Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Künstlernachlass Fritz Koenig in Landshut: Der Kampf um sein Erbe

In Landshut eskaliert ein lange schwelender Streit um das Erbe des bedeutenden deutschen Bildhauers Fritz Koenig.
Kommentieren
Der Künstler wollte sein Œuvre und die Wirkungsstätten zusammenhalten. Quelle: Peter Litvai
Fritz Koenig

Der Künstler wollte sein Œuvre und die Wirkungsstätten zusammenhalten.

(Foto: Peter Litvai)

Düsseldorf Lange schien es, als handele es sich um ein lediglich in der niederbayerischen Provinz angesiedeltes Mikrodrama. Im Mittelpunkt: der Nachlass eines bedeutenden, heute jedoch nicht mehr angesagten Künstlers. Es geht um den deutschen Bildhauer Fritz Koenig (1924 – 2017). Zuletzt war er im Gespräch, als seine Außenskulptur „Große Kugelkaryatide NY“ relativ unversehrt unter den Trümmern des World Trade Centers geborgen werden konnte. Heute steht Koenig wieder im Licht der Öffentlichkeit; jedoch nicht so, wie es für die Hüter seines Erbes, die Stadt Landshut und die Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung, wünschenswert wäre.

Der Streit

„Fritz Koenig ist unter die Leichenfledderer gefallen!“, quittierte im November 2017 eine Leserin der „Süddeutschen Zeitung“ empört den Versuch der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung, das Mobiliar des ihr anvertrauten erhaltungswürdigen Künstlerwohnsitzes versteigern zu lassen. „Der große Ausverkauf“ betitelte dieselbe Zeitung ihren Artikel über die Rolle des Geschäftsführers der Stiftung und ehemaligen Freundes von Fritz Koenig. Aus dem Unmut über den Umgang mit dem Künstlererbe heraus formierte sich 2018 ein Freundeskreis Fritz Koenig e.V. Zu den Jagdszenen aus Niederbayern zählt auch eine Rufmordkampagne gegen Stefanje Weinmayr, die ehemalige Leiterin des dem Werk des Künstlers gewidmeten Skulpturenmuseums (SKM) im Hofberg.

Im Kern geht es in dieser Schlammschlacht um die Frage, wie entschieden die Stadt Landshut und die von ihr mitkontrollierte Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung für den Zusammenhalt des Œuvres nebst Hinterlassenschaften zu sorgen hat. Konkret geht es um zurückliegende Verkäufe aus Stiftungsbesitz, um Interessenkonflikte auf der Führungsebene der Stiftung und eine Stadtspitze, die die ehemalige SKM-Direktorin zum Sündenbock machen möchte.

Überstand den Terrorangriff auf das World Trade Center 2001 nur leicht beschädigt. Heute steht sie im Norden New Yorks. Quelle: action press; Foto: EVERETT COLLECTION INC.
Fritz Koenigs „Große Kugelkaryatide NY“

Überstand den Terrorangriff auf das World Trade Center 2001 nur leicht beschädigt. Heute steht sie im Norden New Yorks.

(Foto: action press; Foto: EVERETT COLLECTION INC.)

Nachdem am 20. Juli auch noch als Stiftungsbesitz deklarierte Werke versteigert worden waren und herauskam, dass zusätzlich circa 80 der Stiftung gehörende Werke verschwunden sein sollten, schlug die Fachwelt Alarm. Der Bremer Museumsdirektor Arie Hartog, eine Kapazität auf dem Gebiet von Bildhauernachlässen, schrieb unter dem Eindruck der Auktion einen Brandbrief an den Kulturminister von Bayern, Bernd Sibler (CSU). Darin bezeichnet er die Vorgänge in Landshut als einen „Modellfall für Fehlentwicklungen in der Nachlasspflege“. Wenige Tage später forderte der Publizist und Historiker Michael Wolffsohn die Staatsanwaltschaft Landshut auf, endlich die Ermittlungen aufzunehmen.

Die Personen

Auf der einen Seite steht Ex-Museumsdirektorin Stefanje Weinmayr, die penibel und hartnäckig um den Erhalt des Künstlererbes kämpft. Bis August 2017 leitete sie das Skulpturenmuseum. Dann wurde ihre Arbeitsplatzbeschreibung geändert und ihr die Leitung des Skulpturenmuseums in der Praxis entzogen. Die Stadt bewertet dies anders. Hierüber streiten die Parteien inzwischen vor dem Arbeitsgericht. Seit 1. August ist Weinmayr freigestellt. Sie darf sich zu den Vorgängen aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht äußern. Auf der anderen Seite stehen Reinhard Sax, im Vorstand der Stiftung seit 1995, seit Langem auch deren Geschäftsführer, Testamentsvollstrecker von Fritz Koenig und selbst Sammler von Koenig-Werken. Ferner die Stadt Landshut mit ihrem Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP), der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist.

„Das Verschwinden von 80 Werken aus dem Stiftungsbestand sehe ich mit großer Besorgnis, zumal eine städtische Beschäftigte seit mehr als 20 Jahren für den Stiftungsbestand zuständig ist“, schreibt Putz auf Anfrage des Handelsblatts. Die Stiftung habe bereits im April dieses Jahres Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Landshut gestellt. Geschäftsführer Sax selbst wollte auf Nachfrage keinen Kommentar zur Sache abgeben.

Die angeschossene Weinmayr hat Rückendeckung nicht nur in der Kunstszene. Bis zu ihrer Degradierung habe sie von ihren Arbeitgebern stets sehr gute Zeugnisse erhalten, erinnert sich das ehemalige Vorstandsmitglied der Koenig-Stiftung, Ute Kubatschka. Laut Kubatschka, die bis 2014 auch für die SPD im Stadtrat saß, verhielt sich Weinmayr stets korrekt. Sie habe den Vorstand stets informiert, wenn sie gewahr wurde, dass Werke aus dem Stiftungsbestand in Auktionen auftauchten oder sie feststellen musste, dass Objekte veräußert wurden.

Der Interessenkonflikt

Das zurzeit noch rätselhafte Verschwinden der 80 Werke kaschiert den tieferliegenden Interessenkonflikt. Der besteht darin, dass der Stiftungsgeschäftsführer Sax eigentlich alles daransetzen müsste, das Werk zusammenzuhalten und den Bestand zu kontrollieren, aber selbst als Sammler eigene Interessen verfolgt. Das zeigte zuletzt die eingangs erwähnte Versteigerung beim Auktionshaus Ruef in Landshut am 20. Juli. Hier trat Sax als erfolgreicher Bieter auf eines der beiden als Stiftungsbesitz ausgewiesenen Koenig-Werke auf.

Fritz Koenigs

"Kleines Kastenvotiv" von 1972. Das Exemplar aus der Stiftung Fritz-und-Maria-Koenig wie es im Werkverzeichnis abgebildet ist.

(Foto: Werkverzeichnis Fritz Koenig)

Weder er noch der Oberbürgermeister in seiner Eigenschaft als Stiftungsvorsitzender hatten damit ein Problem. Zupass kam ihnen, dass sich später beim Nachhaken durch die örtliche Presse herausstellte, dass sich das Auktionshaus bei seiner Katalogangabe geirrt hatte. Und dann stellte sich noch heraus, dass sich beide Werke doch im Depot fanden, dass das Auktionshaus also keine Unikate aus Stiftungsbesitz versteigert hatte..

Einen Interessenkonflikt beim Stiftungsgeschäftsführer sieht Bürgermeister Putz nicht: „Herr Sax ist als Sammler von Koenig-Objekten bekannt. Es steht jedermann zu, sich privatwirtschaftlich zu betätigen, mithin auch bei einer Auktion mitzubieten und ein entsprechendes Objekt zu erwerben.“ Sax selbst sagt zu seinem Verhalten in der Auktion: Seine Nachforschungen hätten ergeben, „dass dieses beschriebene Unikat sich im Depot des Skulpturenmuseums befindet“. Er könne nicht nachvollziehen, warum er zum Wohl der Stiftung vom Kauf des Loses aus dem Besitz eines anderen Sammlers hätte zurückschrecken müssen. Im Übrigen sehe er in Landshut „einzelne Intriganten nur damit beschäftigt, dem Künstler Fritz Koenig sowie der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung großen Schaden zuzufügen“. Die Frage nach seiner Verantwortung für die Vorgänge im Zusammenhang mit den Abgüssen der Skulptur „Großer Steigender Reiter“ lässt Sax unkommentiert.

Die Schwachstellen

Mehrere Faktoren – dazu gehört auch das Handeln des Künstlers im Hinblick etwa auf Nachgüsse oder seine mangelnde Kontrolle von Geschäften – haben die Kontrollinstanzen geschwächt und diejenigen gestärkt, die ein Eigeninteresse verfolgen. Dazu gehört, dass die Testamentsvollstreckung bis heute ein Nachlassverzeichnis schuldig blieb. Überfällig wäre auch eine Präzisierung der Satzung. Dies forderten Vorstandsmitglieder bereits wenige Wochen nach dem Tod des Künstlers, allen voran Maria Fick, die zugleich für die Partei Landshuter Mitte im Stadtrat sitzt. Auch die Aufsichtsbehörde mahnte, unter anderem mit Blick auf die Ämterhäufung auf der Vorstandsebene.

Hinzu kommt das Ungleichgewicht in der Zusammensetzung des Vorstands. Man hat es versäumt, frei werdende Plätze mit Persönlichkeiten zu besetzen, die der Kunst nahestehen und entsprechende Kompetenzen besitzen. So arbeiteten einst anerkannte Personen mit, wie etwa Johann Georg Prinz von Hohenzollern oder Klaus Maurice, ehemals Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.

Einblick in das Kabinett Kopf und Hand der aktuellen Ausstellung
Fritz Koenig

Einblick in das Kabinett Kopf und Hand der aktuellen Ausstellung "Dialoge im Labyrinth" im KOENIGmuseum.

(Foto: KOENIGmuseum, Museen der Stadt Landshut)

Der Oberbürgermeister wiederum sieht „die Funktionsfähigkeit des Stiftungsvorstandes gegeben“, schreibt er auf Handelsblatt-Nachfrage. Und bezüglich der Nachbesetzung der zurückgetretenen Vorstandsmitglieder bestünden Kontakte mit Personen, die für einen Sitz im Vorstand in Betracht kämen. Die Anmerkung, dass es doch im Sinne des Stifters wäre, den Vorsitz in die Hände einer unabhängigen Persönlichkeit zu legen, die im Namen der Kunst handelt und nicht im Namen der Verwaltung, lässt er unkommentiert.

Nach wie vor ist also offen, wer der Stiftung nun auf die Finger schauen soll. Derweil aber wurde das Arbeitsgericht tätig. Die Stadt möchte die unbequeme Mitarbeiterin Weinmayr loswerden. Zwei Mal schon empfahl das Gericht eine gütliche Einigung. Vergeblich. Wie schon der örtlichen Presse zu entnehmen war, kommt für Stadtdirektor Andreas Bohmeyer eine vergleichsweise Einigung nur infrage, wenn diese eine Beendigung der Zusammenarbeit mit Weinmayr beinhaltet. Das bestätigt deren Rechtsanwalt Andreas Feuersinger.

Ein Modell

Der Landshuter Streit hat gewisse Parallelitäten mit dem Fall Hans Arp in Rolandseck. 2012 gelang es dem Bremer Museumsdirektor Arie Hartog mit einer Bestandsaufnahme von Arps bildhauerischem Werk, Licht auf ein diskreditiertes Œuvre zu werfen. Hier stand der nicht transparent gemachte Umgang mit posthum, ohne Einwirkung des Künstlers gefertigten Bronzegüssen und eine erstaunliche Werkvermehrung im Zentrum der Kritik.

Der Fall wurde über Jahre zu einem nicht enden wollenden Skandal – mit negativen Folgen auch für den Markt dieses für die Moderne so wichtigen Bildhauers. Opfer waren damals auch ein geschasster Museumsdirektor, der sich vergeblich um Transparenz bemüht hatte, und das nicht aus den Schlagzeilen kommende Arp Museum in Rolandseck. Erst als sich der dahinterstehende Verein aus dem Museumsbetrieb zurückgezogen und sein Archiv für eine Aufarbeitung geöffnet hatte, kam die Wende, auch für das Image des Vereins.

Die Zukunft

In Landshut wird es höchste Zeit für einen Neustart. Erst am 31. Juli 2019 schrieb der Historiker Michael Wolffsohn der Staatsanwaltschaft Landshut einen Brandbrief. Darin fordert er die Behörde „als engagierter Staatsbürger, der fest an den bundesdeutschen Rechtsstaat glaubt“, auf, endlich Ermittlungen aufzunehmen. Mit Fritz Koenig verbinde ihn eine lange Freundschaft. Seit Langem beobachte er die „Seltsamkeiten im Zusammenhang mit dem Umgang des Fritz-Koenig-Nachlasses“. Ermittlungen lägen „objektiv im Interesse aller Akteure“, schreibt der Publizist. Es könne doch in niemandes Interesse liegen, dass kolportiert werde, „eine Hand wasche die andere“. Oberbürgermeister Putz wollte dies nicht kommentieren.

Mehr: Zum Fall Hans Arp: Lesen Sie hier, wie die Wiederauferstehung eines beschädigten Künstlers gelang

Startseite

Mehr zu: Künstlernachlass - Fritz Koenig in Landshut: Der Kampf um sein Erbe

0 Kommentare zu "Künstlernachlass: Fritz Koenig in Landshut: Der Kampf um sein Erbe"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote