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Kunst und Blockchain Die neue Wunderpille für den Kunstmarkt kommt aus der Tech-Branche

Ihre Fälschungssicherheit macht die Blockchain für den Kunstmarkt interessant. Das Für und Wider dieser Technologie legte eine Konferenz offen.
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Auf dem ersten Art + Tech Summit bei Christie's kommen Ideen und Start ups auf den Prüfstand. Quelle: Christie's
Zukunftstechnologie für den Kunstmarkt

Auf dem ersten Art + Tech Summit bei Christie's kommen Ideen und Start ups auf den Prüfstand.

(Foto: Christie's)

LondonDas Interesse an der Blockchain-Technologie breitet sich auch im Kunstmarkt rapide aus. Wird es von einigen Fürsprechern als Heiliger Gral zur Rettung des Handels stilisiert, verdammen Skeptiker den Spurt auf ein neues Eldorado, das vor allem von Spekulanten unmoralisch ausgenutzt würde. Im Mittelfeld weisen vor allem Anwälte, Versicherungs- und Technikexperten auf die realen Möglichkeiten, aber auch Problematiken der gehypten Technologie hin – während sich viele Kunstfachleute verwirrt ansehen und hinter vorgehaltener Hand fragen, worum es hier eigentlich geht.

Blockchain ist eine recht junge digitale Technologie, die die Pflege von Datenbanken radikal vereinfachen soll. Die Idee dahinter ist einfach: Während herkömmliche Datenbanken von einem zentralen Buchhalter geführt werden, dem die Nutzer vertrauen müssen, wird die Blockchain-Datenbank von allen Nutzern gemeinschaftlich verwaltet.

Die Blockchain selbst ist nichts anderes als ein digitales Kassenbuch, das jeden Tag um neue Datenblöcke erweitert wird. In ihnen sind alle Transaktionen – etwa von Bitcoins, Besitzurkunden oder Frachtbriefen – zwischen den Nutzern transparent verzeichnet. Gespeichert wird die Datenbank nicht zentral an einem Ort, sondern auf Tausenden Rechnern weltweit. Da jeder Nutzer eine Kopie besitzt, können Manipulationen schnell aufgedeckt werden. Das macht die Blockchain praktisch fälschungssicher.

Genutzt wird die Technik bisher vor allem im spekulativen Markt der Kryptowährungen wie Bitcoin. Daneben wird sie von ersten Unternehmen aus dem Finanz- und Logistikbereich eingesetzt, um internationale Geld- und Warenströme effizienter und ohne zwischengeschaltete Drittinstanz zu verwalten.
Warum das Ganze für den Kunsthandel attraktiv ist, wurde kürzlich auf dem ersten Art + Tech Summit bei Christie’s in London diskutiert, co-organisiert von Vastari, einer Onlinefirma, die Sammlungsleihgaben und Wanderausstellungen vermittelt.

Die 42 Zahlen und Buchstaben sind eine Kryptowährungsadresse. Der Titel spielt auf den Lamborghini an, den sich ein früher Spekulant dank seines sagenhaften Reichtums leisten konnte. Quelle: Christie’s
Kevin Abosch vor seiner Neonarbeit „Yellow Lambo“

Die 42 Zahlen und Buchstaben sind eine Kryptowährungsadresse. Der Titel spielt auf den Lamborghini an, den sich ein früher Spekulant dank seines sagenhaften Reichtums leisten konnte.

(Foto: Christie’s)

Immer wieder wird in Diskussionen Transparenz betont, eine Eigenschaft, die angeblich im Zentrum der Blockchain steht und nach der der Kunstmarkt immer wieder mit wechselnden Erfolgen strebt. Die Christie’s-Fotoexpertin Anne Bracegirdle wies auf der Konferenz auf die unzähligen Möglichkeiten und Vorteile hin, die das Teilen von Informationen auf der Blockchain mit sich bringen kann. Sie machte sich für ein Register aller gehandelten Kunstwerke (mit Katalogangaben, Authentifizierungszertifikaten, Provenienzen und Verkaufspreisen) stark, das sich fälschungssicher immer weiter fortschreiben lässt. Das ist ein schöner Traum.

Dass ihn eine Mitarbeiterin eines Auktionshauses träumt, bringt allerdings eine gewisse Ironie mit sich. In einem opaken Markt – in dem Auktionshäuser nach Versteigerungen unverkaufte Lose aus Onlinekatalogen herausnehmen und Nachverkäufe nicht bekanntgeben und in dem Wissen immer noch Macht ist – ist unklar, warum eine neue Technologie zum Umdenken führen soll.

Neben Transparenz werden die Nutzung zur Erstellung unkorrumpierbarer Provenienzen und die Bestätigung von Authentizität von Kunstwerken ins Feld geführt. Unmanipulierbar gespeicherte Daten sind aber immer nur so gut wie ihre Quelle, wie Nanne Dekking, Chairman der Tefaf (The European Fine Art Foundation) auf dem Summit klar aufzeigt: „Blockchain ist keine Wunderpille.“ Authentizität unumstritten nachweisen kann im Endeffekt nur der lebende Künstler. Versuche, Pässe für Kunstwerke und Künstler einzuführen, werden diskutiert und erprobt.

Die Idee des Teileigentums

Spannende Initiativen versuchen, die Rechte von Künstlern besser zu schützen und somit größere Fairness für Produzenten im Kreativmarkt zu erreichen. Die Ideenfabrik Mycelia hat einen kreativen Pass für Musiker geschaffen, in dem deren Rechte, Lizenzen und Copyright gespeichert werden. Obwohl das für nicht mit digitalen Medien arbeitende Künstler technisch schwieriger ist, gibt es auch hier Pilotprojekte.

Auf Käuferseite ist die Idee des Teileigentums wieder neu im Gespräch. Die verschiedenen Modelle hier sind aber meist noch in der Testphase. Feral Horses, gegründet von dem Italiener Francesco Bellanca, erlaubt Käufern mit einer Einlage von nur fünf Euro, Anteile von Kunstwerken zu erwerben. Die Firma arbeitet direkt mit Künstlern, die ihre Sammlerkreise erweitern wollen.

Die Schweizer Firma Tend will Teileigentum so anbieten, dass Kunstwerke temporär von Anteilseignern genutzt, das heißt betrachtet werden können. Beiden ist gemeinsam, dass sie verstehen, dass Menschen Kunst real erfahren wollen. Ob mit oder ohne Blockchain, man kann sich vorstellen, dass es dafür einen Markt gibt.

Die von der Presse oft bedachte Firma Maecenas geht einen anderen Weg. Sie sieht Kunst einzig als Anlageklasse. Zurzeit versteigert die Firma als Test 49 Prozent Anteile an Andy Warhols „14 Small Electric Chairs, Reversal Series“ (1980), angeboten von ihrem Partner, dem Dadiani Syndicate. Die mit Kryptowährung ersteigerten Anteile an etablierter Kunst können danach frei gehandelt werden.

Allerdings handelt es sich bei dieser spezifischen Arbeit um ein unverkauftes Los aus einer Auktion von 2016 bei Bonhams in London. Wird sie nun mit einer Einlage von nur 5.000 US-Dollar auf mehr Interesse stoßen? Die Webseite der Firma weist übrigens nicht auf die Verkaufsgeschichte der Arbeit hin – so viel zur Transparenz.

mit Georgina Adam, Hans Ulrich Obrist, Sylvie Gleises, Kati Price und Richard Entrup (von li.) Quelle: Christie’s
Podium auf dem Art + Tech Summit bei Christie's

mit Georgina Adam, Hans Ulrich Obrist, Sylvie Gleises, Kati Price und Richard Entrup (von li.)

(Foto: Christie’s)

Es gibt also eine ganze Reihe von Problemen mit der Anwendung dieser noch unausgereiften Technik, die allerdings nicht nur im Anwendungsbereich, sondern in der Technologie selbst liegen. Die dezentrale Datenspeicherung auf Datenwolken ist ein Albtraum für Regulierung und Gesetzgebung. Die neue Datenschutz-Grundverordnung erlaubt schon gar nicht die Speicherung von persönlichen Daten an verschiedenen Orten im Netz, noch die Tatsache, dass Daten nicht gelöscht werden können, wie Jonathan Kewley, Partner bei der Clifford Chance Tech Group, auf Christie’s Summit betont. Außerdem können Transaktionen oftmals noch gar nicht in großem Umfang getätigt werden – und sie sind außerdem teuer.

Für den Kunstmarkt selbst, in dem es kaum industrieweite Standards oder Akkreditierungen gibt, wird es vor allem für Kunden zum Problem, wenn jeder eine Blockchain-Internetplattform betreiben kann, ohne dafür Qualitäten im Kunst- oder Technikbereich nachweisen zu müssen. Bellanca weist generell auf den Nachholbedarf der Kunstbranche hin. Seiner Meinung nach „gibt es nicht genug Wissen über Technologien im Kunsthandel“.

Damit steigt auch die Gefahr, unwissentlich unsoliden Anbietern zu folgen. Anton Ruddenklau, Fintech-Experte bei KPMG, warnt auf dem Summit drastisch vor dem blinden Vertrauen in Blockchain. „Technologie macht die Menschen der Welt nicht besser – seien Sie vorsichtig.“ Weder Betrug, Geldwäsche, Fälschungen noch fehlende Transparenz lassen sich mit einer neuen Technologie beseitigen. Wenn Fotoexpertin Bracegirdle das Revolutionspotenzial der Blockchain herbeireden will, so liegt dieses doch noch in weiter Ferne.

Aber im Umgang mit der Kunst weiß man ja: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und dass laut Sébastien Genco von Deloitte zurzeit nur fünf Prozent aller Blockchain-Investments in die Kunst fließen, sagt einiges. Wer dennoch die Finger nicht davonlassen kann, investiert am besten gleich in digitale Blockchainkunst. „CryptoPunks“ und „CryptoKitties“ erfreuen sich weiterhin eines Booms und einer Wertsteigerung, von der mancher Eigentümer eines Warhols nur träumen kann.

Mitarbeit: Felix Holtermann

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