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Künstliche Intelligenz Wenn Roboter uns Menschen zu ähnlich werden

Die Vienna Biennale for Change widmet sich den Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz.
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„Probably Chelsea“ sind 30 per DNA-Analyse errechnete Porträts der Whistleblowerin. Doch keines sieht dem Vorbild ähnlich. Quelle: Heather Dewey-Hagborg/Fridman Gallery New York
Heather Dewey-Hagborg

„Probably Chelsea“ sind 30 per DNA-Analyse errechnete Porträts der Whistleblowerin. Doch keines sieht dem Vorbild ähnlich.

(Foto: Heather Dewey-Hagborg/Fridman Gallery New York)

Wien Als der chinesische Smartphone-Konzern Huawei im Februar 2019 in einem als Sensation angepriesenen Konzert die Vollendung von Schuberts „Unvollendeter“ durch ein Smartphone-Programm präsentierte, war das Ergebnis beruhigend banal: Das Programm hatte einen aus Schubert-Versatzstücken zusammengerührten bombastischen Filmmusik-Brei ausgespuckt, der bestenfalls als Fahrstuhlmusik taugt. Der Kulturbürger konnte sich entspannt zurücklehnen in der Erkenntnis, dass ein geniales Komponistengehirn eben doch nicht durch Rechnerleistung zu ersetzen ist.

Aber ist das wirklich so? Hat die Zukunft nicht schon begonnen? Gibt es nicht längst künstliche Intelligenzen, die nicht nur rechnen und messen, sondern auch werten, Entscheidungen treffen und menschlicher Kreativität bedrohlich nahekommen? Und uns geradezu unheimlich ähnlich werden?

Das Unheimliche der Optimierungen

Diesen hochstehenden Fragen widmet sich die „Vienna Biennale for Change“. Sie will zwar Optimismus predigen, nimmt sich aber nicht weniger vor, als die Welt zu verbessern. Die zentrale Biennale-Ausstellung spricht aber mit dem Titel „Uncanny Values“ auch das Unheimliche an, das in all den Optimierungen lauert, mit denen uns Künstliche Intelligenz in allen Lebensbereichen umschmeichelt. Denn der Titel nimmt Bezug auf den Begriff „Uncanny Valley“ des japanischen Roboterforschers Nasahiro Mori, der das ungute Gefühl wiedergibt, wenn Menschen merken, dass der Roboter ihnen zu ähnlich wird.

Das Wiener Museum für Angewandte Kunst, kurz MAK, ist der Initiator der Biennale und präsentiert „Uncanny Values“ als Herzstück von insgesamt neun Ausstellungen, die sich über die Stadt verteilen.

Wenn im September noch eine angegliederte Schau in Bratislava eröffnet, franst das Projekt allerdings aus. Es ist kaum zu schaffen, alles zu sehen, geschweige denn, die mitunter überkomplexen Installationen nebst detailreichen Wandtexten zu durchschauen. Man könnte auch sagen: Diese Biennale scheitert grandios.

„Algaculture. Near Future Algae Symbiosis Suit“ von 2010. Quelle: Burton Nitta; VG Bild-Kunst, Bonn, für Burton
Michael Burton & Michiko Nitta

„Algaculture. Near Future Algae Symbiosis Suit“ von 2010.

(Foto: Burton Nitta; VG Bild-Kunst, Bonn, für Burton)

Aber die Überforderung ist Programm. Und bildet die Ambivalenz einer verwirrenden Wirklichkeit zwischen Utopie und Dystopie erschreckend genau ab. Auch und gerade weil sie die Rolle der Kunst und ihre Verschränkung mit Künstlicher Intelligenz nicht definiert. Alle brennenden Fragen bleiben offen. Das muss der Besucher aushalten.

Mit „Klimawandel, Digitalisierung und soziale Nachhaltigkeit“ benennt MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein die wichtigsten Themen, die gelegentlich auch humorvoll betrachtet werden. Wenn etwa menschliche Designer mit KI kooperieren wie bei „The Chair Project (Four Classics)“ von Philipp Schmitt und Steffen Weiss. Dabei kommen Sitzobjekte heraus, die zwar futuristisch rasante Formen aufweisen, aber leider nicht mehr sitztauglich sind. Ihnen fehlt entweder die Sitzfläche. Oder drei Armlehnen versperren das Objekt.

Nebenan bearbeitet der KI-Umweltmanager „Asunder“ mit Satellitendaten zu Umweltverschmutzung, Biodiversität, Rohstoffknappheit und Bevölkerungsentwicklung ausgewählte Landstriche. Sein Ziel: den Planeten auf riesigen Monitoren zu optimieren. Wenn etwa im Silicon Valley Kupfer fehlt, schlägt der Rechner vor, den afrikanischen Kongo nach Kalifornien zu verschieben.

Das Ganze ist perfekt visualisiert, der Planet verändert sich in rasender Geschwindigkeit, der Zufall führt Regie. Diese Arbeit von Tega Brain, Julien Oliver und Bengt Sjölen will natürlich keine Anregungen zum Umbau der Welt liefern. Sie zeigt anschaulich, was passieren könnte, wenn KI, vom Menschen losgelöst, Entscheidungen trifft.

Auch die Installation „Probably Chelsea“ ist ernüchternd: Heather Dewey-Hagborg hat mithilfe einer algorithmischen Analyse der DNA der US-amerikanischen Whistleblowerin Chelsea E. Manning 30 mögliche Porträts errechnen lassen. Aber die KI hat die Daten jedes Mal so interpretiert, dass keine der im Raum hängenden Gesichtsmasken auch nur annähernd dem realen Vorbild ähnelt. Trefferquote: null.

Die Schau bietet auch Interaktives. So kann man etwa mit künstlichen Intelligenzen plaudern. Eine Videoarbeit führt vor, wohin das Zusammenleben mit Sprachassistenten führt, die sich auf unsere Persönlichkeit einstellen. Die Dialoge enden mitunter in dem Entschluss, lieber im Bett zu bleiben, statt zur Arbeit zu gehen.

Im Keller des MAK schlägt die Ausstellung „Klimawandel!“ optimistischere Töne an: Das Wiener Design-Studio EOOS zeigt dort konkrete Utopien wie etwa ein Auto, genannt SOV für Social Vehicle – in Anspielung auf die klimaschädigenden SUVs. Das SOV ist ein funktionierendes Elektro-Leichtfahrzeug mit drei Sitzen, das nur zehn Prozent der Ressourcen eines durchschnittlichen Mittelklassewagens verbraucht. Wuchtig, aber ästhetisch überaus gelungen ist auch die „Küchenkuh“, ein Möbel mit skulpturaler Anmutung, das aus Nahrungsabfällen durch Biogas Energie zum Kochen gewinnt.

Die Schau wirkt zusammengeklaubt

Auch im MAK kreisen „Future Factory“ und „Architektur für besseres Leben“ um neue und teils bereits verwirklichte Konzepte für den Lebensraum Stadt.

Die Satellitenausstellung „Hysterical Mining“ in der Kunsthalle beschäftigt sich mit sexistischer Technologie. Sie versammelt unterschiedlich starke Arbeiten von Künstlerinnen, die sich mit radikalfeministischen Ideen zur patriarchalen Beschlagnahmung der Technologie beschäftigen. Der flotte Titel verspricht allerdings mehr, als die Schau hält. Der politische Aspekt ist in den gezeigten Arbeiten eher schwach formuliert, die Ausstellung wirkt zusammengeklaubt.

Insgesamt aber gewinnt der Besucher in Wien gleichwohl einen faszinierenden Überblick über die Komplexität des Phänomens KI.

„Vienna Biennale for Change“ bis zum 6. Oktober im MAK und Kunsthalle Wien Museumsquartier.

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