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Kunst in der DDR Risse in der Mauer

Eine exzellente Ausstellung in Leipzig zeigt, wie vielschichtig und widersprüchlich die Kunstszene in der DDR war.
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Pop-Art von 1979 aus Halle mit politischem Hintergrund. Quelle: VG Bildkunst 2019/MdbK
Wasja Götze „Im Zwiespalt oder Quo vadis G?

Pop-Art von 1979 aus Halle mit politischem Hintergrund.

(Foto: VG Bildkunst 2019/MdbK)

Leipzig Die Männerfigur ist in Pop-Art-Manier gemalt. Ein Teil drängt nach rechts, ein anderer nach links. In einer Körperhälfte wirkt die Haut grau und abgestorben, in der anderen gebräunt. Kippende Wände bedrängen den Zweifler in seiner Wahl zwischen Ost und West. „Im Zwiespalt oder Quo vadis G?“ nannte der Wasja Götze 1979 sein Bild vom Gewissenskonflikt: Bleiben oder Ausreiseantrag stellen? Der Maler aus Halle an der Saale war einer der am stärksten von staatlicher Repression betroffenen Maler in der DDR. Sein Stil entsprach so gar nicht dem vorgegebenen Sozialistischen Realismus.

Fliehen oder bleiben? Das war für viele der Künstler in der späten DDR die zentrale Frage. Der Staat wollte viele einfach nur loswerden. Hunderttausende haben die DDR erlaubt oder unerlaubt verlassen. Sabine Herrmann, Josef Nowinka und Trak Wendisch haben Bilder für den schmerzvollen Abschied gefunden. Zu sehen sind sie im Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Eher unbekannte Werke

„Point of No Return“ lautet der Titel der Leipziger Ausstellung, die Maßstäbe setzt. Anlass dieser Tiefenerkundung ist das 30-Jahr-Jubiläum des Mauerfalls im Herbst. Entwickelt wurde sie von den Gastkuratoren Christoph Tannert und Paul Kaiser gemeinsam mit Museumsdirektor Alfred Weidinger.

Ihre Leitfragen lauten: Wie bedingen sich die Freiheit der Künste und die friedliche Revolution? Wie durchdringen sie sich gegenseitig? Wie gestalten Künstler den gesellschaftlichen Umbruch in der DDR?
Das Panorama ist breit angelegt von den ersten Rissen in der Mauer in den 1980er-Jahren bis heute. 300 Werke von 106 Künstlerinnen und Künstlern sind in der obersten Etage zu Themen gruppiert. „Wir wollten eher unbekannte Werke zum Thema ‚Umbruch/Übergang‘ zeigen“, sagt Christoph Tannert dem Handelsblatt.

Vorweggenommener Untergang

Es gab in der späten DDR – trotz Zensur und mächtigem Künstlerverband – autonome Kunst. Die teilöffentliche künstlerische Opposition wagte Verbotenes. Sie traf im „Point of No Return“ auf Bilder von Willi Sitte, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig. Die sogenannte „Quadriga“ – die vier staatstragenden Künstlerfürsten – hatte, anders als der Rest, Privilegien und zahlreiche Ausstellungen in der alten Bundesrepublik.

Die Schau überrascht nicht nur mit dem souveränen Nebeneinander von Antagonisten. Sie überrascht auch mit Bildern, die den Untergang des Staatssozialismus vorwegnehmen. Sie zeigt „eine veränderte Weltsicht, einen Angriff auf die normativen Säulen der verknöcherten Diktatur des Proletariats“, schreibt Tannert im Katalog.

Prophetisches Bild von 1988. Quelle: MdbK
Gerhard Kurt Müller: „Die Demonstrantin“

Prophetisches Bild von 1988.

(Foto: MdbK)

Die Ausstellung begeistert aber auch, weil sie übersehene Positionen und ein Symbolbild der friedlichen Revolution zutage fördert. Gerhard Kurt Müller hat „Die Demonstrantin“ schon 1988 gemalt. Müller nimmt Anleihen bei der einst in der DDR verpönten Klassischen Moderne, überspitzt Fernand Légers Maschinenmenschen zu einem rhythmisch prügelnden Polizeiapparat aus stereometrischen Formen. Dessen Opfer ist eine Demonstrantin. Deren rosa Gestalt am Boden verkürzt er auf Andeutungen von Knie und schützendem Arm.

Wie eng die DDR geworden war, wie groß der Druck 1980 auf den Einzelnen, schildert Jürgen Schäfer. In „Ich und Ich (I)“ zwingt ein schematischer Betonkoloss das graugesichtige Alter Ego des Malers in die Knie.

„Er-Schöpfung“ von Frank Herrmann spiegelt die soziale Erfahrung eines unangepassten Lebensentwurfs in Fotos. Ein Mensch liegt gekrümmt in Regenpfützen. Der Zyklus visualisiert „die apokalyptischen Dimensionen des seine eigenen Lebensgrundlagen zerstörenden Systems“, schreibt Kurator Paul Kaiser dazu im Katalog.

Selbstzensur im Überwachungsstaat

Vom Untergang des Staatsschiffs erzählt Lutz Friedel schon 1983 im schrill gelb ausgeleuchteten Bild „Titanic“. Die Schotten sind offen, die DDR hat längst abgewirtschaftet. Die Selbstzensur im Überwachungsstaat geißelt Trak Wendisch im neoexpressiven „Zungenabschneider“. Den Symbolbildern von Hans Hendrik Grimmling und Lutz Friedel wird viel Raum eingeräumt, ebenso Doris Zieglers bleichgesichtiger „Übergangsgesellschaft“ aus den ersten Jahren nach der friedlichen Revolution. Den alltagssprachlichen Begriff „Wende“ vermeiden die Kuratoren.

Für die Veranstalter ist klar: „Erst die Existenz einer künstlerischen Gegenkultur ermöglichte in den 1970er- und 1980er-Jahren die lebenswichtige Grundlage, auf der sich dann in der späten DDR politische Initiativen, Gruppen und Programme auszudifferenzieren vermochten.“

Kaum jemand weiß, dass es heimliche Pop-Art in der DDR gab. Das ironische Kabinett mit den Bildern von Hans Ticha schafft Aufklärung. Den Jasagern bei den „freien“ Wahlen hat Ticha in „99,8 %“ ein süffisantes Denkmal gesetzt, den Claqueuren und dem „Agitator“ auch. Ticha hat dafür viel riskiert.

Türen gehen auf, der Umbruch beginnt. Ausgang offen (Detail) Quelle: VG Bild-Kunst 2019/MdbK
Ulla Walter: „November 89 (Triptychon)“

Türen gehen auf, der Umbruch beginnt. Ausgang offen (Detail)

(Foto: VG Bild-Kunst 2019/MdbK)

Die Ausstellung beleuchtet fast enzyklopädisch viele verschiedene Milieus. Nur wenige Fotos unterbrechen den Strom der Malerei. Installationen, Künstlerbücher und Videos finden keinen Eingang. Die Experimentalfilme von Lutz Dammbeck laufen nicht im Museum, sondern im Kino.

Es fehlen in der Schau die Text-Bild-Kunstwerke auf Transparentpapier von Carlfriedrich Claus, die von großer Unabhängigkeit zeugen. Auch die Werke der subversiven Gruppe Clara Mosch und die frühen Bilder von A.R. Penck sind nicht dabei. Doch das kann das große Verdienst von „Point of No Return“ nicht schmälern. Die gelungene Überblicksschau sollte unbedingt noch in einem der großen Museen in Hamburg, München oder Köln gezeigt werden. Der Aha-Effekt der Betrachter im Westen wäre noch größer als im Osten.

Peter Ludwig als einsamer Vorreiter

Im Westen war der Schokoladenfabrikant und Großsammler Peter Ludwig der einsame Vorreiter mit systematischen Ankäufen ostdeutscher Künstler. Die Peter und Irene Ludwig Stiftung unterstützt „Point of No Return“ bei der Finanzierung. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung aus Essen hat den Katalogdruck gefördert. Seit einem Gastauftritt barocker Kunst aus den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden 1986 in der Villa Hügel richtet sie den Blick auch nach Ostdeutschland.

Zurück zur Ausstellung. An deren Ende stößt der Besucher auf ein dreiteiliges Bild von Ulla Walter. In „November 1989“ zerbersten die Formen, frischer Wind wird förmlich greifbar, es gibt einen Ausblick auf Freiheit. Eine Momentaufnahme des Umbruchs – aber mit ungewissem Ausgang.

Begehrte Westpakete

Das Kuratorentrio bezieht auch junge Künstler mit ein. In den 1970er- oder 1980er-Jahren geboren, stellen sie sich selbst in den Kontext ostdeutscher Kunstproduktion. Erfrischend kühn sind die Signets der von der Treuhand abgewickelten DDR-Betriebe. David Polzin erfindet deren Logos in Schwarz-Weiß und in Serie neu, um eine andere Transformationsgeschichte zu schreiben.

Peggy Meinfelder dagegen erinnert an die begehrten Westpakete. Für die Künstlerin werden Kaffeepulver, Mandeln und Maoam, Duplo, Gummibärchen und Smarties zum Material für einen runden Tisch der Begehrlichkeiten. Eine Süße, in die sich bald schon die Bitternis des so mühsamen wie schmerzhaften Prozesses der Wiedervereinigung mischen sollte.

„Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“ bis 3. November 2019 im Museum der bildenden Künste, Leipzig. Katalog im Hirmer Verlag, 35 Euro im Museum, 45 Euro im Handel. Großes Begleitprogramm: www.mdbk.de

Mehr: Verfemte Kunst. Lesen Sie hier über eine Sammlung mit Künstlern, die Deutschland in der Nazi-Zeit verlassen mussten.

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