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Künstlerinnenporträt Erinna König Die Meisterin des Unergründlichen

Die Düsseldorfer Künstlerin Erinna König hat Objekte voller Magie geschaffen. Zu besichtigen sind sie in der privaten Skulpturenhalle von Thomas Schütte.
18.06.2020 - 16:02 Uhr Kommentieren
Egbert Trogemann porträtierte die Künstlerin in ihrer Ausstellung in der Skulpturenhalle der Thomas Schütte-Stiftung. Quelle: Egbert Trogemann VG Bild-Kunst 2020
Erinna König

Egbert Trogemann porträtierte die Künstlerin in ihrer Ausstellung in der Skulpturenhalle der Thomas Schütte-Stiftung.

(Foto: Egbert Trogemann VG Bild-Kunst 2020)

Neuss-Hombroich Als 2010 das Kunstmuseum Bonn den überaus erfolgreichen und fruchtbaren Künstlern des Rheinlands mit der Ausstellung „Der Westen leuchtet“ ein Denkmal setzte, gehörte die heute 72-Jährige Erinna König zu den faszinierendsten Neuentdeckungen. Nur wenige Kenner, zu denen auch der Galerist Erhard Klein zählte, waren mit ihrem Werk vertraut. Statt in Einzelausstellungen trat sie in wichtigen Gruppenschauen auf.

Auf einen ersten Überblick über das inzwischen mehr als fünf Jahrzehnte umspannende Oeuvre musste der Kunstfreund lange warten. Gehörte sie etwa auch in die Riege der Künstlerinnen, die in der von weißen alten Männern dominierten Kunstwelt den Kürzeren zogen?

Ihre erste museale Soloschau jedenfalls verdankt sie der Stiftung des etwas jüngeren Künstlerkollegen Thomas Schütte. In seiner „Skulpturenhalle“ bei der Museumsinsel Hombroich ist nun eine konzentrierte Werkauswahl versammelt. Zu sehen sind 45 Arbeiten und eine wandfüllende Vitrine mit kleinen Objekten, Modellen und Skizzen. Sie reichen zeitlich zurück bis 1967, in ihr erstes Studienjahr an der Düsseldorfer Kunstakademie.

In dem spektakulären Zentralbau, den Schütte aus seiner Arbeit mit Modellen entwickelt hatte, bekommen die lose im Raum und an der umlaufenden Wand verteilten Werke fast schwebenden Charakter. Das nicht Eindeutige ist vielleicht ihre auffälligste Eigenschaft. Sie sind weder reine Malerei, noch reine Skulptur.

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    Nur auf den ersten Blick erinnern die ausgestellten Objekte an vertraute Gegenstände. Für den, der zum zweiten Mal hinschaut, verwandeln sie sich in etwas Anderes, das manchmal befremdet, manchmal verblüfft. Ihr Geheimnis geben sie wenn, dann nur partiell preis.

    Zum Beispiel das hoch oben an der Wand platzierte, vor zehn Jahren entstandene Objekt „Konisch-grünes Dreieck auf weißem Grund“. Von weitem sieht es aus wie ein abstraktes Gemälde. Näher betrachtet, erweist es sich als übermaltes Palästinensertuch, auf dem die quer ins Zentrum ragende messerartige Form weitere Assoziationen in Gang setzt. Und eine von der Decke herabhängende „Kalligraphie“ tut nur so als ob. Was sich tatsächlich in der eleganten, roten Schnörkelei verbirgt – die Frakturschrift eines Gasthausschildes – darauf kommt man nicht unbedingt von selbst.

    Von den mit Teer auf schwarze Holzplatten gemalten „Schatten“ bleiben viele rätselhaft unbestimmt. Quelle: VG Bild-Kunst Bonn 2020; Foto Dejan Sarić
    Erinna König „Schatten“

    Von den mit Teer auf schwarze Holzplatten gemalten „Schatten“ bleiben viele rätselhaft unbestimmt.

    (Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2020; Foto Dejan Sarić)

    Von den mit Teer auf schwarze Holzplatten gemalten „Schatten“ mag zwar der eine oder andere mit Bekanntem assoziiert werden. Doch viele bleiben rätselhaft unbestimmt. Und das soll so auch sein. „Die eindeutige Aussage hat meines Erachtens gar nichts mit Kunst zu tun“, ist König, überzeugt. Gerade das Vieldeutige, Unbewusste und auch Unergründliche – das sei doch das Schöne an der Kunst.

    Vorgefundene Dinge und die Farbe spielen eine wichtige Rolle. Im 2010 entstandenen Wandobjekt „Bettstatt“ finden eine Gardinenstange, hölzerne Zierelemente einer alten Bettbekrönung, ein rot lackiertes Blech und ein weißer Vorhang zusammen. Entfernt fühlt man sich an das Doppelbett eines ungleichen Paars erinnert.

    Das filmische und fotografische Frühwerk fehlen

    Betrachtet man die Ausstellung als Ganzes, dann scheint hier ein seit 1969 harmonisch gewachsenes Gesamtwerk repräsentiert. Doch das täuscht darüber hinweg, dass nicht alles, was König in ihrem Leben unternahm, Aufnahme fand. Es fehlt ihre frühe, politisch inspirierte Arbeit, ihr filmisches und fotografisches Werk bis Anfang der achtziger Jahre.

    Besonders vermisst man den schwarzen Rock mit aufgenähten sechseckigen Sternen, den Erinna König täglich trug, wenn sie in die Kunstakademie ging. Für die meisten Leute war das 1969 nur ein modischer Hingucker. Auch wenn das Ende des „Dritten Reichs“, in dem sechs Millionen Juden ermordet wurden, erst 25 Jahre zurück lag. Aber das Thema kam nicht vor in der deutschen Öffentlichkeit; und die Studentin dachte sich: „Ein Täter würde einen kleinen Schock bekommen.“ Das reichte ihr. Von denen seien damals noch genug auf den Straßen herumgelaufen.

    Das Wandobjekt von 2010 setzt vielfältige Assoziationen in Gang. Quelle: VG Bild-Kunst Bonn 2020 für Erinna König, Foto Dejan Sarić.
    Erinna König „Konisch-grünes Dreieck auf weißem Grund“

    Das Wandobjekt von 2010 setzt vielfältige Assoziationen in Gang.

    (Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2020 für Erinna König, Foto Dejan Sarić.)

    Erinna König beschäftigte sich während der Studentenunruhen zwar sehr stark mit Politik – sie gehörte zu den Mitbegründern des „Büro Olympia“, aber vor einen Karren ließ sie sich nicht spannen. Auch nicht vor den des Feminismus. Dabei hätte die Meisterschülerin von Joseph Beuys allen Grund gehabt.

    Auffällig wenige weibliche Künstler gingen aus dem Umfeld der Beuys-Klasse hervor. „Es gab eine harte, interne Auslese“, erzählt sie. Johannes Stüttgen, Beuys‘ Vertrauter, suchte Leute aus, die Zugang zum inneren Zirkel bekommen sollten. Und wenn der Meister sich mit seinen „Jüngern“ versammelte, dann kam auch Frau Stüttgen und kochte Kaffee. „Ich sah das, und konnte es kaum fassen“, erinnert sich König. Sie selbst stammt aus einer Familie, in der Frauen bis in die dritte Generation zurück selbstverständlich studieren konnten.

    Ein Kunstwerk bleibt aktuell

    Der 1991 entstandene „Machtpeter“ spielt auf das auch heute noch nicht ausbalancierte Kräfteverhältnis der Geschlechter an. Zugleich wird das zwei Meter hohe, an der Wand lehnende Objekt mit einer erschreckenden Aktualität aufgeladen. Das aus zwei Kinosesseln zusammengefügte Teil sieht aus wie ein überdimensionaler Schild in Maskenform, dessen beide Sichtfenster die Künstlerin aus schusssicherem Glas fertigen ließ. Kein Wunder, dass es an die bis an die Zähne bewaffnete Polizei denken lässt, die in den USA soeben die Proteste gegen die Tötung von Menschen dunkler Hautfarbe niederknüppelten.

    Circa 20.000 Euro würde ein Schlüsselwerk wie der „Machtpeter“ heute kosten. Das ist ein überschaubares Preisniveau, bei dem es sicherlich nicht bleiben wird. Der Kunstmarkt wird auch dieses, bislang nicht an vorderster Front vermarktete Werk erschließen. Und das wird auch Zeit, denn als sich der Galerist Erhard Klein 2006 in den Ruhestand verabschiedete, nahm Erinna König die Verkäufe weitgehend selbst in die Hand.

    Das auf eine hohe Stelze montierte Objekt weckt vielfältige, auf männliches Machtgehabe zielende Anmutungen. Entstanden ist es 1991. Verarbeitet wurden Teile von Kinostühlen und Sicherheitsglas. Quelle: VG Bild-Kunst Bonn 2020 für Erinna König, Foto Dejan Sarić
    Erinna König "Machtpeter"

    Das auf eine hohe Stelze montierte Objekt weckt vielfältige, auf männliches Machtgehabe zielende Anmutungen. Entstanden ist es 1991. Verarbeitet wurden Teile von Kinostühlen und Sicherheitsglas.

    (Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2020 für Erinna König, Foto Dejan Sarić)

    Schwierig war der Start in die Selbstständigkeit, als König 1976 von der Akademie abging: „Alle hatten bereits einen Galeristen“. Jörg Immendorff sei bei Werner untergekommen, Meuser bei Hetzler und Imi Knoebel bei Heiner Friedrichs „Dia Art Foundation“. „Alle hatten sich positioniert.“

    Der wenig leichte Anfang als freie Künstlerin hat jedoch auch einen anderen Hintergrund. König war 1973 in die Filmklasse von Ole John Povlsen gewechselt, zeigte 1974 ihren ersten 16 mm-Film auf den Oberhausener Kurzfilmtagen und experimentierte mit der Fotografie. Dafür war der Kunstmarkt damals noch nicht aufnahmefähig.

    Später gab es eine Phase, in der König 1992 bis 2006 nicht ganz freiwillig, aber sehr erfolgreich das Restaurant „op de Eck“ neben der Kunstsammlung NRW führte. Sie konnte daneben ihre künstlerische Arbeit vorantreiben und recht gut über Erhard Klein verkaufen. Damals hätte das Galerien-Netzwerk weiter ausgebaut werden müssen. Doch das unterblieb.

    „Erinna König“: Skulpturenhalle, Thomas Schütte Stiftung, Neuss-Hombroich, bis 16. August. Eintritt 5 Euro, Katalog inklusive

    Mehr: Erinna König: Selbstvermarktung einer erfahrenen Klassenkämpferin

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