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Kölns Kunstmesse Die radikale Schlankheitskur tut der Art Cologne gut

An der Art Cologne wird 52 Jahre nach Gründung noch immer weiter gefeilt. Die Besucher erwartet Kunst auf hohem Niveau und in allen Preislagen.
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Der Grafikdesigner war Art Director des japanischen „Playboy“-Magazins und einflussreicher Pop-Art-Künstler. Sein Bild entstand 1969. Quelle: Gebr. Lehmann
Keiichi Tanaami

Der Grafikdesigner war Art Director des japanischen „Playboy“-Magazins und einflussreicher Pop-Art-Künstler. Sein Bild entstand 1969.

(Foto: Gebr. Lehmann)

KölnEs ist seit Jahren ein Fest, wenn die Art Cologne mittags um Zwölf für die geladenen Sammler öffnet. Ein kompetentes, sorgfältig gekleidetes Publikum bevölkert die von außen schnöde Messehalle 11 in Köln-Deutz, streift neugierig durch eine gut sortierte Schatzkammer für die moderne und zeitgenössische Kunst und wird von erwartungsfroh gestimmten Galeristen empfangen (bis 14.4.).

Erstaunlich, dass das auch bei „alten Hasen“ wie Vertes immer wieder von neuem funktioniert. Sieben Messen jährlich absolviert der auf Moderne und Nachkriegskunst spezialisierte Händler aus Zürich, davon fünf im Ausland. Sie ersetzen ihm die Dependancen.

„Köln ist nach wie vor der kulturelle Hotspot Deutschlands“, ist Vertes überzeugt, und die vor 52 Jahren gegründete Messe „ein Kulturträger“, den insbesondere auch die Sammler der Benelux-Länder frequentieren. „Wahnsinnig viele Holländer“ sichtete der Händler, der vor mehr als einem halben Jahrhundert zum ersten Mal in Köln sein Angebot präsentierte.

Konzentration statt Overkill

Niemand braucht den Overkill zu befürchten. Messechef Daniel Hug hat die Zahl der Aussteller radikal reduziert, von 210 im letzten Jahr auf jetzt 176. Eine komplette Etage fiel weg, nämlich die durchaus bunt gemischte „Spielwiese“ in Halle 11.3, wo vorwiegend junge Galeristen ihr Glück versuchten.

Die strenge Auslese tut dem Ganzen gut. Auf der Ebene 11.2 findet der Besucher ausschließlich zeitgenössische Kunst, einschließlich der geförderten 13 jungen Galerien sowie fast alle Teilnehmer des „New Positions“-Programms, das Galerien ermöglicht, junge Künstler aus ihrem Portfolio vorzustellen. Unten in Halle 11.1 gruppiert sich um den Schwerpunkt mit Klassischer Moderne und Nachkriegskunst eine ganze Reihe von Ständen mit Werken der letzten 50 Jahre.

Mit dieser Closed-Circuit Videoinstallation (Detail) karikierte Julia Scher 1991 humorvoll den Überwachungsstaat. Quelle: Foto: Roman März für Esther Schipper
Julia Scher

Mit dieser Closed-Circuit Videoinstallation (Detail) karikierte Julia Scher 1991 humorvoll den Überwachungsstaat.

(Foto: Foto: Roman März für Esther Schipper)

Anders als im letzten Jahr knubbeln sich die Großen nicht an bevorzugtem Platz. Es ist überall gut, sicher auch dank der großzügigen, offenen Ausstellungsarchitektur. Und die Vielfalt des Gebotenen ist erstaunlich. Von der Edition (mit sechs spezialisierten Anbietern) über die klassischen Kunstgattungen bis hin zu Fotografie und sogar Medienkunst mit Virtual Reality ist alles vertreten; bezeichnenderweise aber kein Künstler der auf internationalen Auktionen höchstbezahlten unter 45-Jährigen. Das zeigt im Umkehrschluss, wie deutlich sich Angebot, Nachfrage und Preisniveau der Marktteilnehmer unterscheiden. Zum Glück!

So ist auf Deutschlands ältester Kunstmesse großartige Kunst zu finden, die nicht in wer weiß wie vielen Sammlungen schon vertreten ist und preislich noch nicht weggaloppiert ist. Drei Beispiele aus der Moderne, der Nachkriegs- und der zeitgenössischen Kunst sollen das illustrieren: In der Klassischen Moderne unten in Halle 11.1 ist der Stand von Derda Berlin eine Fundgrube.

Hier gruppiert sich in feinsinnigen Bezügen ein Bauhauslastiges Angebot aus seltenen Fotografien und Papierarbeiten mit Arbeiten anderer Avantgarden. Die Preise liegen in vier- bis niedrigen fünfstelligen Größenordnungen. Noch moderat bewertet mit Beträgen zwischen 50.000 und 170.000 Euro sind die überwiegend in der Nachkriegszeit entstandenen Bilder von Fritz Winter auf dem Stand von Utermann.

In Halle 11.2 hängt bei Eigen + Art eine ganze Wand voll mit kleinformatigen Collagen, seriellen Lineaturen und Schichtungen, meist aus oder auf Papier. Sie wurden 1984 für eine Ausstellung nach Malmö geschmuggelt und fanden erst vor zwei Jahren zurück nach Deutschland. Schöpfer ist Karlheinz Adler aus der ehemaligen DDR, der Erfinder serieller Betonsysteme, etwa für Fassaden. Die kleinsten Arbeiten kosten 8.000 Euro, die „Legearbeiten“ der späten 1950er-, frühen 1960er-Jahre um 28.000 Euro und für sehr Seltenes aus den Sechzigern sind um 40.000 Euro zu berappen.

Im Bereich der jüngsten zeitgenössischen Kunst sind Tobias Hoffknechts radikal reduzierte weiße Alu-Skulpturen eine erschwingliche Entdeckung. Es sind alles Einzelstücke, entwickelt aus der Formreduktion alltäglicher Gegenstände. Den Düsseldorfer, der bei Trockel studierte, hat Crone auf seinem New Positions-Stand zu Preisen zwischen 3.800 und 11.500 Euro.

Kunst mit Virtual Reality-Brille

Eine Herausforderung ist die Französin Fiona Valentine Thomann bei Priska Pasquer. Die Augen genügen nicht mehr, um ihre Collagen zu virtuellem Leben zu erwecken. Es braucht ein Handy, eine App und eine Virtual Reality-Brille. Kostenpunkt: 8.000 Euro. Wie einfach ist dagegen doch die Closed-Circuit Videoinstallation, mit der Julia Scher 1991 humorvoll den Überwachungsstaat karikierte. Ein „Collaborations“-Stand von Esther Schipper in Zusammenarbeit mit der Kölner Galerie DREI.

In Köln verkauft sich das meiste gut in vier-, fünf- bis maximal mittleren sechsstelligen Größenordnungen. Millionenpreise sind entsprechend selten im Angebot. Die Spitze markieren die Klassiker der Moderne, mit Kirchner für 3,9 Millionen Euro und August Macke für 1,1 Millionen Euro bei Henze & Ketterer. 1,3 Millionen Euro verlangt Thomas für Max Ernsts „Les peupliers“ in Abklatschtechnik (1939). Im Bereich der Nachkriegskunst erreicht Robert Rauschenbergs über drei Meter langes „Combine Painting“ „Rose Pole (Spread)“ (1978) 1,9 Millionen Dollar (Ropac).

Das Selbstporträt mit Saiteninstrument bezieht sich auf Holbeins in Holzschnittserie „Totentanz“(2019)
Joris Van de Moortel

Das Selbstporträt mit Saiteninstrument bezieht sich auf Holbeins in Holzschnittserie „Totentanz“(2019)

Der jüngste teuer Bezahlte ist Neo Rauch, dessen Gemälde „Kalter Mai“ (2010) Zwirner für 1,1 Millionen Euro anbietet. Ein Frühwerk von 2003 ohne das Rauch-typische figürliche Personal kostet bei Eigen + Art 900.000 Euro

Die Blue-Chip-Künstler der älteren Generation unter den Zeitgenossen heißen Sigmar Polke, Gerhard Richter und Rosemarie Trockel. Michael Werner hat zwei schöne Beispiele von Polkes kleinformatigen „Farbproben“ aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre, auf denen das Hantieren des „Alchimisten“ mit Öl, Kunstharz und Eisenglimmer Phantasieanregende Spuren hinterlassen hat. Die 1985 zuerst bei Erhard Klein ausgestellten Arbeiten sind mit je 195.000 Euro veranschlagt.

Eine etwas größere, farbenprächtigere „Farbprobe“ aus glänzendem Lack und Kunstharz bietet Vertes für 125.000 Euro an. Bei Zwirner hängt das 32-teilige „Notebook“ von 1969 für 425.000 Euro. Schwarzer hat den – seiner Meinung nach – besten Gerhard Richter auf Papier: „Gebirge“ (13.2.1994). Kostenpunkt 495.000 Euro.

Zu den heiß begehrten jüngeren Künstlern zählt zweifellos Anne Imhoff mit ihrem drei Meter hohen, ästhetisch zerkratzten Lackbild, das Daniel Buchholz gleich nach der Eröffnung vermittelte. Mit ähnlichen Arbeiten provozierte der Kölner Galerist schon vor zwei Jahren prompten Verkaufserfolg. Hauser & Wirth trennten sich nach wenigen Stunden bereits von fünf Leinwänden, auf denen Rita Ackermann mit Öl, Fettstift, Kohle und Graphit in Pastelltönen schwelgende, zwischen Abstraktion und Figürlichem schwankende Malereien kreiiert – zu Preisen zwischen 95.000 und 120.000 Dollar.

Bewegung in Sachen Mehrwertsteuer

Hans Mayer hält „einem der großen Vergessenen“ die Treue. So bezeichnet er Markus Oehlen, dessen atelierfrisches „Rotlichtatelier“ mit 81.000 Euro veranschlagt ist. Markus und sein Bruder Albert Oehlen gehörten in den Siebzigern zu den aufmerksamsten Besucher seiner damals noch in Krefeld angesiedelten Galerie. Weitere Beispiel für Oehlens Spiel mit hybriden, komplexen Bildräumen, auf denen feinste wellenförmige Strukturen und amorph deformierte Farbbahnen sich mit schemenhaften Figurationen überlagern, hat Grässlin am Stand; die größeren für 63.000 Euro, ein kleines für 24.000 Euro.

Bewegung ist in die Besteuerungsregeln für den Kunsthandel gekommen. Die Regierung versucht auf europäischer Ebene „Deutschland die Rückkehr zum ermäßigten Steuersatz zu ermöglichen“, heißt es in ihrer Antwort auf eine „Kleine Anfrage“ der FDP. Das sind gute Nachrichten für den unter Wettbewerbsverzerrungen leidenden Kunstmarktstandort Deutschland.

„Art Cologne“, Messeplatz 1, 50679 Köln-Deutz; bis 14. April 2019, tägl. 11 bis 19 Uhr, am So. bis 18 Uhr. Der Katalog steht im Internet unter www.artcologne.com

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