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Kunst in der NS-Zeit Harmlose Bilder in gefährlichen Zeiten

Zwei Ausstellungen in Berlin suchen nach den Spuren, die der Nationalsozialismus im künstlerischen Werk der Expressionisten hinterlassen hat.
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Das Ölbild „Junge mit Schneebällen und drei Nelken“ (1937) ist ein Tribut an den Sofabild-Geschmack. Quelle: Max Pechstein Urheberrechtsgemeinschaft, Hamburg/Tökendorf; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Max Pechstein

Das Ölbild „Junge mit Schneebällen und drei Nelken“ (1937) ist ein Tribut an den Sofabild-Geschmack.

(Foto: Max Pechstein Urheberrechtsgemeinschaft, Hamburg/Tökendorf; VG Bild-Kunst, Bonn 2019 )

BerlinDen einen galt er als urdeutscher Maler schlechthin, als „Vorläufer des Neuen in einer Zeit, die ihn einsam ließ“. Für Andere war er der „nordische Barbar“ oder ein Vertreter der von Hitler angeprangerten „Verfallskunst“. Seine Präsenz in frühen Stationen (München und Berlin) der nationalsozialistischen Schandausstellung „Entartete Kunst“ und das 1941 mit dem Ausschluss aus der Reichskunstkammer verbundene Malverbot machten ihn nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der meistgefeierten Künstler der expressionistischen Jahrzehnte.

Doch es gab auch den anderen Nolde, der Antisemit, Verfasser eines „Entjudungsplans“, linientreuer Parteigenosse, Hitler-Verehrer und über 1937 hinaus wirtschaftlicher Nutznießer seiner von vielen als urdeutsch empfundenen Farbgewalt war. In der Ausstellungspolitik und Kunstgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit blieb das meist unausgesprochen, was nicht zuletzt Ausdruck eines jahrzehntelang von der Nolde Stiftung Seebüll propagierten Nolde-Bildes ist. Die hat jetzt auch das belastende Material aus ihrem Archiv gehoben. Es bildet mit Leihgaben und Eigenbesitz der Berliner Nationalgalerie das Futter für eine materialreiche Ausstellung im Hamburger Bahnhof.

listet 1937 auch viele Expressionisten auf. Quelle: Brücke Museum
Der Ausstellungsführer „Entartete Kunst“

listet 1937 auch viele Expressionisten auf.

(Foto: Brücke Museum)

Die Ausstellung will nicht denunzieren, sondern das Charakterbild eines Künstlers revidieren, das in der Nachkriegsära im Sinne einer kunsthistorischen Wiedergutmachung gereinigt war.

Welche neuen Informationen gibt uns die Ausstellung? Eine überraschende Erkenntnis ist die Tatsache, dass Nolde auch in der Nazizeit einer der bestverdienenden Expressionisten war. Sein Jahresverdienst lag unmittelbar vor der Aktion „entartete Kunst“ bei 77.000 Reichsmark. Und auch in den Jahren offizieller Verfemung stockte der Verkauf seiner Werke nicht. Auch die Legende der „Ungemalten Bilder“, die nach dem Krieg als Belege einer inneren Emigration galten, wird relativiert. Nolde hatte diesen Terminus schon sehr viel früher für kleinformatige Aquarelle benutzt, die er als Vorlage für später entstandene Gemälde verwendete.

Mit Wikinger-Bildern aus dem Fundus der Nolde Stiftung Seebüll wird die These vertreten, der Maler habe sich den Nazis thematisch angebiedert. Doch wer das Werkverzeichnis der Gemälde durchgeht, wird Wikinger-Porträts finden, die schon im Jahr 1912 entstanden sind. Bereits 1920 charakterisiert Wilhelm Hausenstein den Maler als Nordgermanen, als einen Mann aus dem Bereich der „Wickinger“ (sic).

Als Nutznießer des braunen Systems kann man Nolde schwerlich bezeichnen, auch wenn er in den ersten Jahren der Nazi-Diktatur als nordisches Gegenbild zu Max Liebermann hingestellt wurde. Was seiner Vita einen bösen Beigeschmack verleiht, sind seine Anbiederungen an hohe Parteigenossen, seine Briefe an Goebbels und Hitler, seine Herabwürdigung anderer erfolgreicher Künstler, vor allem Max Pechstein, den den er als Juden diffamierte, worauf dieser seinen arischen Stammbaum offenlegen musste.

Dokumente zeigen, dass Nolde noch in der letzten Kriegsphase an den Endsieg glaubte. Angesichts dieser Fakten ist es durchaus legitim, dass die Kanzlerin zwei Nolde abhängen ließ, die in Regierungsräumen die unbefleckte Moderne repräsentieren sollte. Für Museen gelten andere Gesetze. Und der passionierte Expressionisten-Sammler wird schwerlich auf einen Künstler verzichten, der aus dem Kanon dieser Epoche nicht weg zu dividieren ist.

„Flucht in die Bilder?“ heißt eine weitere Doppelausstellung, die dem Wirken der Brücke-Künstler im Nationalsozialismus gewidmet ist. Das Berliner Brücke Museum und das benachbarte Kunsthaus Dahlem zeigen Werke und Dokumente, die Überlebenswillen zeigen, die einen vom Parteigängertum freien Übergang in die Nachkriegsperiode bezeugen. Es ist allerdings auch kein Makel, dass in einer Zeit, die allen avantgardistischen Tendenzen feindlich gesonnen war, Malstil und Bildthemen „harmloser“ wurden, ohne dass es zu einem harten Bruch im Gesamtwerk der jeweiligen Künstler kam.

der sich 1938 das Leben nahm, hatte schon um 1927 in der Schweiz einen fundamentalen Stilwandel vollzogen, der sich dem Menschenbild Picassos annäherte. Hier ein Blick in die Ausstellung
Ernst Ludwig Kirchner

der sich 1938 das Leben nahm, hatte schon um 1927 in der Schweiz einen fundamentalen Stilwandel vollzogen, der sich dem Menschenbild Picassos annäherte. Hier ein Blick in die Ausstellung "Flucht in die Bilder?".

Nur Ernst Ludwig Kirchner, der sich 1938 das Leben nahm, hatte schon um 1927 in der Schweiz einen fundamentalen Stilwandel vollzogen, der sich dem Menschenbild Picassos annäherte. Max Pechstein, dessen finanzielle Lage schon bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht gerade rosig war, hatte in den Folgejahren magere Jahreseinkünfte, die bei 646 bis 3.000 Reichsmark lagen. Stilistisch war seine Kunst schon in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre stark ins Dekorative abgeglitten.

Ein Bild wie Pechsteins hier ausgestellter „Junge mit Schneebällen und drei Nelken“ kann mehr als Tribut an den Sofabild-Geschmack denn als Anbiederung an die Nazi-Ästhetik angesehen werden. Nur in einem Wandmalerei-Entwurf für die sogenannten Häuser der Arbeit von 1934 ist mit Hammer schwingenden Arbeitern unter einem Hakenkreuz naturalistische Anbiederung an das Regime zu erkennen.

Auch Erich Heckel hatte in den zwanziger Jahren seine Gemälde und Aquarelle von allem Expressionismus entschlackt, so dass sie als Beispiele eines neuen Akademismus wirken konnten. Der Rückzug in das ländliche Hemmenhofen wirkte als Ausdrucksdämpfer. Das Menschenbild in den Strandszenen war schon um 1925 auf einen gefälligen Klassizismus reduziert, so dass sich das jetzt aus dem Nachlass ausgeliehene Triptychon „Jungen am Strand“ von 1934 als Fortsetzung dieser Manier präsentiert. Und brave Stillleben und Landschaften schuf der Künstler schon vor der Nazi-Ära und blieb diesem harmlosen Stil bis in die fünfziger Jahre treu.

Karl Schmidt-Rottluffs

"Brücke mit Eisbrechern" (1934) hat nichts Anbiederndes an sich. Das Ölgemälde bewahrt das Brücke Museum in Berlin.

(Foto: VG-Bildkunst, Bonn 2019)

Karl Schmidt-Rottluff ist der Maler, dessen Bildkraft sich ungeschönt ins vierte und fünfte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinüber rettete. Die von kräftigen Diagonalen geprägte „Brücke mit Eisbrechern“ (1934) wurde von Kunsthistorikern der Nachkriegszeit als „Metapher des Widerstands“ interpretiert, obwohl sie nur eine von vielen markanten, stark konturierten Landschaftsdarstellungen dieser Periode ist. Erst in dem „Blockadestilleben“ von 1948 konkretisiert sich das politische Zeitgefühl. Zwei Jahre zuvor war er in Chemnitz Mitglied der SED geworden, von der er sich nach der Rückkehr nach Berlin distanzierte.

In der Fortschreibung der Kunstgeschichte werden die mehr oder minder verfemten Künstler zu Heroen einer inneren Emigration, zu den Vertretern einer historischen Avantgarde, die es ideell und finanziell zu entschädigen galt. Auch als Antipoden einer immer dominanteren Abstraktion hatten sie einen festen Platz im Ausstellungswesen, der Publizistik und dem Markt der Nachkriegsjahrzehnte.

Alte Netzwerke wie die Galerien Nierendorf, Ferdinand Möller, Günther Franke, Alex Vömel und Kunsthistoriker wie Edwin Redslob, Alfred Hentzen und Leopold Reidemeister, der 1967 das Brücke Museum eröffnete, waren Protagonisten der Wiedergutmachung. Die deutschen Museen konkurrierten im Rückkauf ab 1937 konfiszierter Bilder und Graphiken auf deutschem und internationalen Parkett. Bis heute sind die Expressionisten der Brücke Marktheroen, deren Erscheinungsbild die Zeitgeschichte nicht trüben kann.

„Emil Nolde. Eine deutsche Legende“ läuft bis bis 15. September 2019 im Hamburger Bahnhof, Berlin. Katalog und Dokumentationsband kosten je 39,50 Euro.

„Flucht in die Bilder?“ läuft im Brücke Museum und Kunsthaus Dahlem, Berlin, bis 11. August 2019. Der Katalog kostet 39,50 Euro .

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