gruppe „Fence Dance International“ einfache Choreographien in den öffentlichen Raum hinaus. Mit nichts als Besen und Absperrbändern vermittelt sie Passanten spielerisch das Gefühl von Inklusion und Exklusion. Eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen wird dabei buchstäblich körperlich erfahrbar.

Den jüngsten Traum vom schnellen Reichtum durch Blockchain Mining hält Simon Denny in bunten Reliefs fest, die an Brettspiele erinnern. So verspielt Dennys Zeitanalyse anmutet, so sachlich-neutral und nur über Schriftplakate kommt „Disobedient (Reasons For Imprisonment)“ daher.

Sanja Ivekovic gelangte durch Überlegungen zu Wirtschaft und Wohlstand zum Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Bürokratisch wie ihre Quelle, das Gedenkstättenarchiv des KZ Breitenau, listet die Kroatin auf Postern Haftgründe der Zwangsarbeiter auf: „Weil sie sich beschwert hat, dass körperlich nicht in der Lage ist, Schwerstarbeit zu verrichten“. „Weil sie ihre Vergangenheit als Prostituierte verborgen hat.“ Und weitere an den Haaren herbeigezogene Scheingründe folgen.

Ein paar Räume weiter begegnet der Museumsbesucher dem Sisyphos-Mythos wieder, den er schon in Rottenbergs „Tropical Breeze“ als Startpunkt allen Schweißes und aller Bemühung ausgemacht hatte. Doch der nur vermeintlichen Vergeblichkeit stellt Charles Lim Yi Yong auch Schönheit und Erhabenheit zur Seite.

So mühsam es auch sein mag, Land mit Tonnen von Sand aufzuschütten, Singapur ist seit 1965 um 135 Quadratkilometer – und gigantische Steuereinnahmen — gewachsen. Das erfährt der Zuschauer in Yongs Video-Installation „Sea State No 6“, die die Landgewinnung in teils ästhetisch berückenden Perspektiven und Bildern umkreist.

„Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie“, Kunsthalle Mannheim, bis 3. Februar. Katalog, 2 Bde., Kerber Verlag, 98 Euro; im Museum 55 Euro

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